Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

17.02.06, 6.56 Uhr, Prof. Dr. Reinhard Schmidt-Rost

Befiehl du deine Wege

Es wird oft berichtet, dass Menschen in Gefangenschaft sich gegenseitig Gedichte vorgesprochen haben, sich Liedverse oder Bibelsprüche in Erinnerung riefen, um auf andere,

bessere Gedanken zu kommen, um das quälende Warten zu überbrücken, um sich von der brutalen Behandlung und von Hunger und Durst abzulenken, um ihren Geist von der Qual ihres Körpers zu lösen, dem sie nicht entfliehen konnten.

Solch schlimme Bedrängnis ist mir in meinem Leben erspart geblieben, aber ich habe mir doch nach und nach ein Lied angeeignet, das mir auf den schwierigen Strecken meines Lebenswegs eine Hilfe war, es ist von Paul Gerhardt:

Befiehl Du Deine Wege und was dein Herze kränkt,
der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt,
der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn,
der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann.

Ich wusste bald: Dieser Dichter in der Zeit des 30jährigen Krieges gelebt. Der Krieg brach aus, als er elf war, beim Friedensschluss 1648 war er demnach 41 Jahre alt. Das hat mir tiefen Eindruck gemacht: Mitten im Krieg konnte er ein solches Lied dichten, in einem Krieg, der in Deutschland jedem Dritten das Leben nahm ... und er entschloss sich, Pfarrer zu werden, obwohl gerade die Pfarrhäuser bevorzugte Ziele von Plünderung und Misshandlung der Bewohner waren. Es hat mich sehr berührt, dass ein Mensch trotz dieser Gefahren dichten konnte:

Weg hast, allerwegen an Mitteln fehlt Dir’s nicht
Dein Tun ist lauter Segen, Dein Gang ist lauter Licht.
Dein Werk kann niemand hindern, Dein Arbeit darf nicht ruhn,
wenn Du, was Deinen Kindern, ersprießlich ist, willst tun.

Ich habe mich aufgehoben gefühlt in diesem Vers. Sollte der, der in so schlimmen Zeiten so zuversichtlich besungen wurde, Gott, nicht auch für meine kleinen Kümmernisse Wege und Auswege wissen?
Und so habe ich mich ganz besonders von einem Vers trösten lassen, der von den eigenen Sorgen spricht:

Dem Herren musst du trauen, wenn dirs soll wohlergehen.
Auf sein Werk musst du schauen, wenn Dein Werk soll bestehn.
Mit Sorgen und mit Grämen und mit selbsteigner Pein,
lässt Gott sich gar nichts nehmen, es muß erbeten sein.

Es gab einmal eine Zeit in meinem Leben, da konnte ich alle zwölf Strophen des Liedes auswendig; den Anfang jeder Strophe merkte ich mir nach dem Satz, von dem aus Paul Gerhardt sein Lied gedichtet hatte: „Befiehl dem Herrn Deine Wege und hoffe auf ihn, er wird es wohl machen.“  Der ruhige Rhythmus der Verse hat meine Unsicherheit und Ängstlichkeit nach und nach gelichtet, wenn es im letzten Vers hieß:

„Mach End, o Herr, mach’ Ende, mit unsrer großen Not.
Stärk unsre Füߒ und Hände und laß bis in den Tod
Uns allzeit Deiner Pflege und Treu empfohlen sein,
so gehen unsre Wege gewiß zum Himmel ein.“

Da war für mich mein Leben irgendwie aufgehoben in dieser umfassenden Liebe, von der das Lied sang. Zwar ist in dieser letzten Strophe vom Tod die Rede, aber ich schaute wieder mutiger in die Zukunft, denn ich hörte daraus viel mehr das Ende der Not als das Ende des Lebens, den Tod.
Das wünsche ich Ihnen, daß Sie Worte finden, die Ihre Not lindern. 

Audiobeitrag Befiehl du deine Wege


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