Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

16.02.06, 6.56 Uhr, Prof. Dr. Reinhard Schmidt-Rost

Lebenssprüche

Haben Sie als Kind auch viele Verhaltensregeln lernen müssen? Ich kann mich an einige Sätze noch sehr genau erinnern: „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.“

Oder:

„Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht.“

Dieser Satz hat mich sehr entmutigt, kleine Unwahrheiten schleichen sich im Alltag schnell ein; und demnach würde man mir schon nach einer Lüge niemals mehr glauben.
Am meisten habe ich es gehasst, wenn ich eine Regel für richtiges Verhalten zehnmal aufschreiben musste, in Schönschrift, denn ich hatte Mühe, sauber zu schreiben.
Auch andere Sätze fand ich wenig stärkend „Sage nie, das kann ich nicht, alles kannst Du, will’s die Pflicht, alles kannst Du, will’s die Liebe, darum Dich im Schwersten übe.“
Bibelsprüche waren übrigens selten unter den Verhaltensregeln in meiner Kindheit.
Die Bibelworte, die ich später lernte, klangen aber alle weniger drohend, sind mir besser bekommen, haben mich freier gemacht.
Ich sage mir auch heute gerne ein Wort des Propheten Jesaja vor, das ich damals hörte: „Es werden wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr, Dein Erbarmer.“

Das klingt ermutigend, vertrauenerweckend, beschützend; wo ich als Junge solche Worte hörte, fühlte ich mich mehr und mehr zuhause, im Kindergottesdienst, bei den Konfirmanden, im Schülerbibelkreis.
Meine Schulzeit war nicht gerade von Freundlichkeit und Anerkennung geprägt. Wir standen unter einem starken Leistungsdruck. Da war wenig Raum für Barmherzigkeit oder ruhiges Gewährenlassen. Das ist lange her, gewiss, aber ich habe davon behalten, wie sehr wir uns nach Worten von Anerkennung und Zuneigung sehnen.

 Menschen werden in unserer Kultur überwiegend mit Worten erzogen und deshalb sind mir die Worte, die ich den Konfirmanden als Pfarrer mitgab, besonders wichtig gewesen. Wenn mir ein Mädchen oder ein Jungen recht ängstlich vorkam, dann gab ich ihm oder ihr gerne den Spruch von den Bergen und Hügeln mit auf den Weg. Ich wünschte mir dann, dass der Spruch wirken sollte im Leben gerade dieses Jugendlichen, wenn es ihm nicht gut ginge, wenn er angegriffen würde, oder sich auf dem Arbeitsmarkt keine Chance erarbeiten könnte oder sie gemobbt würde im Beruf. Dass sie ihr Vertrauen in das Leben trotzdem behalten, auch wenn es dazu keinen Anlass zu geben scheint. Dass sie nicht verzweifeln, nicht aufgeben, sich nicht selbst aufgeben, wenn kein Mensch mehr an sie glaubt. Dass der Boden unter den Füßen nicht nachgibt, diese Hoffnung habe ich ihr oder ihm mit diesem Wort zugesprochen: >„Es mögen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen“, spricht der Herr, Dein Erbarmer.<

 

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