Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

12.02.06, 8.05 Uhr, Dr. Werner M. Ruschke

Von störenden Steinen und einem eiligen Einkauf

Von störenden Steinen in der Lüneburger Heide will ich Ihnen erzählen, von einem eiligen Einkauf im Supermarkt und davon, wie beides miteinander zu tun hat.

Mein Name ist Werner Max Ruschke. Ich bin evangelischer Pastor und in Münster Vorstandsvorsitzender des Evangelischen Perthes-Werkes. Das ist ein großer Träger diakonischer Einrichtungen in Westfalen unter anderem für behinderte, sozial benachteiligte und alkoholkranke Menschen. Der Schwerpunkt unserer Angebote allerdings liegt im Bereich der Altenhilfe.

Es war an einem Samstagmorgen kurz nach acht in einem Supermarkt. Ich habe noch viel vor an diesem Tag, deshalb bin ich schon früh im Laden, um meinen Wochenendeinkauf vor dem großen Ansturm rasch hinter mich zu bringen. Das gelingt mir auch, jedenfalls fast. An der Kasse ist nur eine alte Dame vor mir an der Reihe. Ihre Sachen liegen bereits auf dem Förderband, die Preise sind schnell eingegeben, und jetzt muß nur noch bezahlt werden. 19 Euro und 21 Cent beträgt die Summe. Diesen Betrag müßte ich eigentlich passend im Portemonnaie haben, vermutet offenbar die alte Dame. Jedenfalls macht sie sich in aller Ruhe daran, in den Abgründen ihrer Geldbörse einzelne Münzen zu suchen und herauszuholen. Ihre Finger sind etwas ungelenk geworden, denn zweimal entgleitet ihr eine Münze. Und auch ihre Augen sind nicht mehr die besten, nimmt sie doch ihre Brille ab und hält ab und zu ein Geldstück dicht vors Gesicht, um seinen Wert zu erkennen. Und dabei wechselt sie zu allem Überfluß noch erklärende Worte mit der Kassiererin, die sich auch noch freundlich auf dieses Geplauder einläßt.

Das alles kostet Zeit, meine Zeit. Meine Geduld verringert sich zu Ungeduld, ich wippe mit den Füßen und schaue wiederholt auf meine Uhr. Und dann tritt das ein, was ich insgeheim befürchtet habe: 19 Euro und 21 Cent kommen nicht passend zusammen, stellt die alte Dame, stelle vor allem ich enttäuscht fest. Ich dachte, es reicht, erklärt sie. Mir reicht es auch langsam, dennoch entringe ich mir ein verstehendes Lächeln, als die alte Dame mich entschuldigend anblickt. Endlich nun holt sie einen 20-Euro-Schein hervor. Gute Frau, denke ich im Stillen, warum nicht gleich so!

Ein paar Stunden später erschrecke und ärgere ich mich über mich selber. Da sitze ich nämlich im Auto und bin auf der Fahrt zu einem unserer Altenheime. Das Haus feiert sein 25-jähriges Jubiläum, und ich soll im Festgottesdienst predigen. Ich nutze die Zeit, um mir die Predigt noch einmal durch den Kopf gehen zu lassen. Da ich öfters zu derartigen Feierlichkeiten reise, gibt es einen bestimmten Teil meiner Predigt, den ich gelegentlich wiederhole. Von den Rechten alter Menschen ist darin die Rede, von ihrer gefährdeten und zu verteidigenden Würde.

Du solltest dir vielleicht einmal selber beim Reden zuhören und vor allem auf das hören, was du so gerne anderen predigst, geht es mir durch den Kopf, als ich an diese Stelle komme. Sie heißt nämlich: Wir achten die Würde alter Menschen, indem wir ihre besonderen Rechte kennen, anerkennen und verteidigen; das Recht auf Selbstbestimmung gehört dazu, das Recht auf förderliche Begleitung, das Recht auf angemessene Wohnformen und – das Recht auf Langsamkeit.

Gut gebrüllt, Löwe, denke ich, aber wie schnell doch meldet sich der ungeduldige innere Schweinehund in dir, wenn eine alte Dame eben dieses Recht an einem Samstagmorgen im Supermarkt für sich in Anspruch nimmt. Der innere Schweinehund ist das, was der Apostel Paulus gelegentlich „den alten Menschen“ (Epheser 4, 22) nennt. Mein „alter Mensch“ hat offenbar als Ideal den jungen, den gesunden, den behänden Menschen. Und kaum ist ein Mensch altersbedingt das alles nicht mehr, kommt er mir fast so vor wie ein störender Stein auf meinem Weg, der dein rasches Vorankommen hindert.

