Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

14.03.06, 5.56 Uhr, Julia Neuschwander

Das Bilderverbot im Christentum

Ein Bilderverbot gibt es in verschiedenen Religionen. Auch wir Christen haben in unserer Religion das geltende Tabu, Gott im Bild darzustellen und zu verehren. Um über andere

Religionen urteilen zu können, denke ich, ist es erst einmal wichtig, die eigene genau zu kennen.
Unser eigenes Bilderverbot, wie es im Zweiten der Zehn Gebote heute noch im Konfirmandenunterricht auswendig gelernt wird, ist nicht ganz einfach zu verstehen.

Kein Mensch hat Gott je gesehen, sagt man. Der Mensch, der Gott geschaut hat, muss sterben, erzählt uns die Bibel. Nur wenige Menschen, berichtet das Alte Testament, haben Gott wirklich gesehen. Und die, die Gott in Traum oder Vision so nahe kamen, waren stets in einer Extremsituation, standen zwischen Leben und Tod, mussten fast vergehen, wenn sie vor dem Heiligen standen. Auch Mose spürte, wie Gefahr und Heiliges in eins gehen. „Ziehe deine Schuhe aus, denn du betrittst heiliges Land.“ hörte er aus dem brennenden Dornbusch, der brennt und sich nicht verzehrt. Dabei ist der Dornbusch typisch für die Art, wie Gott sich den Menschen zeigt. Denn im sichtbaren brennenden Dornbusch offenbart sich Gott dem Mose und entzieht sich ihm gleich zeitig wieder. Erscheinung und Verborgenheit, Unsichtbarkeit und Sichtbarwerden sind also keine Gegensätze, sondern gehören zum Wesen Gottes.

Kein Mensch hat Gott je gesehen – und wir Menschen sollen uns auch kein Bild von Gott machen und es anbeten, so lautet das Zweite Gebot. . Andererseits dürfen und sollen wir Menschen sogar nach der Bibel in vielen Bildern menschlich von Gott sprechen, um uns mit menschlicher Vorstellung dem Unfassbaren zu nähern. Denn der, der in einem Bild nicht angebetet werden darf, erschließt sich uns Menschen nur, wenn wir in vielen Bildern von Gott sprechen. Wenn wir jeden Tag neue Bilder von Gott suchen, die seine Nähe und seine Besonderheit in der jeweiligen Situation für uns ausmachen. Für manche kann ist das Gott, der wie Vater und Mutter für uns ist, oder Gott, die Quelle, oder Gott, der feste Grund, auf dem ich stehe. Kinder sind noch viel kreativer und finden so originelle Definitionen von Gott wie zum Beispiel ein Mädchen aus der vierten Klasse: „Ich stelle mir Gott wie eine riesige Hand vor, die die Welt in Händen hält. Oder wie ganz viele Blubb-Blubb-Blasen unter Wasser und auf dem Land, wie eine ganz große Decke, die einen beschützt.“

„Wer bist du?“ hat Moses gefragt. Und Gott hat seinen Namen so verraten: „Ich werde sein, der ich sein werde“ Moses Frage wird gleichzeitig beantwortet und zurückgewiesen. Es gibt keine feste vergleichbare Größe für Gott. Alle Bilder von Gott müssen wieder zerspringen. Es bedeutet aber auch Tröstliches: ich werde mich dir jeweils so erweisen, wie du es in der jeweiligen Situation brauchst.


 

Audiobeitrag Das Bilderverbot im Christentum


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