Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

28.02.06, 6.56 Uhr, Wolfram Krebs

Träume

Haben sie gut geträumt? Die meisten erinnern sich ja nicht mehr an das, was sie in der letzten Nacht geträumt haben, aber manchmal verändert ein intensiver Traum

den ganzen folgenden Tag. Experten sagen, dass jeder Mensch jede Nacht träumt und dass das Gehirn diese Art von kreativem Leerlauf dringend braucht und dabei zu Höchstleistungen fähig ist. Das kann ja ein Trost und eine Beruhigung für eher denkfaule Zeitgenossen sein, besondere Bedeutung hab ich diesem ganzen Bereich aber eigentlich nie zugemessen. Bis ich einmal einen Pastorenkollegen sagen hörte: „Wenn es Gott gefallen hat, zu Jakob, Josef, Paulus und unzähligen anderen durch Träume zu sprechen, wer bin dann ich, dass ich mich diesem Reden Gottes verschließen dürfte?“

So herum hatte ich das noch nie betrachtet. Nun ist die Bibel dennoch keine Anleitung zur Traumdeutung, die jede Schlafregung bewertet. Nüchtern redet sie auch über die Belanglosigkeit von Träumen, in die zuviel hineingeheimnist wird. Und jeder kennt wohl auch die Alpträume, die uns quälen können, wenn schwerer Kartoffelsalat mit größeren Mengen Schweinebraten vertilgt wurden. Träume können eben auch Schäume sein.

Erstaunlich finde ich aber, dass wir manche der Träume, die in der Bibel beschrieben werden auf Anhieb verstehen. Josef, der Sohn Jakobs, von dessen abenteuerlichem Lebensweg gleich zehn Kapitel des ersten Mosebuchs berichten, ist nicht nur ein leuchtendes Vorbild für jeden jüdischen Heranwachsenden geworden. Er war auch ein Mann, dessen Leben wie kaum eines sonst durch Träume bestimmt worden ist. Erstaunlich, dass wir heute, durch Tausende von Kilometern und mindestens 3000 Jahre Zeit sowie ganze Kulturwelten getrennt, einen Zugang zu seinen Träume finden können.

Die Ährengarben etwa, die seine Brüder geschnitten haben und die sich vor seinen aufgerichteten Ähren verneigen. Oder die elf Sterne sowie Sonne und Mond, die sich vor ihm neigten. Seine missgelaunten Brüder haben sofort verstanden, dass hier jemand von ihnen und ihren Eltern redet. Und dass das Bilder sind, die von Josefs grandioser Selbsteinschätzung zeugen. Dass Josef Vatis Liebling war, dass er alles brühwarm dem Vater verpetzte, was ihm zu Ohren kam, haben seine Brüder bestimmt auch nicht an ihm geschätzt. Aber es sind diese Träume Josefs, die in ihnen Mordgedanken entstehen lassen. Und ich bin mir sicher, dass auch Josef erst beim Erzählen gemerkt hat, was er da mit seinen Traumschilderungen anrichtet.

Die meisten meiner Träume habe ich auch erst verstanden, als ich sie mir oder anderen erzählt habe, als sie im Wortsinn „zur Sprache“ kamen. Das muss ja nicht immer so dramatisch enden, wie bei Josef und seinen Brüdern, aber wundern sie sich nicht über überraschende Wirkungen, wenn sie ihrem Partner ihre Träume schildern. Das sind ursprüngliche und starke Botschaften, die unmittelbarer wahrgenommen werden, als andere. Ob nun die Träume „Gottes vergessene Sprache“ sind, wie es ein Buchtitel behauptet, und ob Träume von ewigen Wahrheiten zeugen, das kann ich nicht beurteilen.

Mir persönlich helfen meine Träume ab und an, Sachverhalte ernst zu nehmen, die ich unbewusst nicht wahrhaben möchte und so leichter annehmen kann. Und das ist bestimmt nicht unwichtig. Aber Gottes Willen für mein Leben hat sich mir noch nicht durch Träume erschlossen. Den erkenne ich im Neuen Testament beschrieben, einem Buch voller traumhaft klarer Botschaften, denen ich noch mehr vertraue, als meinen Träumen.

Audiobeitrag Träume


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen