Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

13.03.06, 5.56 Uhr, Pfarrerin Julia Neuschwander

Kaffee

Kein Getränk ist so protestantisch wie der Kaffee. Das jedenfalls haben Untersuchungen holländischer Wissenschaftler ergeben. Sie fanden heraus, dass im 17. Jahrhundert

gerade die Protestanten dem Kaffee in Europa zum Durchbruch verhalfen. Der Genuss spielte für sie damals keine Rolle. Das hätte man bei den puritanischen Protestanten auch nicht vermutet. Für sie waren ganz andere Dinge wichtig, in ihrem Leben und auch in ihrem Genießen. Alles musste einen Zweck haben, musste dem Reich Gottes dienen. Und dazu war besonders wichtig, keine Minute des Lebens ungenutzt verstreichen zu lassen. Schon die Preußen wussten, dass nur verweichlichte Menschen sechs Stunden Schlaf brauchen. Erstrebenswert waren dagegen vier oder noch weniger. In der gewonnen Zeit sollte etwas geleistet werden. Zum Lobe Gottes, der ein Gefallen an fleißigen Workaholics zu haben schien. Arbeitsschädliche Einflüsse auf den Menschen sollten wirksam gebannt werden. In dieses Denken hinein kommt nun das neuartige schwarze Getränk.  Bier und Wein, Symbole des Müßiggangs, wurden abgelöst durch den neu entdeckten Kaffee.

Der „große Ernüchterer“, wie sie ihn nannten, entsprach genau der protestantischen Arbeitsmoral. Wer ihn trank, blieb fit und arbeitsfähig. Da war es plötzlich kein Problem mehr, ein paar Stunden länger durchzuhalten. Und genau das war das Ziel der Protestanten. Ihre Arbeitsmoral war geprägt von Demut, Askese und Fleiß. Der Kaffee unterstützte das in ausgezeichneter Weise. Dass er dabei auch noch gut schmeckte, spielte, wie gesagt, eine untergeordnete Rolle. Wichtiger war da eher noch eine andere Eigenschaft des Kaffees. Er sollte angeblich die sexuellen Begierden zügeln. Auch etwas, was puritanische Protestanten freute. Denn Lust und Leidenschaft wurden der beruflichen Leistung untergeordnet.. Denn in keinem Fall sollen Lust und Leidenschaft vom eigentlichen Auftrag des Menschen abhalten. Und der ist optimierte Leistung, den ganzen Tag lang, das ganze Leben.

Der Kaffee ist protestantisch.. Auch heute noch, wenn Protestanten sich stark verändert haben seit den puritanischen Zeiten. Denn längst haben sie auch die festlichen Momente des Lebens entdeckt. Da passt ein Tässchen Kaffee gut hinein. Und als Aufputschdroge nehmen sie ihn natürlich immer noch. Denn für viele ist ein Aufstehen ohne den schwarzen Muntermacher nur schwer vorstellbar. Auch in katholischen Stuben hat der Kaffee längst seinen Einzug gehalten. Und so bringt die Tasse des schwarzen Muntermachers heute Menschen auch ökumenisch auf Trab, wenn sie ihre Arbeit unterbrechen und sich zusammensetzen zu einem Schlückchen Kaffee. Inzwischen hat es der Kaffee längst geschafft, Fleiß und Durchhaltevermögen mit Genuss zu verbinden. Jetzt kann jeder und jede entscheiden, warum er oder sie sich eine Tasse Kaffee gönnt. Ob protestantisch oder nicht.  

Audiobeitrag Kaffee


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