Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

15.03.06, 5.56 Uhr, Julia Neuschwander

Palliativstation

Wo möchten Sie gerne einmal sterben? In Ihrem eigenen Bett oder im Krankenhaus? So gefragt, würde ich mich spontan für mein eigenes Bett entscheiden. Das Bett, in dem ich

über die Jahre abends eingeschlafen und morgens wieder aufgewacht bin. Das Bett, das zeitweise über die Jahre schon mein Krankenbett war und vielleicht in den letzten Monaten mein ständiger Ort. Im vertrauten Zimmer, vielleicht noch einige enge Familienmitglieder um mich, die meine Hand halten, so könnte ich dann getrost meinen letzten Atemzug tun, stelle ich mir vor. Eine friedliche Szene wie sie in Kupferstichen voriger Jahrhunderte nadelfein festgehalten sein könnte. Alle Details vom frisch gestärkten Rüschenhäubchen bis hin zu den Löckchen des Neugeborenen, des Enkelchens, das eine meiner Töchter im Sterbezimmer im Arm hält. Eine gespannte intensive und zugleich friedvolle Stimmung im Zimmer. Ich kann es mir so richtig gut vorstellenSchön, wenn man tatsächlich so zum letzten Mal einschlafen kann, so Abschied nehmen kann, bewusst und ruhig, im Kreise seiner Lieben ohne Angst vor dem Tod.

Die Wirklichkeit kann aber auch ganz anders aussehen. Zuhause sterben ist  nur noch wenigen Menschen möglich. Und dort, wo es möglich ist, herrschen auch nicht immer diese idyllischen Zustände. Schwierigkeiten habe ich damit, wenn eine Familie mir teils stolz, teils sichtlich entsetzt erzählt, wie ihr Opa, ihre Oma oder ein anderes nahes Familienmitglied zuhause gestorben ist. Wenn von entsetzlichen Schmerzen die Rede ist, die alle vielleicht noch über Wochen mitbekommen haben. Wenn der Tod wirklich als Todeskampf ins Leben tritt. Vielleicht wäre es dann doch besser, den Traum vom guten Sterben zuhause aufzugeben und ins Krankenhaus zu gehen.  Viele Krankenhäuser verfügen bereits über eine solche besondere Station, die Sterbende über Wochen, Monate begleitet mit dem entsprechenden Know-how und eben auch den entsprechenden Schmerzmitteln, die sogenannte Palliativstation. Wenn keine Heilung mehr möglich ist, dann soll trotzdem in bester Weise für Körper und Seele gesorgt werden. Die richtige Menge an Schmerzmitteln  für den jeweiligen Patienten und Linderung der Leiden  sind  Ziele dieser besonderen Krankenhausstation. Die Erfahrung des dortigen Personals und spezielles Wissen kommen den Patienten zugute.  Krankenhausseelsorger begleiten Patienten und Angehörige auf ihrem Weg. Keiner muss unnötige Schmerzen erdulden. Bei aller Liebe und Aufopferung  sind  Angehörige unheilbar Kranker mit der Pflege zuhause  oft überfordert.
Dagegen kann es in den letzten Wochen wirklich ein Segen sein, wenn der Kranke ohne zu starke Schmerzen noch Gespräche mit Familienmitgliedern führen kann. Wenn er die eigenen Angelegenheiten vor seinem Tod noch selbst regeln kann, wenn er sich zwischen durch sogar noch ein wenig entspannen kann.

„Sei geheilt von deinen Schmerzen!“ sagt Jesus zu einer Frau. Er wollte zeigen, wie Gott sich diese Welt wünscht. In Gottes Reich sollen alle Tränen abgewischt werden, auch der Tod soll dann nicht mehr sein. Auf dem Weg dahin bewegen wir uns bis heute, Seelsorger und Mediziner gemeinsam. In der Hoffnung, Menschen im Sinne Jesu zu begleiten, Schmerzen zu lindern und das Leben auch in schwierigen Momenten zu seinem Recht zu bringen.

Audiobeitrag Palliativstation


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