Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

26.02.06, 8.05 Uhr, Prof. Wilhelm Gräb

Glauben und Wissen

Etwas zu wissen oder etwas zu glauben, das ist ein Unterschied, wie uns allen klar ist, verehrte Hörerinnen und Hörer. „Ich glaube, es regnet draußen.“

Mein Besucher, der klitschnass vor der Haustür steht, weiß es. Glaube ich nur, solange ich etwas nicht so genau weiß?  Oder hat das Glauben auch sein eigenes Recht? Ja, ich denke, das ist so, dann jedenfalls, wenn es um Gott geht. Ich denke, dass der Glaube im Unterschied zum Wissen die angemessene Weise ist, sich zu Gott zu verhalten. Wir können von Gott nichts wissen, aber ich bin dennoch der Meinung, dass es gute Gründe gibt, an ihn zu glauben. Ich heiße Wilhelm Gräb und lehre Praktische Theologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin.

In den Wissenschaften kommt Gott schon lange nicht mehr ernsthaft vor. Gott dient nicht mehr als Arbeithypothese, mit der man dort weiter zu kommen versucht, wo das Wissen – noch – an Grenzen stößt. Die Grenzen des Wissens werden schließlich immer weiter hinausgeschoben. Für einen Gott, der an den Grenzen des Wissens seine Zuständigkeit hätte, bliebe notwendigerweise immer weniger Raum. Nach der Entschlüsselung des menschlichen Genoms ist die Wissenschaft dabei, die Naturbedingungen des Lebens vollständig aufzuklären. Die Physik der Elementarteilchen wird die letzten Fragen zur Entstehung des Universums im Urknall beantworten. Die Evolutionstheorie, die die Höherentwicklung der Arten bis hin zum Menschen zu erklären beansprucht und dabei die Dinge anders darstellt als die Bibel, steht nicht ernsthaft in Frage.

Es ist in der Tat so, dass Gott kein Gegenstand der Wissenschaft ist, aber auch die Bibel nie beansprucht hat, eine mit der modernen Wissenschaft konkurrierende Welterklärung zu ge-ben. Deshalb sind auch alle Gottesbeweise gescheitert, um die sich Philosophen und Theologen immer wieder bemüht haben. Wissen ist nur von Sachverhalten möglich, die wir gegenständlich erfahren können. Gegenständlich gegeben ist Gott aber gerade nicht.

Gibt es Gott also gar nicht? Wie es die Welt und die Gegenstände in der Welt gibt, gibt es Gott nicht. Das hat mit verblüffender Klarheit kein Geringerer als Dietrich Bonhoeffer auch so ausgesprochen: ‚Einen Gott, den es gibt, den gibt es nicht.’ In seinen Briefen aus dem Tegeler Gefängnis wehrt Bonhoeffer sich gegen die Vergegenständlichung Gottes zu einem höchsten Wesen, das immer dann auf den Plan treten soll, wenn wir Menschen mit unseren Möglichkeiten am Ende sind. Der Lückenbüßergott, so Bonhoeffer, hat einen schlechten Stand. Er wird aus der modernen, wissenschaftlich-technischen Welt immer weiter hinausgedrängt. Die Menschen pochen in allen ihren Lebensbereichen, auch in der Moral und in der Kunst, auf ihre Selbständigkeit. Der menschliche Autonomieanspruch und Forscherdrang sind groß. Für einen Gott an den Grenzen des Wissens bleibt immer weniger zu tun. Die Menschen haben das gemerkt, so Bonhoeffer. Deshalb spielt Gott in den autonomen Lebensbereichen der Gesellschaft auch keine Rolle mehr. Gott hat sich in die Kirche zurückgezogen. Die Welt ist sich selbst überlassen. Gott ist zu einer inneren Angelegenheit der frommen Leute in gut bürgerlichen Kreisen geworden, klagt Bonhoeffer. Die meisten Menschen können nicht mehr religiös sein, wenn damit die Pflege frommer Innerlichkeit gemeint ist. Die modernen Men-schen trauen sich zu, auch die letzten Fragen aus eigener Kraft, mit einer immer weiter getriebenen Forschung, zu beantworten. Oder die modernen, aufgeklärten, desillusionierten Men-schen lassen die letzten Fragen eben auf sich beruhen. Der Gott an den Grenzen des Wissens jedenfalls wird zu einem Randphänomen. Er ist für die Wissenschaften uninteressant und im wirklichen Leben nur ein fauler Trost.

