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Wer ist Gott?
Wer ist eigentlich Gott? Liebe Hörerinnen und Hörer, diese Frage stellten mir Schülerinnen eines Bonner Gymnasiums. Religionsunterricht, Montag 5. Stunde, Jahrgangsstufe 11:
Wer ist eigentlich Gott?
Ich heiße Uwe Rieske, bin Evangelischer Pfarrer und unterrichte Evangelische Religion an einer Mädchenschule in Bonn.
Ich sitze vor den Schülerinnen, hinter mir die grüne Tafel mit nicht abgewischten Notizen. Wir sind ein kleiner Kreis an diesem etwas trüben Montag. Ich habe einen Text mitgebracht aus der Zeit des Nationalsozialismus. Darin beschreibt ein Schulungsleiter der NSDAP sein Gotteserleben. Der nordisch-arische Mensch, so heißt es darin, begegnet Gott im deutschen Volkstum. Das Göttliche erscheint in der schöpferischen Tat, findet sich in der überlegenen arischen Rasse. Überzeugt war dieser Nationalsozialist, dass das Nordisch-Heldische die Religion der Zukunft sei und den jüdischen Rabbinismus Jesu ablösen werde. Der Heiland, so heißt es hier, lässt sich nur in arischer Gestalt denken.
Die Schülerinnen sind sich einig, dass das Gottesbild des NS-Mannes nicht angemessen ist. Der christliche Gott wolle Menschlichkeit, Nächstenliebe, Respekt gegen alles Leben. Gott setze der brutalen Vergötzung der eigenen Nation das Gebot Jesu entgegen: Du sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst! Der NS-Staat aber vergöttliche die Nation, den Führer, die Rasse. Gott werde benutzt, um völkisches Pathos religiös zu überhöhen, er wird zum nationalen Götzen.
Und dann steht sie im Raum, die Frage: Wer ist eigentlich Gott? Wie kann man verhindern, dass er so brutal verwechselt wird wie vor 60 Jahren im Dritten Reich? Lässt sich vermeiden, dass ein selbstgemachtes Bild von Gott an seine Stelle tritt? Gibt es einen Schutz, dass man Gott dem eigenen Bedürfnis unterwirft?
Es ist ja keineswegs immer ausgemacht, wo Gott ist und wo nicht. Längst ist der Markt des Religiösen bunt wie das Warenangebot im Supermarkt. Esoterik ist attraktiv, aber auch buddhistische Meditation. Kloster auf Zeit und spirituelle Erfahrungen sind gefragt. Damit ist keineswegs ausgeschlossen, dass nach Bedarf, in persönlichen Grenzsituationen oder an Feiertagen alte christliche Rituale entdeckt werden. Jeder so, wie er mag. Ist das angemessen? Liegt darin die vielfältige Chance, Gott zu begegnen? Oder läuft man damit Gefahr, Gott unserem Bedürfnis anzupassen, Religion der Beliebigkeit zu unterwerfen und Gott auf das menschliche Maß zu reduzieren? Im NS-Staat waren viele überzeugt, im nationalen Erleben Gott zu begegnen. Viele fanden sich in der völkischen Bewegung wieder. Wo ist die Grenze? Lässt sich die Kunst der Unterscheidung zwischen Gott und Götze lernen?
Zugegeben: Auch mir ist oft nicht deutlich, wo Gott in meinem Leben anzutreffen ist. Der Alltag ist von so vielen Besorgungen und Erledigungen bestimmt, dass er oft viel zu profan erscheint, als dass Gott in ihm vorkäme. Dann wieder geht es so hektisch zu, dass ich mir kaum vorstellen kann, dass Gott darin noch Platz hat. In manchen Begegnungen aber finde ich unverhofft das, was Jesus das Reich Gottes nennt. Ich finde Gott in Begegnungen mit Menschen, die ganz unverhofft Tiefe haben, Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit.
