Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

18.03.06, 5.56 Uhr, Julia Neuschwander

Wiedertäufer

Auf der Suche nach meinen Wurzeln stoße ich evangelische Christin auf Überraschendes. Weil Menschen den Traum von Freiheit und einer besseren Welt träumten, konnte die

Kirche im 16. Jahrhundert erneuert werden. Aber auf diesem Weg zu einer neuen Kirche gab es auch viele Sackgassen. Als Irrweg bezeichnet man heute die Bewegung der Wiedertäufer. Robert Schneider berichtet in seinem Roman von Jan Beukels, dem Anführer dieser Bewegung, genannt Jan van Leyden. Und  wie alles begann -  in der Schule:

Sprecher:
„`Was willst du werden, Sohn des Beukels!“ Da ging der Lehrer zu ihm hin und griff das Pergamentblatt. Er blickte darauf. Dann noch mal. Ìhr Knaben, was glaubt ihr, was hier auf diesem Blatte steht?´ fragte der Lehrer. Niemand räusperte sich mehr oder hustete. `Wißt ihr, was unser Jan Beukels werden will?` und er hob das Pergament in die Höhe, auf dass jeder lesen konnte, was oben stand. `Pauwel! Was steht da?` `Da steht, Herr Meister Joest... da steht.... Christus.` `Ganz recht. Da steht Christus. Christus steht da.` Der Lehrer schwieg eine Zeit. `Wie schreibt man Christus?` `Man schreibt es mit Ch, nicht mit K, Herr Meister Joest.` Brav, Pauwel!“ Im selben Augenblick, da er noch den Pauwel lobte, knallte dem Jan eine so gewaltige Maulschelle ins Gesicht, dass er rücklings aus der Bank gehoben wurde und zu Boden fiel. (....)
`Niemand kann  Christus werden. Niemand!´“

„Kristus“ mit anstößigen K geschrieben, so lautet auch der Romantitel von Robert Schneider, in dem er die Wiedertäufer beschreibt. Viele einfache Menschen verließen damals ihre Dörfer und Städte, um dorthin zu ziehen, wo Gottes Wort wahrhaftig gepredigt wurde. Sie wollten frei sein und ohne Obrigkeit. In Münster glaubten sie, ihr Himmlisches Jerusalem gefunden zu haben.

Sprecher:
„Kaum zwei Wochen im Himmlischen Jerusalem, und Jan musste gewärtigen, wie sehr die Gemeinde Christi in sich zerstritten war. Lug und Trug, Haß und Zwist, Argwohn und Kränkung suchten die Herzen der Auserwählten heim. Kein Tag, an welchem sich nicht Katholiken, Protestanten und Täufer auf´s neue gegenseitig demütigten und beleidigten. Der Ort, der ihm anfänglich so friedfertig und paradiesisch erschienen war, war eine Hölle, in der das Unlautere obwaltete. Er sah es, auch wenn er nun mehr die Augen vor der Wirklichkeit verschloss.“

Wie psychosoziale Experimente, so lesen sich die historischen Versuche van Leydens und seiner Mitgläubigen, in der Stadt Münster eine neue Gemeinschaft zu errichten.
Was gut gemeint war, wird gegen Ende pervers: Jan van Leyden sieht sich selbst als Messias und König der Stadt, und bringt Tod und Verrat,  gerade denen, die ihn geliebt und an ihn geglaubt haben.  Am 22. Januar 1536  wurden sie hingerichtet, die Wiedertäufer, in Münster und zur Schau gestellt in Eisenkörben.

Die  Geschichte macht mich nachdenklich.  Einerseits sind wir Christen aufgerufen, am Reich Gottes mitzubauen. Andererseits ist nicht immer gut, was gut gemeint ist. Und zu leicht kann aus der religiösen Begeisterung für eine bessere Welt ein Irrweg werden. Immer dann, wenn Gewalt ins Spiel kommt.  Bis heute.

Audiobeitrag Wiedertäufer


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