Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

02.02.06, 7.50 Uhr, Michael Möller

: Finkenrath macht sich ein Bild

Er stellt die Kamera auf ein Stativ, legt sich den Fernauslöser zurecht, sorgt für sachliches Licht und stellt sich vor dem Objektiv in Positur. Frontal, die Beine

geschlossen, die Arme hängen am Körper herab. Die Wirbelsäule aufgerichtet wie sonst auch - wenn er vor der Klasse oder im Supermarkt an der Kasse steht. Finkenrath will ein ungeschöntes Bild von sich. Das bekommt er nur, glaubt er, wenn er allein ist mit der Kamera.

Er will sich nichts mehr vormachen. Will sich von inneren Bildern verabschieden, die noch aus jungen Jahren stammen. Kaspar Finkenrath, der Eroberer. Kaspar-ich-ändere-die-Welt-Finkenrath. Der auf sich hält. Der Frauenversteher. Oh ja, ein ganzes Album hat er im Kopf.! Er überlegt, ob er sich ausziehen soll, wegen der Echtheit, der Schonungslosigkeit. Nackt, wie Gott ihn schuf? Er verwirft diesen Gedanken sofort wieder. Er fürchtet sich vor seinem Bauch. Vor dieser Hautfalte am unteren Bauchrand, die er sonst nie sehen muss. Zwischen dem Schöpfungsakt Gottes und seinem jetzigen Zustand liegen Welten, meint er. Eine weite, graue Hose, ein altes grünes T-Shirt gesteht er sich zu. Bedeckt die Blöße, ohne zu kostümieren. Man muss es ja nicht übertreiben.

Er blickt in das kalte Schwarz des Kameraauges. Wägt ab, ob er beim Ein- oder Ausatmen auslösen soll. Entscheidet sich fürs Ausatmen. Fragt sich, wie seine Haare aussehen und holt einen Spiegel. Kämmt sich, sieht einen Pickel neben der Nase. Der soll bleiben. Wenn er jetzt daran herumdrückt, sieht’s auf dem Foto noch schlimmer aus als so. Die Lippen offen oder geschlossen? Der Mund bleibt zu, befiehlt er sich. Das soll ja keine Kontaktanzeige werden! Oder doch? Schließlich sucht er ja Kontakt zu sich. Will er am Ende wissen, ob er sich mögen kann? Ob er es mit so jemandem aushält? Für den Rest der Zeit?

Er nimmt den elektrischen Auslöser in die Hand und starrt verkrampft in die Kamera. Ausatmen. Er löst aus. Bei diesen modernen Apparaten hört man ja fast nichts mehr. Ob es geklappt hat? Er sieht sich das Bildchen auf dem Display an. Klar, er hat die Augen zu. Wollte er sich nicht sehen? Finkenrath löscht das Foto und baut sich erneut auf. Er merkt, dass er sich gar nicht richtig angesehen hat. Hingucken, Kaspar, sonst hat es keinen Sinn!

Finkenrath redet sich sonst immer mit dem Nachnamen an, aber heute ist es ja etwas Besonderes, Intimes. Ausatmen, auslösen - diesmal hat es geklappt, die Augen starren ihn an, aufgerissen, als fürchtete er sich vor dem Bild. Und genau das tut er ja auch. Er macht rasch noch eine Aufnahme im Profil von rechts und links, fühlt sich wie ein Verbrecher, der sich gestellt hat und sogar die Fotos für die Polizeikartei mitbringt.  - Aber wessen beschuldigt er sich?

Ist er schuldhaft gealtert? Hat er sich gehen lassen? Sich verbraucht? Ist er unansehnlich geworden? Zeigt sich etwas in seinen Zügen, das nicht sein darf?

Noch so ein paar Fragen, Finkenrath, und du bist fertig mit der Welt für heute. Er holt sich die Fotos nebeneinander auf den Bildschirm und besinnt sich eines Besseren: Der Schöpfungsakt kann kein einmaliges Startereignis mit anschließendem Verfall sein. Gottes Liebe geht weiter, begleitet auch ihn bis ans Ende. Mit seinen Hautfalten und Pickeln, mit seiner Schuld und allem, was ihn so einmalig macht. - Für den letzten Gedanken schämt er sich ein bisschen; so ist er halt.

Finkenrath baut seine Kamera wieder ab, holt die Bibel und liest Geschichten von alten Männern. Und davon gibt es viele in diesem Buch. Er beginnt mit Abraham. Und staunt wieder einmal, was Gott mit dem Stammvater Israels noch vorhat, als der schon uralt ist, jetzt mal verglichen mit Finkenrath.

Audiobeitrag : Finkenrath macht sich ein Bild


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