Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

30.01.06, 5.56 Uhr, Antje Rösener

Beten mit Psalm 23

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer, „Das Beten zu erklären, ist schwer“, sagte mir kürzlich eine junge Frau. „Aber es zu tun, ist kinderleicht.“ Vielleicht hat sie

Recht. Vielleicht liegt darin die Chance des Betens: Dass man es einfach tun kann, jederzeit und an jedem Ort. Alleine oder auch mit anderen.
Nichtsdestotrotz: In den Andachten dieser Woche will ich über das Beten nachdenken und von Erfahrungen erzählen, die Menschen mit dem Gebet gemacht haben.

Mir selbst geht es so: Es gibt Tage, wo ich einfach beten muss.
Nach langen Autofahrten mit unserer Familie zum Beispiel. Jedes Mal wenn wir heil und gesund aus dem Urlaub zurück sind, ist mir danach. Wieso weiß ich auch nicht so genau. Es kommt mir wohl einfach nicht selbstverständlich vor, dass wieder mal nichts passiert ist.

Oder ich bete, wenn mir nichts anderes mehr einfällt, was ich tun könnte.
Eine Freundin liegt im Koma auf der Intensivstation, weit entfernt von meinem Wohnort. Was mir bleibt, ist das Gebet. Nur nicht stumm werden, gerade wenn mir die Hände gebunden sind. Nicht aufhören zu hoffen. Nicht aufhören, an Heilung zu glauben, auf Gott zu setzen.

Als der Irakkrieg ausbrach, konnten unsere Kinder abends nicht einschlafen.
Wir hatten schon gebetet, aber das Beten nur mit Worten hatte sie nicht beruhigen können.
Sie wollten etwas tun. Schließlich hatten sie die Idee eine Kerze anzuzünden, die die Nacht über brennen sollte. Wir haben sie gut geschützt draußen auf’s Fensterbrett gestellt. Dann endlich konnten sie schlafen.
Beten kann man mit Worten. Aber auch mein Körper kann beten, manchmal will er das, manchmal braucht er das.

Ernesto Cardenal, der bekannte Dichter und Priester aus Nicaragua, hält das Beten für etwas so Alltägliches wie das Atmen oder das Schlagen eines verliebten Herzens.

Sprecher: „Das Gebet ist eine Verbindung mit Gott, die keine Worte und nicht einmal Gedanken braucht. Man kann sich mit einem Blick mitteilen oder mit einem Lächeln, mit Seufzern oder mit Taten. Unser Körper spricht ein tiefes Dankgebet, wenn er seinen Durst mit einem Glas Wasser stillt. Wenn wir uns an heißen Sommertagen in die Fluten eines kühlen Flusses stürzen, singt unsere Haut eine Dankeshymne an ihren Schöpfer. Wir können willentlich aus allen unseren Taten ein Gebet machen.“

Das ist ein faszinierender Gedanke für mich: Aus ganz alltäglichen Dingen ein Gebet zu machen. Ein Glas Wasser zu trinken und das Herz für den Bruchteil einer Sekunde „danke“ sagen zu lassen. Mich an meine Arbeit zu begeben und einen Moment daran zu denken, dass Gott mich an meiner Arbeitstelle braucht.
Oder berührt zu werden, Haut an Haut… und dankbar zu fühlen, wie der Körper zu jubeln beginnt.

Aus allen unseren Taten ein Gebet zu machen – das scheint mir jedoch etwas viel verlangt.
Aber ab und an innezuhalten, um zu spüren: das, was ich erlebe, ist von Gott geschenkt, das kann den Alltag eigentlich nur versüßen.

Audiobeitrag Beten mit Psalm 23


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