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Beten mit dem Kaddisch
Es gibt Geschichten, die sind so schön, so merk-würdig, dass man sie weitererzählen muss. Eine solche Geschichte hat mir vor einigen Wochen ein Bekannter erzählt.
Er hat etwas erlebt. Beim Beten, und zwar beim Beten eines ganz eigentümlichen Gebetes.
Sprecher: Erhoben und geheiligt werde sein großer Name auf der Welt, die nach seinem Willen von Ihm erschaffen wurde. Sein Reich soll in eurem Leben in den eurigen Tagen und im Leben des ganzen Hauses Israel schnell und in nächster Zeit erstehen. Sein großer Name sei gepriesen in Ewigkeit und Ewigkeit der Ewigkeiten. Gepriesen sei und gerühmt, verherrlicht, erhoben, erhöht, gefeiert, hocherhoben und gepriesen sei der Name des Heiligen, gelobt sei er, hoch über jedem Lob und Gesang, Verherrlichung und Trostverheißung, die je in der Welt gesprochen wurde, Fülle des Friedens und Leben möge vom Himmel herab uns und ganz Israel zuteil werden
Diese Worte stammen aus einem jüdischen Gebet. Dem sogenannten Kaddish. Es ist ein Gebet für Trauernde. Manche nennen es auch das Waisenkaddish, denn gläubige Jüdinnen und Juden beten es für ihre verstorbenen Eltern. Und zwar elf Monate lang, jeden Tag mehrmals
Das Eigentümliche ist Sie werden es eben gehört haben: In diesem Gebet ist von Schmerz und Trauer überhaupt nicht die Rede. Mit keinem Wort wird der Tod oder das Sterben erwähnt. Vielmehr wird der über alles erhabene Gott, sein großer Name in höchsten Tönen gepriesen, gerühmt, gefeiert.
Mein Bekannter hatte auf sehr verschlungenen Wegen von diesem Gebet gehört und davon, dass die Juden es für ihre Eltern beten. Er selbst hatte seinen Vater nie gekannt. Er starb im zweiten Weltkrieg, vor 60 Jahren, als er selbst noch ein Säugling war. In den letzten Jahren wuchs sein Wunsch, mehr von seinem Vater zu wissen, ihm näher zu kommen. Vor etwa einem Jahr fasst er einen Entschluss: Er nimmt sich vor, 11 Monate lang dieses jüdische Gebet zu sprechen und dabei an seinen Vater zu denken. Dieser Bekannte ist nicht sonderlich fromm, auch nicht besonders vertraut mit dem Judentum. Ihm kam die Idee und er hat es ausprobiert.
Und frage ich ihn gespannt, ist irgendetwas passiert, hat sich irgendwas verändert
?
Ja sagt er und zögert etwas. Ich habe schon zweimal von meinem Vater geträumt. Ich habe ihn ganz viel gefragt, was er arbeitet und macht und so. Er hat mir geantwortet. Wir haben über ganz alltägliche Dinge gesprochen. Und
im letzten Traum
, da haben wir uns am Ende umarmt.
Sprecher: Gepriesen sei und gerühmt, verherrlicht, erhoben, erhöht, gefeiert, hocherhoben und gepriesen sei der Name des Heiligen
. Fülle des Friedens und Leben möge vom Himmel herab uns und ganz Israel zuteil werden
Was bringt es zu beten? Dieser Bekannte hat alte, vorformulierte Worte genommen. Er ist in eine überlieferte Tradition geschlüpft, wie andere in ihren Pullover. Er hat das Gebet wiederholt, immer und immer wieder gesprochen. Und dann erlebt, dass sich etwas verändert. Dass er seinem leiblichen Vater der vor 60 Jahren starb tatsächlich näher gekommen ist. Dass er auf diese Weise ein Stück Frieden fand.
Beten mit dem Kaddisch
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