Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

03.03.06, 8.56 Uhr, Wolfram Krebs

Dankbarkeit

Sehr zur Beunruhigung meiner treusorgenden Gemeinde pflege ich ein Hobby, das nicht so recht zu meinem Alter oder meinem Beruf passen will. Ich fahre Motorrad. Und zwar

gerne. Nun hat das auch einen gewissen Reiz, sich dynamisch über gewundene Landstraßen zu schwingen, Aber wirklich interessant finde ich längere Reisen in südliche Gefilde. Das geht natürlich auch mit zwei Kreditkarten, Kulturbeutel und auf vorgeplanten Routen in vorgebuchte Hotels, aber ich reise lieber anders.

Ich habe einen kleinen Spirituskocher und schlafe sehr gerne am Wegesrand auf meinem Feldbett unter freiem Himmel. Das empfinde ich als willkommenes Kontrastprogramm zu meiner sonstigen Existenz. Meine kluge Frau unterstützt mich in solchen Vorhaben. Anstatt mir in den Ohren zu liegen mit vernünftigen Hinweisen auf unsere drei Kinder, ihre eigenen Erholungsbedürfnisse und anderes, ermuntert sie mich: „Mach das, das tut dir gut“. Sie hat recht damit und ich liebe sie deshalb noch mehr.

Wenn man auf so eine Weise reist, geschehen ungewöhnliche Dinge. Man ist wohl nirgends so einsam, wie auf einem Motorrad. Man redet nichts, keine Musik dudelt und nach ein paar Tagen auf der Straße sieht man aus wie der wilde Wolf. Man ist sehr verletzlich und es ist überhaupt nicht selbstverständlich, dass man satt und warm und trocken einen Ort findet, an dem man sicher schlafen kann. Und, das ahnt wohl auch meine kluge Frau, man wird sehr dankbar für Dinge, die sonst selbstverständlich zu sein scheinen. Eine Heimat zu haben, Sicherheiten, Gesprächspartner, eine Heizung und was der Dinge mehr sind, die unseren Alltag begleiten.

Nichts davon ist ja eigentlich selbstverständlich, aber wir halten das alles und noch viel mehr gewöhnlich für eine Art einklagbares Recht an das Leben. Das ist eine Illusion, die sehr schnell verfliegt, wenn man unterwegs ist. Ich finde es eine interessante Beobachtung, dass praktisch alle Menschen, die in der Bibel eine Rolle spielen, unterwegs waren. Nie hat Israel Gott näher erfahren, als in den 40 Jahren Wüstenwanderschaft oder, herausgerissen aus allen Sicherheiten, im babylonischen Exil. Die Stammväter von Abraham bis Jakob sind umherziehende Menschen, praktisch ohne Sicherheiten. Jesus selbst und seine Jünger bis zum Apostel Paulus, ohne dessen wagemutigen Reisen niemand von uns hier Christus kennen würde: Alles das sind Menschen, die häusliche Geborgenheiten und andere Absicherung kaum kannten. Aber wer wäre Gott näher gewesen als sie?

Sie alle haben erfahren, das nichts mehr bleibt an Sicherheiten, als das Vertrauen auf Gott selbst. Und das man auch gar nichts anderes braucht, als die Nähe zu Gott selbst. Natürlich muss man nicht ausgerechnet Motorrad fahren, um solche Erfahrungen zu machen. Aber vielleicht muss man manchmal etwas von den weniger wichtigen Dingen loslassen, um zu erkennen, was wirklich wichtig ist. Nichts gegen Versicherung und soziale Netze und was der wertvollen Errungenschaften unserer Gesellschaft mehr sind. Aber wenn es hart kommt, zählt anderes.

Gibt es für mich eine letzte Geborgenheit? Eine Sicherheit, die nicht trügerisch ist? Eine Hoffnung, die mich hält? Die Reisenden, von denen die Bibel erzählt, hatten das alle. Das war ihnen wertvoller, als alle Sicherheiten.

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