Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

04.02.06, 5.56 Uhr, Antje Rösener

Bonhoeffer – 100.Geburtstag

„Es sind nun schon fast zwei Jahre her, dass wir aufeinander warten, liebste Maria. Werde nicht mutlos!“ Diese Worte schrieb Dietrich Bonhoeffer zum Weihnachtsfest

1944 an seine Verlobte Maria von Wedemeyer. Zu diesem Zeitpunkt saß der evangelische Pfarrer und Theologe schon 19 Monate lang in Haft.
Zuvor war er vier Jahre lang im Widerstand gegen Hitler tätig gewesen. Er hält Kontakt mit Gleichgesinnten im Ausland und informiert diese über Umsturzpläne gegen Hitler.
Das Ende ist vielen bekannt: Dietrich Bonhoeffer wird im April 1943 verhaftet und wenige Tage vor Kriegsende im KZ hingerichtet.

Bonhoeffer, der heute vor 100 Jahren geboren wurde, machte schon in jungen Jahren auf sich aufmerksam. Bereits mit 24 Jahren war er habilitiert, mit 25 Jahren wird er Studentenpfarrer in Berlin, mit 29 Leiter einer Ausbildungsstätte für Pfarrer.
Das war 1935. Die Nazis waren längst auf ihn aufmerksam geworden. Er hatte sich gegen den Boykott jüdischer Geschäfte gestellt, er verurteilte die Hörigkeit großer Teile der Kirchen gegenüber Hitler, er nahm in vielen Reden im In- und Ausland kein Blatt vor den Mund.

So wird ihm schon 1936 mit grad mal 30 Jahren die Lehrerlaubnis an der Uni entzogen. Durch seine viele Kontakte ins Ausland könnte er auswandern. Aber er bringt es nicht über das Herz. Denn er hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass das ganz große Unheil in Deutschland noch zu verhindern ist.

Mit seiner Verhaftung April 1943 endet die aktive Phase seines Lebens: Keine Diskussionen mehr über den Glauben, die Kirche, die Politik im Land. Keine Vorlesungen mehr, keine Reisen zu den Partnerkirchen in aller Welt, keine Reden mehr im Rundfunk, kein Beten und Singen mehr in der Kirche.

Und doch entstand im Gefängnis etwas, was Dietrich Bonhoeffer in aller Welt bekannt gemacht hat: Es sind seine Briefe aus der Haft, mit denen er sich eingegraben hat in die Herzen der Menschen, wenige Jahre nach Kriegsende veröffentlicht unter dem Titel: Widerstand und Ergebung.
Denn dort in der Zelle geht sein Glaube durch alle Tiefen. Angesichts der politischen Lage in Deutschland bleibt Bonhoeffer jede fromme Floskel im Mund stecken. Gott, wo bist du. Gott, wer bist du. Gott, wer bin ich? fragt er.
Er entdeckt Gott im Leiden. Mehr noch: Er entdeckt, dass auch Gott leidet – am Zustand dieser Welt.
Was für ein Gott soll das sein? müssen wir da gleich fragen. Ein leidender Gott?

Für Bonhoeffer kein Widerspruch. Gott ist schwach in der Welt und gerade so steht er uns bei. Behauptet er.
Behauptet er nicht nur. Denn in eben jenen Briefumschlag an seine Verlobte Maria von Wedemeyer zu Weihnachten 1944 legt er noch einen weiteren Zettel.
„Hier noch ein paar Verse, die mir in den letzten Abenden einfielen“, schreibt er dazu.
Ein paar Verse, die zeigen, wie genau dieser Gott ihn getragen hat:

Von guten Mächten wunderbar geborgen,
behütet und getröstet wunderbar, -
so will ich diese Tage mit euch leben
und mit euch gehen in ein neues Jahr.

Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag,
Gott ist mit uns am Abend und am Morgen
Und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

Audiobeitrag Bonhoeffer – 100.Geburtstag


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