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Das Weizenkorn
Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht.
Abendkühle liegt über dem Garten Gethsemane. Noch ist es still. Nur hier und da ist das Zirpen einer Grille zu hören. Ein Vogel fliegt auf. Das Klatschen der Flügel lässt sie erschrecken. Im Kreis der Freunde wird wenig gesprochen. Es liegt eine Spannung in der Luft, die einigen schier den Hals zuschnürt.
In der Ferne der Schein von Fackeln. Sie kommen. Petrus sucht mit seinen Augen die der anderen. Sein Blick ist entschlossen. Mit seiner rechten Hand umfasst er fest den Knauf seines Schwertes. So als ob er sich noch einmal vergewissern wollte, dass es noch da ist. Seine Ge-danken gehen zurück. Ihm kommt in den Sinn, wie es war, als sie sich zum ersten mal begegnet waren. Und dann der Streit mit seiner Frau. Denkst du denn gar nicht an deine Familie? Was rennst du diesem Jesus nach? Kannst du mir mal erklären, was an dem so besonders ist? Wie sehr hatte sich sein Leben seit jenen Tagen verändert! Aber: er bereute nichts. Außerdem: jetzt gab es kein Zurück mehr, das war ihm klar. Mit gefangen, mit gehangen.
Korn, das in die Erde, in den Tod versinkt, Keim, der aus dem Acker in den Morgen dringt Liebe lebt auf, die längst erstorben schien: Liebe wächst wie Weizen und ihr Halm ist grün.
Er sah Jesus an. Nein, sie waren sich keineswegs immer einig gewesen. Sie hatten sich manches mal in die Haare gekriegt. Mehr als einmal hatte er ihm gesagt: du kannst mich mal.. Er wäre ja auch nicht der erste gewesen, der den Kreis der Freunde verlassen hätte. Wollt ihr auch gehen? hatte ihn Jesus einmal gefragt, als sie mit noch ein paar anderen aus dem Kreis zusammen gewesen waren. Nein, er wollte nicht gehen. Er wusste nicht, warum. Es war nicht die Faszination, die er aus der Zeit seiner Jugend kannte. Nein. Irgend etwas hielt ihn in seiner Nähe. Trotzdem.
Korn, das in die Erde, in den Tod versinkt, Keim, der aus dem Acker in den Morgen dringt Liebe lebt auf, die längst erstorben schien: Liebe wächst wie Weizen und ihr Halm ist grün.
Jetzt kommen sie näher. Gedämpfte Stimmen sind zu hören. Auch das Licht der Fackeln ist nun deutlicher zu erkennen. Eine Hand legt sich um seine Schulter. Johannes lehnt sich näher an ihn an. Sie blicken sich schweigend an. Johannes ist ängstlich, das spürt Petrus. Er ist es auch, aber er versucht, es nach außen hin zu verbergen. Jetzt sind auch die Umrisse der ersten Soldaten zu sehen. Noch einmal tastet er nach dem Griff seins Schwertes. Wie viele es wohl sind? Petrus versucht, sich ein Bild zu machen. Er kneift die Augen zusammen. Also doch! Neben den Soldaten, die den Zug anführen, da geht einer, den er kennt. Es ist Judas. Mistkerl, verfluchter zischt er leise. Aber warte! Dich kriege ich auch noch mal zu fassen. Dann rechnen wir ab. Jetzt sind sie nur noch ein paar Meter entfernt. Es sind zu viele, denkt Petrus. Da hört er laut und klar die Stimme seines Freundes. Noch bevor einer von den Soldaten irgendetwas sagt, kommt Jesus ihnen mit einer Frage zuvor. Wen sucht ihr? Die Soldaten bleiben in sicherem Abstand stehen. Es herrscht einen Moment lang knisternde Stille. Judas flüstert dem Hauptmann etwas ins Ohr und zeigt mit dem Finger in Richtung Jesus. Jesus von Nazareth, sagt der Hauptmann. Wieder Stille. Jesus tritt ein paar Schritte nach vorne und gibt sich zu erkennen. Die anderen bleiben wie angewurzelt hinter ihn stehen. Wenn ihr mich sucht, dann lasst die hier gehen, sagt Jesus und deutet dabei mit einer leichten Kopfbewegung auf die Freunde, die hinter ihm stehen.
Über Gottes Liebe brach die Welt den Stab, wälzte ihren Felsen vor der Liebe Grab. Jesus ist tot. Wie sollte er noch fliehen? Liebe wächst wie Weizen und ihr Halm ist grün.
Petrus hielt sich in sicherem Abstand hinter den Soldaten, die mit Jesus in Richtung Innenstadt davon zogen. Bis in den Palast des Hohepriestes hinein blieb er ihnen auf den Fersen. Ob Jesus es gespürt hatte, dass er, sein Freund, ihm nachgefolgt war? Als er Jesus mit drei Soldaten in einem Raum verschwand, da wusste er, dass er nichts mehr für ihn tun konnte. Seine Wut schlug in Trauer um. Er setzte sich erst einmal hin. Er fühlte sich unendlich einsam. So saß er da und wollte eigentlich nur in Ruhe gelassen werden. Da hörte er, wie ihn jemand ansprach: He, Moment, ich kenne dich! Du gehörst auch zu dem, den sie gerade verhaftet haben, ich habe dich ein paar mal mit ihm zusammen gesehen. Du musst mich mit jemand verwechseln, ich kenne den nicht, antwortete Petrus.
Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein, wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht.
Petrus schüttelte den Kopf. Er wusste nicht, wieso ihm dieses Wort vom Weizenkorn ausgerechnet gerade jetzt einfiel. Es kam ihm so vor, als mischte sich Jesus in seine Traurigkeit und seine wirren Gedanken ein. Er fühlte sich hundeelend, wie ein Verräter und er schämte sich. Er hatte nicht den Mut gehabt, zuzugeben, dass er zum Kreis der Freunde Jesu gehört. Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt, brummelte er vor sich hin. Das war er ja gewohnt von seinem Freund Jesus. Er sagte manchmal Dinge, die auf Anhieb keiner verstand. Manchmal hatte er sich schon darüber geärgert. Jetzt fragte er sich: War denn alles umsonst? Ein schöner Traum, der wie eine Seifenblase zerplatzt war? Und doch fühlte er sich Jesus seltsam nahe, indem er sich das Wort vom Weizenkorn immer wieder selbst vorsagte.
Im Gestein verloren Gottes Samenkorn, unser Herz gefangen in Gestrüpp und Dorn. Hin ging die Nacht, der dritte Tag erschien: Liebe wächst wie Weizen und ihr Halm ist grün.
Das Weizenkorn
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