Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

18.02.06, 6.30-07 Uhr, Gernot Hoersch

Alltagsengel – die asiatische Mutter

Sechs Uhr morgens. Es ist laut am Hauptbahnhof Düsseldorf. Überall das geschäftige Klackern von Absätze. Ich stehe am Bahnsteig und warte auf den Zug nach Köln. Neben mir

eine junge Asiatin. Sie hat ein Kind auf dem Arm und eins an der Hand. Auf dem Rücken einen schweren Rucksack. Immer wieder schaut sie sich besorgt um, damit der vielleicht fünf Jahre alte Sohn an ihrer Hand nicht von den vorüber eilenden Passanten umgerissen wird. Der Zug lässt sich mal wieder Zeit.

Dann ein Knarzen.  Lautsprecherdurchsage:  Ich habe Mühe sie zu verstehen. Ein paar Worte nehme ich wahr – aber eigentlich klingt das Ganze mehr nach einem monotonen Rauschen.
„Der Regionalexpress nach Köln fährt abweichend von Gleis 5 ab.“

Sprach es und weg war die Stimme. Keine Wiederholung. Die meisten Leute haben jedoch verstanden und verlassen den Bahnsteig. Die Asiatin bleibt stehen und blickt unsicher zur Anzeige. Ich haste an ihr vorbei. Aber dann gebe ich mir einen Ruck und drehe um, spreche sie an. Sie spricht kein Deutsch. Englisch?  Yes. Ich erkläre ihr, dass der Zug auf einem andern Bahnsteig abfährt. Sie schaut erleichtert aus. Ihr Englisch ist sehr gut – in dieser Sprache hätte sie die Durchsage verstanden. Sie bedankt sich bei mir und bewegt sich in den Menschenstrom. Hilfe beim Tragen lehnt sie höflich ab. Mit kleinen Schritten, ihren Sohn an der Hand, das Baby auf dem Arm steigt sie die Stufen hinauf, doch schon dass bemerkt außer mir niemand mehr.  

Sprecherin: Christiane Birgden

Audiobeitrag Alltagsengel – die asiatische Mutter


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