Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

18.02.06, 7.50 Uhr, Dr. Gerd Höft

Sollt ich meinem Gott nicht singen?

Warum bist du nur so empört? So wütend? Du, mein Leben, mein anderes Ich? Weil ich anders denke, anders fühle? Weil mir andere Dinge wichtig sind? Ja, die Welt ist oft kalt,

leer. Ungerechtigkeiten schreien zum Himmel. Ja, ich weiß doch auch: unser Leben ist nicht immer prall. Nicht immer macht es einen vor Lust seufzen. Und bitte: du musst mir die Nackenschläge nicht vorzählen; ich spüre sie alle noch. Und doch werde ich nicht in dein Klagelied über Gott einstimmen. Nein, niemals. Und wenn wir uns hundert Mal, ja tausend Mal vergeblich nach dem blauen Himmel der Erlösung ausstrecken. Dein Kampf gegen Gott ist nicht meiner.

Ach, komm mir jetzt nicht mit Überheblichkeit. Dein Spott verletzt mich längst nicht mehr. Ach, du, mein Leben, mein anderes Ich,– hinter all deinem Spott und deiner Ironie hab ich doch gespürt, wie besorgt du bist, wie viel Angst du hast. Mein Gottvertrauen ist dir fremd. Es macht dich rasend. Aber was mache ich ? Ich lasse Paul Gerhardt singen:

1. Strophe EG 325, 1  "Sollt ich meinem Gott nicht singen? Sollt ich ihm nicht dankbar sein? Denn ich seh in allen Dingen, wie so gut er’s mit mir mein. Ist doch nichts als lauter Lieben, das sein treues Herze regt, das ohn Ende hebt und trägt, die in seinem Dienst sich üben. Alles Ding währt seine Zeit, Gottes Lieb in Ewigkeit."

EG 325, Vorpiel zur 2. Strophe

Autor: Sicher: es ist  nicht besonders klug. Wenn wir Angst haben, sollten wir nicht mit Weisheiten anderer um uns werfen – und klängen sie auch noch so schön wie die von Paul Gerhardt. Ja, es ist nicht klug, weil es nicht hilft, weil es deinen Kummer nicht ernst nimmt. Aber es ist doch nun einmal so: auch ich spüre, immer geht etwas zu Ende. Dinge ändern sich, Menschen, äußere Umstände, Gefühle, Beziehungen, ja auch der Glaube. Ich weiß, dass wir uns darin verstehen, ähnlich sind bis zum Verwechseln, du, ein Teil von mir, gelebt, geliebt und doch auch so anders, fremd.

Es gibt Zeiten, da liebe ich deine klare, kühle Vernunft, deinen Drang, allen Dingen auf den Grund zu gehen – sogar den Dingen des Glaubens. Ich lausche dir begeistert –auch jetzt wieder-, wenn du meinen Gott auseinander nimmst; wenn du dich in wachsende Empörung steigerst. Soviel Leidenschaft noch, immer noch, nach all den Jahren. Soviel Lust und Energie noch, dich auch mit Gott zu messen –meinem Gott, wie du nicht müde wirst zu betonen. Gib es doch zu: eifersüchtig bist du auf ihn, weil er eben in meinem Leben eine Rolle spielt, die du nicht spielen kannst – obwohl du es manchmal möchtest. Du kannst ja viel, so viel – aber das eben nicht:

EG 325, 2: "Wie ein Adler sein Gefieder über seine Jungen streckt, also hat auch hin und wieder mich des Höchsten Arm bedeckt, alsobald im Mutterleibe, da er mir mein Wesen gab und das Leben, das ich hab und noch diese Stunde treibe. Alles Ding währt seine Zeit, Gottes Lieb in Ewigkeit."

Autor: Was kränkt dich so? Warum dieser ewige Kampf? Warum kannst du nicht glauben, dass es mir mit Gott besser geht als ohne ihn? Es hat lange gebraucht, bis ich endlich so weit war, bis ich ihm vertrauen konnte. Ach, du! Ich spüre, wie du den Kopf schüttelst; fast schon ein wenig resignierst. Aber es ist nun mal so: ohne Gott, ohne meinen Glauben an seine unbändige Lebens- und Schaffenskraft, könnte ich dieser Welt mit all ihren Banalitäten, all ihrem Schrecken und all ihren Beschränkungen keinen Widerstand leisten. Ich wäre nur ein Rädchen im Getriebe, ein funktionierendes Etwas, das tut, was alle tun, denkt, was alle denken. Ich hätte kein Gespür für die herrliche, grenzüberschreitende Kraft, die mir von Gott zufließt –durch meinen Glauben. Und durch ein Lied wie das von Paul Gerhardt.

Du schnaubst nur verächtlich. Hast du kein eigenen Worte mehr, sagst du. Musst du dir in entscheidenden Augenblicken immer die von anderen leihen? Aber ja doch, meine Liebe, mein anderes Ich: manchmal ist es besser, sich in geborgte Worte zu wickeln. Sie zeigen mir: auch andere haben gelebt, geliebt, gelacht und nachgedacht. Sie zeigen mir: ich bin nicht allein mit meinen Gedanken, meinen Gefühlen, meinem Glauben – ich bin eingebettet in die wunderbare Gemeinschaft derer, die vor mir waren, mit mir sind und nach mir sein werden. Das erleichtert vieles. Mir jedenfalls:

EG 325, 7:   "Wenn ich schlafe, wacht sein Sorgen und ermuntert mein Gemüt, dass ich alle lieben Morgen schaue neue Lieb und Güt. Wäre mein Gott nicht gewesen, hätte mich sein Angesicht nicht geleitet, wär ich nicht aus so mancher Angst genesen. Alles Ding währt seine Zeit, Gottes Lieb in Ewigkeit."

Autor: Was? Paul Gerhardt ein Zyniker? Das glaubst du doch nicht im Ernst. Sicher, wer kurz nach dem Ende eines dreißigjährigen Krieges ein solches Gedicht schreibt, kann leicht in Verdacht geraten, ein Idiot zu sein oder eben ein Zyniker. Du weißt, dass er beides nicht war. Nur, er konnte, was du nicht –noch nicht kannst: du kannst es nicht ertragen, wenn du mit deiner Tatkraft und Energie am Ende bist, du kannst nicht auf deine nachlassenden Kräfte schauen und die verbliebenen dennoch lieben. Du kannst deine Grenzen noch nicht annehmen. Du kannst nicht deine Hände einfach in den Schoß legen und vertrauensvoll sagen: Gott, übernimm du; ich kann nicht mehr, nicht mehr so, wie ich es gerne hätte. Übernimm du und mach, wie du es willst. Dann wird es gut.Siehst du, Paul Gerhardt konnte es.

EG 325, 11:  "Weil denn weder Ziel noch Ende sich in Gottes Liebe find’t, ei, so heb ich meine Hände zu dir, Vater, als dein Kind, bitte, wollst mir Gnade geben, dich aus aller meiner Macht zu umfangen Tag und Nacht hier in meinem ganzen Leben, bis ich dich nach dieser zeit lob und lieb in Ewigkeit."

Autor:  Ach, könnte ich dich doch jetzt umarmen und dir sagen: hab keine Angst, es ist ein gottgewolltes Leben, das vor uns liegt –und wir werden es leben –jeder auf seine Weise, aber immer gemeinsam und immer behütet.

 

Audiobeitrag Sollt ich meinem Gott nicht singen?


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