Musik

Wenige Wochen darauf war an ein rasches Vorankommen nicht mehr zu denken. Wir stehen im Stau auf der Autobahn zwischen Hamburg und Hannover. Nur kriechend geht es voran. Endlich eine Abfahrt mit der Möglichkeit, eine Ausweichstrecke durch die Lüneburger Heide zu wählen. Bald kommen wir in den uns bis dahin nicht bekannten kleinen Ort Undeloh. Ein Hinweisschild macht aufmerksam auf eine Sankt Magdalenenkapelle, erbaut um 1200. Wir finden eine gut erhaltene und wohl gepflegte größere Kapelle, ein in seiner Schlichtheit ansprechender und würdiger Gottesdienstraum. Das mich besonders Beeindruckende aber lese ich in einem Informationsblatt.

Diese Kapelle nämlich wurde hauptsächlich errichtet aus gut kopfgroßen Findlingssteinen. Ursprünglich waren es Steine, die in der Heide herumlagen und die störten, als man Heideflächen in Ackerland umwandelte. Steine, die im Weg waren und aufhielten beim Pflügen, Säen und Ernten. Da wurde geschwitzt, gestöhnt und gewiß auch geflucht, als man die Steine aus dem Erdboden herausklaubte und irgendwo auf einen Haufen warf.

Und dann kam jemand auf die Idee: Aus diesen störenden Steinen errichten wir uns eine Kirche. Seit 800 Jahren steht sie nun, die Sankt Magdalenenkapelle. Seit 800 Jahren kommen Menschen in ihr zusammen in guten und in bösen Tagen, in Friedens- und in Kriegszeiten, kommen zusammen zum Gottesdienst, zu Trauung, Taufe und Beerdigung, kommen zusammen zum Hören, Beten und Singen. Wenn diese Steine der Kapelle reden könnten, was haben sie nicht alles zu hören bekommen, die ganze jahrhundertelange Geschichte dieses Ortes und seiner Menschen. Ein verläßliches Gotteshaus, errichtet aus ursprünglich störenden, im Weg liegenden und weggeworfenen Steinen.

In einem alttestamentlichen Psalm (118, 22) steht ein Vers, der auf eine ähnliche Erfahrung anspielt: „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden.“ Fünfmal wird dieses Wort später im Neuen Testament aufgegriffen und verstanden als Hinweis auf Jesus Christus: Er, Christus, wurde von den religiösen Bauleuten seiner Zeit verworfen und gekreuzigt und ist durch seine Auferstehung doch zum Grundstein erst seiner Gemeinde und dann der ganzen weltweiten Kirche geworden. Im 1. Petrusbrief (2, 5) wird darum die Kirche einmal ein ‚Haus der lebendigen Steine‘ genannt. Jedes steinerne Kirchenhaus, das mit Leben gefüllt ist, ist eine Erinnerung daran, daß die Kirche ein Haus der lebendigen Steine ist.

Musik

Von zwei Erlebnisse, verehrte Zuhörerinnen und Zuhörer, habe ich Ihnen erzählt: von der alten Dame im Supermarkt, die für mich so etwas wie ein störender Stein auf meinem eiligen Weg war, weil sie mich durch ihre Langsamkeit aufgehalten hat, und von der Sankt Magdalenenkapelle in Undeloh, die einst errichtet wurde aus bei der Feldarbeit störenden Findlingssteinen. Beide Erlebnisse zusammen veranschaulichen mir, was das Reizvolle und Erquickliche ausmacht der sich über dem Grundstein Jesus Christus aufbauenden Kirche.

Dieser Jesus hat ja einmal gesagt (Matthäus 11, 28): „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“ Kirche also ist nicht die geschlossene Gesellschaft derer, denen es gut geht. Kirche ist eine offene Gesellschaft, deren Bau nur dann wächst und gelingt und von Dauer ist, wenn alle daran mitmachen als lebendige Steine: die jungen und die alten, die kranken und die gesunden, die reichen und die armen, die behinderten und die nicht behinderten, die klugen und die nicht so klugen, die arbeitenden und die arbeitslosen, und dann nicht zuletzt die schnellen und die langsamen Menschen.

Gewiß, das ist ein Ideal. Aber ich kenne Kirchengemeinden, da ist durchaus vieles von diesem Ideal spürbar. Da ist eine einladende und erquickende, da ist quicklebendige Kirche erfahrbar. Da ist Kirche das, was sie überall sein sollte: ein Haus der lebendigen Steine.

Eine solche Kirche entsteht nicht von allein, sie muß und kann erlernt werden. Das geschieht in kleinen Schritten. Das kann beispielsweise damit anfangen, daß ich Geduld und Verständnis aufbringe für die langsame und umständliche alte Dame vor mir an der Supermarktkasse.

Solche Geduld, gepaart mit Humor, wünscht Ihnen Werner Max Ruschke. Ich bin evangelischer Pastor und in Münster Vorstandsvorsitzender der Evangelischen Perthes-Werkes.

       

Audiobeitrag Von störenden Steinen und einem eiligen Einkauf


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