Musik 1
Vielleicht gründet die Frage nach der Erkennbarkeit und Verwechselbarkeit Gottes weniger in unserer modernen Vielfalt, als in Gott selbst und in seiner Entscheidung, uns zu begegnen. Die Bibel und die Kirchengeschichte sind voll von Geschichten über Gottesbegegnungen. Viele aber erzählen auch davon, wie leicht man Gott verwechselt. In den Erzählungen des Alten Testaments offenbart sich Gott den Menschen direkt. Er spricht zu ihnen durch einen Engel, durch die Propheten oder durch Menschen, die er beauftragt. In einer dieser alten Geschichten der Bibel wird erzählt, dass Mose Gott in einem brennenden Dornbusch antrifft. Gott beauftragt Mose, sein Volk aus der Knechtschaft zu führen. Und Mose antwortet: Wenn ich zu den Israeliten komme und spreche: Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt, was soll ich ihnen sagen? Gott antwortet ihm: Ich werde sein, als der ich mich erweise.
Na bitte, lässt sich ironisch einwenden, hier liegt bereits unser Problem. Hier beginnt die ganze Schwierigkeit mit der Erkennbarkeit Gottes und seiner Verwechselbarkeit. Hätte sich dies nicht eindeutiger regeln lassen? Kein Wunder, dass es den Israeliten schwer fiel, der Mission des Mose zu folgen. Es wird nicht angegeben, wer eigentlich Gott ist. Es wird nicht festgelegt, wo er den Menschen begegnet und wo nicht. Gott kündigt lediglich an, dass er sein Volk begleiten und in die Freiheit führen wird. Und dafür erwartet er nur eines, aber das ganz unbedingt: Vertrauen.
Für die, die ihm vertrauen, wird er seine Macht zeigen. Allen, die an ihn glauben, erweist er, wer er ist, indem er da ist: Ich bin, der ich sein werde. Ich bin der: Ich bin da. Gott bleibt denen nahe, die sich auf ihn verlassen. Bereits den Israeliten fiel dieses Vertrauen enorm schwer. Als Mose auf den Berg stieg, um von Gott die zehn Gebote zu erhalten, entschied sich sein Volk, ein goldenes Kalb anzubeten. Zu lange hatte es gedauert, bis Mose zurück kam, zu arg war diese Probe ihres Vertrauens. Aber in diesem Goldenen Kalb ließ sich Gott nicht finden. Mose zerschlug es am Fuße des Berges. Greifbar und gegenständlich ist Gott nicht. Du sollst Dir kein Bildnis machen von ihm. Er entzieht sich unseren Vorstellungen.
Das ist schwer zu akzeptieren, erst recht für Schülerinnen. Da erheben sich Fragen: Muss man nicht klar angeben können, wo Gott ist und wo nicht? Gilt es nicht, richtiges vom unwahren Gotterleben zu unterscheiden, damit Gott nicht für machtpolitische Zwecke missbraucht wird wie im Dritten Reich? Kann man nicht verhindern, dass Gottes Wille brutal interpretiert wird wie in der deutschchristlichen Religion des Nationalsozialismus und in manchen Formen des fanatischen Fundamentalismus in unserer Gegenwart?
Die Antwort ist ein klares Nein. Religion lässt sich nicht normieren, weil Gott sich nicht festlegen lässt. Sie entwickelt sich in unzähligen Spielarten und Traditionen, und bleibt doch immer eine Einladung, ihr auf den ihr eigenen Wegen zu folgen. Woran Du Dein Herz hängest, das ist in Wahrheit Dein Gott, schreibt Luther und fügt die steile These hinzu, dass im Letzten nur dort, wo Glaube und echtes Vertrauen ist, Gott anzutreffen ist. Gott und Glaube gehören zusammen.