Bonhoeffers Kritik der bürgerlichen Religion und der frommen Innerlichkeit war vor allem gegen diese Haltung gerichtet, in der man sich erst dann auf Gott besinnt, wenn man nicht mehr weiter weiß, wenn es einem dreckig geht, man ansonsten aber Gott einen guten alten Mann sein lässt. Dann, so Bonhoeffers Argument, haben wir Gott auch an die Grenzen des Lebens verwiesen. Dann, und das war ja auch Bonhoeffers persönliche Erfahrung in der Einsamkeit seines politischen Widerstands gegen Hitler, bleibt der Anspruch ungehört, den Gott auf unser ganzes Leben macht.

Musik

Unerforschlich sind die Wege Gottes, so schreibt auch der Apostel Paulus am Ende des 11. Kap. seines Briefes an die Christengemeinde in Rom. Unerforschlich ist Gott. Wir haben kein Wissen von Gott und seinem Handeln. Aber im gleichen Zusammenhang ruft Paulus aus: „O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes.“ Unerforschlich ist Gott. Aber zugleich lobt Paulus Gott als das in Christus offenbare Geheimnis der Welt. Wie kommt Paulus dazu? Warum gibt es für ihn gute Gründe an Gott zu glauben, obwohl wir nichts von ihm wissen? Da müssen kurz auf den weiteren Zusammenhang im Römerbrief eingehen.

Der Apostel Paulus spricht im Brief an die Römer nicht von den Dingen, die wir theoretisch wissen können. Er spricht von der existentiellen Bedeutung, die das Kreuz und die Auferstehung Jesu für diejenigen haben, die daran glauben. Er spricht von der im christlichen Glauben begründeten Hoffnung auf die Befreiung von allem Übel. Er spricht von der Erwartung der Auferstehung von den Toten und einer neuen Schöpfung. Er spricht von der Wende in seinem eigenen Leben, zu der es in der Begegnung mit der Erscheinung des gekreuzigten und auferstandenen Christus gekommen ist.

Irgendwann, so die Überzeugung des Paulus, wird der Glaube sich durchsetzen, den Jesus gelebt hat und für den er gestorben ist. Viele werden zu dem Glauben kommen, dass alle Menschen Gottes geliebte Kinder sind, untereinander Schwestern und Brüder, verbunden in der einen Menschheitsfamilie. Dann wird allen klar werden, dass niemand etwas Besonderes auf sich zu halten ein Recht hat. Dass niemand andere abwerten darf, wegen der Hautfarbe, der sozialen Zugehörigkeit, bestimmter Gaben und Fähigkeiten, religiöser Überzeugungen und politischer Standpunkte. Es kommt die Zeit, dann werden alle Menschen zu der Glaubenserkenntnis kommen, die Jesus zum Leuchten gebracht hat: Wir Menschen haben einen Vater im Himmel. Er hat uns geschaffen, nicht wir selbst. Was wir sind und haben, unser ganzes Leben, ist letztendlich nicht unser eigenes Verdienst, sondern unverdiente Gabe, Gnade und Barmherzigkeit. Jeder Mensch ist von unendlichem Wert und besitzt eine unverletzliche Würde.

Das ist keine theoretische Erkenntnis, kein wissenschaftliches Wissen von göttlichen und menschlichen Dingen. Das ist die praktische Erkenntnis des Glaubens, den Jesus gelebt hat. Die praktische Erkenntnis des Glaubens ist kein Grübeln darüber, ob Gott vor und jenseits der Welt existiert. Sie ist vielmehr ein grundlegendes Vertrauen auf Gott, weil er die schöpferische Kraft ist in allem ist, der Grund und Ursprung auch all unseres Wissens ist. Wie Paulus sagt, „von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge“. Von ihm kommen wir immer schon her, auf ihn gehen wir letztendlich zu, in ihm erschließt sich uns die Welt in den Perspektiven einer vertrauensvollen Hoffnung.

