Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

18.02.06, 5.56 Uhr, Jönk Schnitzius

Kein Probelauf

Mein Leben ist kein Probelauf, hörte er sich sagen. Er fuhr zur Arbeit. Und eigentlich war alles wie immer. Eben. Wie immer. Der hektische Abschied. Den Berufsverkehr

vor Augen.
Und dieser Schädel.
Alles war wie immer.
Er stieg in den Wagen, öffnete reflexhaft das Handschuhfach, suchte, suchte weiter, fing an zu schwitzen, kalt zu schwitzen und fand endlich noch ein Packung dieser Pastillen, die einem gleich den Atem so frisch machen, das es auch noch für das nächste Leben reicht.
Jetzt saß er also im Wagen und roch nach der üblichen Mischung aus einer Überdosis Aftershave und besagtem Rachenputzer.

Und dann hörte er sich diesen einen Satz sagen:
Mein Leben ist kein Probelauf.

Der kann nicht von mir sein, dachte er sich, nicht ohne sich mit einem kurzen Blick in den Rückspiegel zu vergewissern, dass er es war, der da am Steuer saß und einen solch unglaublichen Satz hervorbrachte.
Er war es. Stellte er fest. Und er sah nicht gut aus. Er wußte das. Dies war einer der Gründe, warum er die morgendlichen Begegnungen mit Spiegeln auf Sekundenbruchteile beschränkt hatte. Er wusch sich, ohne hinzusehen. Er kämmte sich mit einem kurzen Blinzeln. Überhaupt sah er nicht mehr hin. Nicht in seine Augen. Nicht in die seiner Frau. Und morgens schon mal gar nicht.
Wer guckt, muß irgendwann reden, dachte er sich. Ohne Rachenputzer – unmöglich.

Im Grunde war sein ganzes Leben, oder vielmehr sein Lebensgefühl, vom Gegenteil ausgegangen: er lebte, als sei sein Leben ein Probelauf. Nur ein Probelauf. Und alles war doch auch ok. Na ja...

Und jetzt an diesem Morgen, an dem eigentlich alles war wie immer, konnte er nur noch diesen einen Satz denken, sagen, hören, den er nicht hören wollte, den er versuchte abzuschütteln und loszuwerden, indem er das Radio anmachte, versuchte sich an gestern zu erinnern, aber was er auch tat: er blieb, blieb, blieb.
Und breitete sich in ihm aus.

Mein Leben ist kein Probelauf.
Alles echt.
Alles wirklich.
Alles jetzt.
Kein zweites Leben in Reserve.
Jetzt heute in diesem Moment, in diesem Auto, mit diesem Schädel findet mein Leben statt.

Keine Zeit für Experimente.
Keine Zeit zu verschenken.
Niemand geht in meinem Schuhen.
Niemand stirbt meinen Tod.

Was bleibt, bin ich.
Und dieser Schädel, ekelhafte Rachenputzer und eine Frau, die ich nicht wage, anzuschauen.  

Was bleibt, bin ich.
Und Gott.
Gott?
Lieber Gott, laß mich den Tag überleben.

Mein Leben ist kein Probelauf.

Stimmt.
Meines auch nicht.
Keins.

Audiobeitrag Kein Probelauf


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