Der Prüfstein für den rechten Glauben ist das Leid, das uns widerfährt. Je nachdem, wie intensiv Not und Angst Menschen erfassen, gerät auch das Vertrauen ins Wanken. Darum lerne hier, wer da lernen kann, schreibt Luther, dass Gott uns damit will treiben zum Gebet, zum Rufen und Streit, damit wir unseren Glauben üben und Gott erkennen und uns gewöhnen, mit dem Teufel und der Macht des Verderbens zu kämpfen und durch Gottes Hilfe zu siegen. Not und Angst zwingen uns dazu. Wohlauf, Du fauler Schelm, auf die Knie gefallen, die Hände und Augen gen Himmel gehoben und deine Not mit Weinen vor Gott dargelegt, geklagt und angerufen. Das hilft. Es bringt die Not an die richtige Adresse und es hilft uns, in der Klage und in der Ehrlichkeit unser Vertrauen wieder zu finden. Gott und Glaube gehören zusammen, auch im Leiden.
Musik 2
Wer ist Gott? Offenbar will er selbst darauf antworten mit einer Einladung zum Vertrauen: Ich bin, der ich sein werde. Gott gibt sich zu erkennen als einer, dessen Macht im Glauben spürbar wird. Hier allein. Beweisbar ist er nicht und ebenso wenig lässt sich verhindern, dass man seinen Namen missbraucht. Wenn die Bibel konkret sagt, wer er ist, braucht sie Bilder: Ein Hirte sei er oder eine feste Burg, in der man Zuflucht findet. Er hat Fittiche wie ein Adler, ist wie eine Quelle frischen Wassers und wie ein Baum am Bach. Diese Bilder machen Mut und helfen, ihm zu vertrauen.
Wer ist Gott für uns? Diese Frage stellte sich auch der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer. In der nächsten Woche, am 4. Februar, wäre er einhundert Jahre alt geworden. Bonhoeffer war als evangelischer Theologe am Widerstand gegen Hitler beteiligt. Frühzeitig erkannte er die Brutalität des NS-Regimes und war überzeugt, dass diese Gewaltherrschaft beendet werden müsse, auch um den Preis des Mordes an Hitler. Im April 1943 wurde Bonhoeffer verhaftet. Im Berliner Gefängnis Tegel saß er, als die Anklage wegen Wehrkraftzersetzung vorbereitet wurde. Gott zwingt uns zu der Erkenntnis, schrieb er in Tegel, dass wir in der Welt leben müssen, als wenn es Gott nicht gibt. - Der Gott, der mit uns ist, ist der Gott, der uns verlässt. Vor und mit Gott leben wir ohne Gott. Bonhoeffer verzichtet auf die trügerische Hoffnung, Gott werde das Unerträgliche nicht zulassen. Gott hält das Leid nicht auf, aber er weicht ihm nicht aus, sondern geht selbst mit hinein.
Wenige Monate vor Bonhoeffers Tod war das Ausmaß seiner Beteiligung an den Attentatsplänen bekannt geworden. Es bestand kaum noch Hoffnung auf Freilassung. Ihm drohte die Todesstrafe. In der Weihnachtszeit 1944 im Gestapogefängnis in Berlin schrieb Bonhoeffer jene Verse, die vom unbedingten Glauben an Gottes helfende Macht zeugen: Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag. Vor und mit Gott leben wir ohne Gott, schreibt er und weiß sich eben doch in seiner einsamen Gefängniszelle, leidend unter brutalen Verhörmethoden von guten Mächten wunderbar geborgen. Unzählige Male wurde dieser Text gesprochen, oft habe ich ihn als Pfarrer am offenen Grabe gebetet
Gottes Macht endet, wie Bonhoeffer gespürt hat, nicht an der Schwelle des Todes, den er zulässt. Wer ist Gott? Er entzieht sich unseren Antworten auf diese Frage. Aber ich spüre ihn als die Macht der Geborgenheit und des Trostes, die einfach da ist, wenn ich sie brauche. Gott ist der Ich bin da egal, was kommt, ganz gleich, in welcher Lage man ihn braucht.
Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.
Dieser Satz macht mir Mut. Ihm vertraue ich. Mein Name ist Uwe Rieske, ich bin Pfarrer der Evangelischen Kirche im Rheinland und arbeite an einem Bonner Gymnasium.
Wer ist Gott?
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