Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

30.01.06, 6.56 Uhr, Michael Möller

Nur ein frommer Spruch

Die Wochen des Kirchenjahres stehen unter einem Leitgedanken. Das ist der sogenannte „Wochenspruch“, ein Vers aus der Bibel. Man kann das abtun als Sprücheklopferei.

Oder man dreht die Sache um und klopft den Spruch selber ab. Hier ist der Spruch für diese Woche:

„Kommt her und sehet an die Werke Gottes, der so wunderbar ist in seinem Tun an den Menschenkindern.“ Es ist ein Vers aus einem Danklied, dem Psalm 66.

 „Kommt her und sehet...“ Wir sollen eine Bewegung machen. Nicht nur jetzt, am frühen Morgen, sondern immer wieder einmal im Laufe der Woche. „Kommt her und sehet.“ Wendet euch einmal ab von dem, was ihr gerade tut. Konzentriert euch auf die Arbeit des Schauens. Das könnte ich in dieser Woche hinbekommen. Innehalten ist eine Geheimwaffe gegen Stress und für Besinnung, die mir - weiß Gott - not tut.

Aufmachen soll ich mich zu den Werken Gottes. Schon schwieriger. An diesem gewöhnlichen Montagmorgen. Der Blick fällt auf die Zeitung. Sie ist angefüllt mit Unfällen, kleinen und großen Katastrophen, entlarvenden Berichten und, verzeihen Sie, den oft nichtssagenden Sprüchen der Politiker und den verführerischen Sprüchen der Werbung. Der Terminkalender erinnert mich an einen fälligen Zahnarztbesuch. Der Jüngste ist krank und kann nicht zur Schule gehen. Der Kaffee ist zu stark. Und da tönt es aus dem Radio: „Kommt her und sehet an die Werke Gottes.“ Also doch nur ein frommer Spruch, der mich und mein Leben nicht kennt?

Dieser Eindruck muss entstehen, wenn ich die Worte abwehre wie einen Angriff. „Komm mir doch bloß nicht so!“ Ich frage mich, warum wir das so gerne tun: Die Fäuste heben, die Schultern spannen, das einfache Wort zurückweisen? Ich meine, wir reagieren immer dann so, wenn wir uns nicht verstanden fühlen in unserer alltäglichen Not: Da sage mir doch keiner, es gäbe da etwas, was „wunderbar“ ist!

Also ist der Wochenspruch ein Schönwetterwort? Ja und nein. Ja, weil es ein Dankwort ist, aus vollem Herzen zu sprechen. Das geht einem nicht ständig über die Lippen. - Nein, es ist kein dummer Schönwetterspruch, weil es tatsächlich an jedem Tag Wunderwerke Gottes zu bestaunen gibt. Es kommt darauf an, sie wahrzunehmen.

In dieser Woche sollen wir unseren Blick also zum Wunderbaren wenden. Wie man das macht? Darf ich Ihnen einen Tipp geben? Nicht, weil ich das so gut drauf habe. Eher, weil ich uns Mut machen will zum Staunen. Ihnen - und mir. Auch für mich ist heute ja erst mal Montag. 

Das ganze Geheimnis des Staunens liegt in der Achtsamkeit. Und Achtsamkeit kann man üben. Sie ist eine Lebenshaltung. Im Mittelpunkt steht das Atmen. Alles beginnt mit dem Atem. Vom ersten Schrei bis zum letzten Atemzug. Ich atme. Leben strömt ein, gibt mir Kraft, strömt aus.
Das ist im Grunde schon alles. So einfach wie wirksam. Sich auf das Atmen zu besinnen, ist überall möglich und jederzeit. Auch montags. Im Wartezimmer des Zahnarztes. Wenn ich mich einlassen kann auf dieses alltägliche Wunder, dass da etwas in mir Luft holt, ohne dass ich mich dafür entscheiden muss. Dass ich angefüllt bin mit Gottes Odem, wie es früher hieß. Wenn ich dem nachspüren kann, dass ich immer wieder loslassen, ausatmen darf - ja: Dann darf ich eine Sekunde lang staunen, welches Wunder Gott an seinem Menschenkinde tut. Welches er in dieser Sekunde an mir tut.  „Kommt her und sehet an die Werke Gottes, der so wunderbar ist in seinem Tun an den Menschenkindern.“ 

Audiobeitrag Nur ein frommer Spruch


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