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Das Gewicht der Welt
Manchmal spüre ich das Gewicht der Welt. Immer dann, wenn es mir gelingt, achtsam zu sein. Oder wenn es schwerer wiegt, als ich gerade tragen mag. Diese Tage kann ich in
Gewichtsklassen einteilen, wie beim Boxsport. Es gibt Tage mit Fliegengewicht. Urlaubstage fallen mir da ein, manche Feiertage und Stunden des Glücks. Alles fliegt mir zu und ich schwebe nur so durch die Zeit. Geschenkte Tage.
Dann kommt das Bantamgewicht. Was immer das heißen mag, so viel ist sicher: Der Alltag ist wieder da. So wie heute vielleicht. Alles läuft, irgendwie. Morgen auch, und übermorgen hoffentlich auch. Keine besonderen Vorkommnisse. Doch irgendwie wird die Last drückender, ohne ersichtlichen Grund. Weltergewicht muss das wohl sein. Gerade noch zu schaffen, sicher. Aber von Schweben längst keine Spur. Schleichen. Schleppen. Ich will das jetzt nicht ausmalen, Sie wissen, was ich meine. Aus Hellgrau wird allmählich Dunkelgrau.
Seit einiger Zeit weiß ich, was mir dann fehlt: Das Gespräch mit unserem Vater im Himmel. Das klingt so richtig altbacken, ist aber eine Erfahrung, zu der ich stehe. Immer wenn ich die Verbindung zu Gott abreißen lasse, werden die Tage schwerer. Es fühlt sich an, als ob eine Energiequelle langsam versiegt. Man muss das Gleiche leisten wie gestern und hat mit jedem Tag etwas weniger Kraft dazu. Das lässt sich überdecken mit allerlei Tamtam und Wirbel, ich weiß. Ich fühle das Gewicht nicht mehr so stark, wenn ich mich in irgendetwas hineinstürze.
Das ist bei mir z.B. ein spannender Krimi oder ein ebenso spannender Eingriff in meinen Computer. Oder was auch immer. Doch wenn der Täter gefasst oder die Festplatte installiert ist, kommt auch für den Macher die Stunde der Wahrheit. Mittelschwergewicht ist dann angesagt. Das drückt auf die Schultern und lässt den Rücken leiden. Der Körper reagiert immer mit, bis hin zum Halbschwer- und Schwergewicht.
Wenn ich den Moment nicht verpasse und das Gespräch mit Gott rechtzeitig wieder aufnehme, ist das gleichwohl keine Garantie für Federgewichtstage auf Lebenszeit. Aber das Leben gewinnt an Leichtigkeit. Das habe ich erfahren. Es geht mir dabei wie mit meinen erwachsenen Kindern, von denen ich oft lang nichts höre. Ich weiß, sie sind da und es geht ihnen wahrscheinlich gut, sonst würden sie sich melden. Aber mit jeder Woche, die ohne ein Wort verstreicht, entfernen wir uns etwas von einander. Und das Leben wird ein bisschen schwerer. Erst wenn ich diese Schwere spüre, fällt mir ein, dass ich ja einfach mal anrufen könnte. Wenn wir das Gespräch wieder aufgenommen haben, gehts mir besser.
Manchmal stelle ich mir vor, dass unser Vater im Himmel auch auf unseren Anruf wartet. Es muss ja gar nicht viel sein. Wie sagt man - ein Lebenszeichen genügt doch oft. Gott ist wie ein Vater, den man jederzeit mit seinen vielen kleinen und großen Gewichten belasten darf:
Im ersten Brief des Petrus heißt es: Alle Sorge werfet auf ihn; denn er sorget für euch. Vielleicht kommt daher dieses Bisschen mehr an Leichtigkeit: Ich werfe meine Sorgen auf ihn. Das stelle ich mir manchmal auch bildlich vor, wie ein Abwerfen von Ballast, Stück für Stück. Gott will nicht, dass seine Kinder bedrückt über die Erde gehen. Aber er möchte auch nicht in Vergessenheit geraten.
Das Gewicht der Welt
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