Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

31.01.06, 7.50 Uhr, Michael Möller

Finkenrath macht in Familie

Im Verlaufe dieser Woche möchte ich Ihnen drei Geschichten aus dem Leben eines ziemlich durchschnittlichen Christen erzählen. Gewiss keine Heiligenlegenden, aber

Szenen aus einem Christenleben im Jahre 2006.

In manchen Dingen ist Kaspar Finkenrath optimistischer als der Geist der Zeit. Er glaubt sich das erlauben zu können. Meint, er hätte fast schon genug gesehen mit seinen 52 Jahren. Sagt jedem, der verzagen will: „Die Kirchen werden wieder voller, ihr werdet sehen!“ Wie andere das Wetter in den Knochen spüren, fühlt er die zunehmende Kälte im Land. Fühlt, wie die Menschen stumm darunter leiden. Sie frieren vor Einsamkeit. Zur gleichen Zeit nimmt er aber auch die Sehnsucht dieser Menschen wahr, ihren Hunger nach Leben. Sie werden sich nicht mehr lange abspeisen lassen mit den bunten Bildern  der Flachbildschirme! „Ihre Sehnsucht wird die Menschen wieder in die Kirchen kommen lassen!“

„Ach, Herr Finkenrath“, ruft einer seiner Schüler, „was werden sie denn da finden? Liturgie und Langeweile und...“ Hier unterbricht der Religionslehrer Finkenrath seinen Schüler, denn was der aufzählen will, weiß ja schon jeder. „Unter den Talaren Muff von 1000 Jahren.“
Und dann erzählt Finkenrath von sich. Davon, wie klein seine Familie geworden ist. Wie sehr ihm die Eltern fehlen, die vor Jahren starben. Wie kostbar jeder Besuch, jeder Anruf seiner Kinder ihm ist. Wie wichtig es ihm ist, einen Bruder zu haben, auch wenn der im tiefsten Bayern lebt. Er verschweigt auch nicht, dass ihm die Verwandtschaft gehörig auf den Nerv gehen kann. Finkenrath weiß, dass das Wort „Blutsbande“ auch eine kriminelle Vereinigung bezeichnen kann. „Aber kalt“, darauf besteht er und erhebt sogar den Lehrerfinger, „kalt ist es in der Familie nie.“

„Aber was hat das mit den leeren Kirchen zu tun?“ Finkenrath freut sich, dass seine Schüler mitdenken.

„Die Menschen werden in der Kirche ihre verlorene Familienwärme suchen - und finden. Sie werden entdecken, dass sie hier noch teilhaben können am Schicksal anderer, echter Menschen. Live! In Echtzeit! Wer sich zum Gottesdienst rufen lässt, der lernt nach und nach eine neue Familie kennen. Da wird geboren und Taufe gefeiert. Da wird gestorben und letztes Geleit gegeben. Menschen beten für einander: Dass es jeder und jedem gut ergehe und Gottes Segen über allen aufscheine! Menschen singen, lachen, trauern und weinen hier. Sie lassen keinen im Stich, der im Leid gefangen ist.“ Finkenrath hat sich warm geredet.

„Friede, Freude, Eierkuchen!“, ruft jemand aus der hinteren Reihe. - Hat er das Bild zu einseitig gemalt? Er fühlt sich irgendwie ertappt.

„Ja, Sie haben Recht“, gibt Finkenrath zu. „Die Gemeindefamilie kennt auch den Tratsch, die Missgunst und Eitelkeiten aller Art. Wer ist der Frömmste im ganzen Land? Es geht halt zu wie in jeder guten Großfamilie. Natürlich stöhnt da alles auf, wenn Onkel Jan wieder mal zu viel  getrunken hat. Und die Sprüche von Oma und Opa erfreuen auch nicht jedes Herz. Der Nachwuchs ist nicht immer wohlgeraten. Die Rollen wurden vor Jahren verteilt und kaum einer kann sich davon befreien. Auch Finkenrath hat unter solcher Last gelitten, vor langen Jahren. Aber er weiß auch: In der Familie sind wir eher bereit, die Last des anderen zu tragen.

Und dafür bekommen wir, was wir so sehr brauchen. Ein bisschen Nähe. Ein wenig Anteilnahme an unserem kleinen Schicksal. Vielleicht die Gewissheit, dass es jemandem auffällt, wenn wir verweint aussehen oder strahlend, oder wenn wir einmal fehlen auf unserem Stammplatz am großen Tisch des Herrn.“

Finkenrath wundert sich über seine Gewissheit. Und er betet darum, dass die Kirchen an dem Tag des großen Ansturms der Gemeindefamilienmitglieder nicht schon verkauft sein werden.

Audiobeitrag Finkenrath macht in Familie


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