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Dietrich Bonhoeffers 100. Geburtstag
Manchmal finde ich es schade, dass wir Evangelischen keine Heiligen haben. Dietrich Bonhoeffer wurde heute vor hundert Jahren geboren. Mit 21 ist er bereits Doktor der
Theologie, mit 25 Privatdozent. Bald schon legt er sich als Mitglied der Bekennenden Kirche mit den braunen Herrschern an. Als Deutschland den 2. Weltkrieg anzettelt, reist er in die USA, wo ihm eine Professur angeboten worden war. Eine große Karriere liegt vor ihm, doch er kehrt aus freien Stücken nach Nazideutschland zurück. Er will und kann vor der Not seiner Kirche nicht davonlaufen. Er nimmt Kontakt zum politischen Widerstand auf. Seine Art der Nachfolge Christ heißt in dieser Situation, dass er sich beteiligt an den Vorbereitungen zu einem Attentat auf Hitler. Das sinnlose Sterben im bereits verlorenen Krieg sollte ein Ende haben. Die Nazis ermorden ihn wenige Tage vor dem Zusammenbruch ihrer Schreckensherrschaft im KZ Flossenbürg. Bonhoeffer ist 39 Jahre alt.
Ich erinnere mich noch gut, mit welchen Gefühlen ich als junger Mann sein Buch Nachfolge gelesen habe. Ich hatte es mir gerade in Familie und Beruf gemütlich gemacht. Meine Religion wollte ich ernst nehmen. Jesus wollte ich ernst nehmen. Wollte sehen, ob ich tauglich wäre für die Nachfolge. Doch was Bonhoeffer da schrieb, ließ mich ziemlich kleinlaut werden. Er spricht von der Gnade. Aus unserer Alltagssprache hört man vielleicht noch, dass Gnade immer etwas Unverdientes ist, eher ein Geschenk. Die Gnade Gottes wäre dann so etwas wie das Geschenk seiner Güte, seines Verzeihens, seiner Liebe. So weit mochte ich Bonhoeffer gerne folgen.
Manches in meinem Leben deutete ich als Zeichen von Gnade - z.B. die Geburt meiner Kinder. Aber bei Bonhoeffer musste ich dann lesen, dass es eine billige und eine teure Gnade gibt. Billige Gnade ist Gnade ohne Nachfolge, Gnade ohne Kreuz. Teure Gnade, schreibt er weiter, ist der Ruf Christi, auf den hin der Jünger seine Netze verlässt und nachfolgt. Zuerst dachte ich, dass man sich durchs Hintertürchen die Gnade doch verdienen müsse. Aber es geht ja um Nach-Folge. Die kommt mit, durch und nach Gottes liebevoller Zuwendung. Sie ist keine Vorausleistung. - Gut, der erste Schreck war überwunden.
Doch dann findet Bonhoeffer deutliche Worte für die billige Gnade: Billige Gnade schreibt er ist der Todfeind unserer Kirche. Gnade als Schleuderware. Verschleuderte Vergebung. Verschleuderter Trost. Verschleudertes Sakrament. So einfach konnte ich es mir mit der Gnade also nicht machen. Ich verstand: Gnade ist teuer, weil sie den Menschen das Leben kostet. Das Leben, das er aus sich heraus, selbstbestimmt führen möchte.
Bonhoeffer provoziert mich bis heute. Sein Anspruch stellt nicht nur mich in Frage. Wenn man wenigstens erfahren würde, dass er selbst auch nicht besser war. Irgendwelche Schwächen oder Skandale lassen doch heute jeden straucheln, der den Mund zu voll nimmt. Das würde mir armseligem Christen Entlastung verschaffen. Aber dieser Mann geht den Weg der Nachfolge bis zum Galgen. Er tröstet seine Mitgefangenen und schenkt der Welt einige der schönsten Gedichte, aus der Zelle heraus. Und sagt im Angesicht des Todes:Das ist das Ende. Für mich der Beginn des Lebens.
Manchmal ist es schade, dass wir Evangelischen keine Heiligen haben. Das würde die Hochachtung angemessen ausdrücken, die ich vor diesem Menschen empfinde.
Dietrich Bonhoeffers 100. Geburtstag
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