Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

01.02.06, 7.50 Uhr, Michael Möller

Das innere Lied

Weihnachten ist lange vorbei. Aber diese Zeit , in der wir so intensiv gesungen haben, hat Spätfolgen. Ich ertappe mich dabei, wie ich aus voller Brust oder leise pfeifend

Weihnachtslieder erklingen lasse.. Das kommt nicht immer gut an bei meinen Lieben. Sie haben, mit Verlaub, die Ohren voll vom Himmel hoch. Und überhaupt. Weihnachtslieder sind so heilig wie die Nacht, die sie besingen. Das meine ich völlig ernst. Und deshalb schäme ich mich meiner Gedankenlosigkeit.

Woher kommen diese Melodien in meinem inneren Ohr? Ist das nur der kleine Ohrwurm, der sich eingeschlichen hat?

Ich möchte es lieber „das innere Lied nennen“. Ich beobachte mich in dieser Sache schon eine ganze Weile. Weil ich nicht glaube, dass unser eingebauter Disc Jockey  die Platten zufällig auflegt. Bei manchem Lied, das mir so von der Lippe ging oder dem ich lauschen musste, habe ich mich gefragt: Warum jetzt dieses Lied? Die Melodie ist dabei zweitrangig. Wenn Sie wieder einmal etwas trällern, lauschen Sie doch einmal auf den Text! Sie erfahren möglicherweise eine Menge über sich selbst. Ein Beispiel? Bitte sehr.
 
Ich bin auf dem Heimweg von einer ärztlichen Untersuchung. Alles im grünen Bereich, sagte der Doktor. Im Auto schweigt das Radio. Stattdessen höre ich mich. Ich zitiere den Kernvers: „Will you still need me, will you still feed me / when I’m sixtyfour.“ Wirst du mich noch brauchen, wenn ich 64 bin? Die Beatles machen sich Sorgen um ihr Älterwerden, um Einsamkeit im Alter. Sie sorgen sich IN MIR. Und ich strahle, weil ich vertrauen darf, dass ich im Kreise meiner Lieben alt werde. Aber  ins Nachdenken kommt man schon....Wenn Sie es mal ausprobieren, werden Sie sich wundern, das verspreche ich Ihnen. Unsere inneren Lieder sind Botschaften aus einem Reich, das uns auf andere Weise kaum zugänglich ist.. Sie erklingen so lange, bis wir sie anhören.

Manches schleicht sich auf diese Weise in mein Leben und löst etwas aus. Ganz leise, anmutig fast. Danke für diesen guten Morgen, danke für jeden neuen Tag. Ach, das sind Tage, an denen es so in mir klingt! Da stimmt alles, für einen Moment. Und das innere Lied singt von selbst sein Danke. Oder neulich: Da kam ich nach Hause und hörte schon im Flur das heitere Abendgespräch und die Geschichten vom Tage, die Mutter und Kinder sich erzählten. Dazu erklang ganz leis die Melodie von : Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen. Ein wunderbarer Kanon. Als inneres Lied kann ich’s allerdings nur einstimmig. Aber diese Stimme erzählte mir, als ich darüber nachdachte, etwas von der Nähe Gottes in meiner Familie.
 
Wenn nun in diesen Wintertagen noch einmal etwas vom Himmel hoch her zu uns gesungen kommt, dürfen wir uns ruhig fragen lassen, welche gute, neue Mär uns da gebracht werden soll.  Wir müssen es ja nicht hinaus brüllen und unsere Mitmenschen nerven. Es ist ein inneres Lied, für das wir uns nicht schämen werden, sondern dem wir dankbar lauschen, auch wenn seine Botschaft manchmal quer zu unseren Erfahrungen liegt. Und - mit Verlaub: Nach Weihnachten ist vor Weihnachten. Deshalb sei’s mit Luther gewagt, „mit Herzenslust den süßen Ton“  anzuschlagen, der Ihnen bekannt vorkommen wird: „Christ, der Retter ist da .“

Audiobeitrag Das innere Lied


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