So wirbt Paulus für den vom Wissen unterschiedenen, aber nicht mit ihm im Streit liegenden Glauben. Der Glaube hat es nicht mit der Erklärung der Welt zu tun, sondern damit, wie unser Leben einen verlässlichen Sinn gewinnen kann. Der Glaube sorgt vor allem dafür, dass wir Menschen uns untereinander als Kinder Gottes miteinander verbunden fühlen. Deshalb stärkt er die Hoffnung, dass diese Welt eine gute Zukunft hat. Er lässt uns darauf setzen, dass mehr Frieden möglich ist, in Israel und überall auf der Welt, auf wachsende Verständigungsbereitschaft, auf wechselseitige Anerkennung, zwischen verfeindeten Völkern, zwischen sich misstrauisch begegnenden Religionen und Kulturen. Nur wechselseitige Anerkennung bringt uns ja weiter, Anerkennung der anderen in ihrem Anderssein. Da liegt auch bei uns in Deutschland vieles im Argen, vor allem was die sozialen Ungleichheitsverhältnisse und die mangelnden Integration der Einwandererfamilien anbelangt. Es ist nötig, dass wir besser aufeinander aufmerksam werden, uns gegenseitig annehmen, bei aller Verschiedenheit, gerechtere soziale Verhältnisse, mehr Bildungschancen für Jungendliche schaffen.

Musik

Den Lückenbüßergott, der an die Grenzen des Wissens verschoben ist, können wir entbehren. Den Gott jedoch, der einen guten Grund des Vertrauens in unser Dasein legt, brauchen wir dringender denn je. Bonhoeffer polemisierte gegen das religiöse Trostbedürfnis, das an den Grenzen des Wissens und der menschlichen Handlungsmöglichkeiten sich plötzlich meldet. Er wollte den Glauben wieder mitten ins Leben ziehen, mitten ins politische, praktische Leben, mitten in diese Welt, in der so vieles im Argen liegt, die unseren Einsatz braucht. Da kommt es auf Menschen an, die auf tätige Weise glauben, auf Gott ihr Vertrauen setzen, den Schöpfer und Erlöser, die voll Mut und Zuversicht für mehr Gerechtigkeit streiten.

Es gibt Gott nicht wie es die Welt und die Dinge in dieser Welt gibt. In unserem Glauben jedoch gewinnt Gott eine ungeheuer mächtige Realität. Er gibt uns auf die letzten Fragen eine Antwort und unserem Leben einen absoluten Sinn. Das tut die Wissenschaft nicht. Die Wissenschaft beschäftigt sich mit den existentiellen Sinnfragen nie. Denn das sind Fragen, die gar keinen bestimmbaren und analysierbaren Gegenstand haben, sondern auf das Ganze gehen. Es sind gerade so die praktischen Lebensfragen. Es sind Fragen, die uns in unserer privaten, beruflichen und politischen Existenz aufkommen, wenn wir handeln müssen. Dann brauchen wir Orientierung an größeren Sinnzusammenhängen, in denen wir uns unserer Verantwortung bewusst werden und die uns in unserer Hoffnung auf einen guten Ausgang der Dinge bestärken.

Christen eröffnet die Bibel die universalen Sinnzusammenhänge. Sie eröffnet die Tiefe des Reichtums der Weisheit und der Erkenntnis Gottes. Sie führt zu diesem Glauben, der mich sagen lässt: Ich bin dessen gewiss, dass ich mein Leben Gott dem Schöpfer verdanke. ER ist es auch, der es durch sein versöhnendes und erlösendes Tun in Jesus Christus gnädig erhält. So sehe ich mich und alle Welt trotz der Gegenmacht des Bösen auf eine gute Zukunft zugehen.

Wer an Gott glaubt, der ist auf ihn nicht wie auf einen Gegenstand des Wissens bezogen, auch nicht auf eine Person, wie endliche Menschen Personen sind. Wer glaubt, dem ist Gott eine geistige Macht schöpferischen Seins und sich erschließenden Sinns. Wer glaubt, kann mit dem Wissen, das immer ein solches von endlichen Gegenständen ist, gar nicht in Konflikt geraten. Ich weiß nicht, ob es Gott gibt, aber ich glaube ihn, bin mir seiner unbedingt gewiss. Ich glaube und spreche betend aus, woran mein Herz hängt, worauf ich mein Vertrauen gründe, was mir Angst macht, was mich hoffen lässt. Ich glaube an Gott und bin deshalb dessen gewiss, was mein einiger Trost ist, im Leben und im Sterben.

Es sprach Wilhelm Gräb aus Berlin von der Evangelischen Kirche. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Sonntag.

 

Audiobeitrag Glauben und Wissen


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