Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

03.02.06, 5.56 Uhr, Antje Rösener

Beten und Schweigen

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer, Was meinen Sie, in welcher Zeit diese Worte geschrieben wurden:

Sprecher:
„Betrachtet man den jetzigen Zustand der Welt und das ganze Leben, so müsste man sagen: Es ist eine Krankheit. Wenn ich Arzt wäre und mich einer fragte: „Was meinst du, muss getan werden?“ so würde ich antworten: „Das erste, was getan werden muss, und die unbedingte Voraussetzung dazu, dass überhaupt etwas getan werden kann, ist – schaffe Schweigen!
Es ist in unserer Zeit so, dass  jedes einzelne, selbst das unbedeutendste Unternehmen und jede einzelne, selbst die nichtssagendste Mitteilung bloß darauf zielt, die Sinne zu reizen oder die Massen, die Menge und das Publikum zu erregen.“

Diese Worte sind 160 Jahre alt. „Schaffe Schweigen“ dieses radikale Rezept verpasste der dänische Philosoph Sören Kiergegard der Welt von damals.

Wenn Sie sich jetzt umhören, jetzt in diesem Moment so kurz vor sechs, – dann ist es vermutlich noch recht leise in Ihrer Umgebung.
Leiser jedenfalls als in ein oder zwei Stunden.
Ist das ein Gewinn, die Stille? Das Schweigen?

Ein Freund erzählte mir vor einiger Zeit, wenn er wirklich zur Ruhe kommt, wenn er wirklich
mal länger nicht reden muss, dann wird er schnell traurig. Wenn er arbeitet, werkelt, tut und
macht, dann spürt er wenigstens diese Traurigkeit nicht.

Ich selbst verbringe ab und an einige Tage alleine am Meer. Jeden Tag laufe ich dann mehrere Stunden am Strand entlang und rede gar nicht. Was mich erschreckt: Auch wenn sich mein Mund nicht bewegt, in mir redet es ohne Unterlass. Da wird es gar nicht ruhig. So viele Dinge aus den vergangenen Wochen, die mir durch den Kopf schwirren: Was mir dieser gesagt hat, wie ich mich dort benommen habe, was mir dann passiert ist…!
Dann ist es zwar um mich herum still und ruhig – wenn man mal vom Rauschen des Meeres und dem Kreischen der Möwen absieht - aber in mir plappert es unaufhörlich.

Es dauert…, manchmal sogar Tage, bis es ruhiger wird in mir.
Wenn es endlich soweit ist, dann sind meine Sinne nicht mehr bei dem was gestern war und vorgestern, sondern dann bin ich ganz da. Und das ist sehr schön. Ich sehe das Meer vor mir. Das Glitzern der Sonne im Wasser. Dann spüre ich, wie gut es tut, die frische Luft durch den  Körper ziehen zu lassen. Wie es mich entlastet, einfach nur zu laufen, diesen sandigen Boden unter den Füßen haben.
„Schaffe Schweigen“  - ich glaube, dass das Schweigen eine Form des Betens sein kann.
Weil meine Sinne feiner werden im Schweigen.
Weil ich mehr spüre und wahrnehme.
Mehr von mir selbst, mehr von meiner Umgebung und im besten Fall auch mehr auch von Gott.

Sören Kierkegaard sagte es so:
Sprecher:„Als mein Gebet immer tiefer wurde, da hatte ich immer weniger zu sagen. Ich wurde vom Redner zu Hörer. Ich fand nicht nur Schweigen, sondern konnte im Schweigen tiefer und tiefer hören. Ich spürte, beten heißt still werden, still sein und warten bis der Betende Gott hört.“

Audiobeitrag Beten und Schweigen


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