Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

22.01.06, 10.00 Uhr, Sup. Martin Duscha

Elisa und Naaman

Eine faszinierende Geschichte aus dem Alten Testament erzählt, wie Gott aus Kleinem Großes macht; wie sich im Unscheinbaren Wesentliches zeigt; wie Gottes Kraft in den

Schwachen mächtig ist. Sie erzählt von einem Großen seiner Zeit, einem mächtigen General und seinem bedauernswertem Schicksal. Von zwei leibhaftigen Königen, dem von Aram und dem von Israel, von einer Prunkkarawane und mehreren Zentnern Gold und Silber. Aber die Hauptrolle spielen die kleinen Leute. Als da wären eine kriegsgefangene Sklavin, ein Hausknecht und ein nicht so bedeutender Prophet. Und Gott lässt seinen Segen nicht fehlen.

Sprecherin: Aus 2.Kön.5ff. :Naaman, der General des Königs von Aram, war ein trefflicher Mann vor seinem König und von ihm wertgehalten; denn durch ihn gab Gott den Aramäern den Sieg. Und er war ein gewaltiger Mann, jedoch aussätzig.

„jedoch aussätzig“. Das sagt alles. Ausgerechnet Naaman, der Angenehme, wie der Name übersetzt heißt. Der erfolgreiche, beliebte und tüchtige Heerführer erlebt nicht einen kleinen Aussetzer im Leben, er hat Aussatz. Nichts geht mehr. Er ist isoliert. Zu hoch ist das Risiko, sich anzustecken. Naaman, der Erfolgreiche, wird zum Unberührbaren.
Wer ernsthaft krank geworden ist, weiß, wie das ist: die Leute ziehen sich mehr und mehr zurück. Das Gefühl wird unausweichlich: Ich bin nur noch eine Last. Da kann auch schon einmal der letzte Rest von Hoffnung verloren gehen.
Für Naaman kommt Hoffnung plötzlich an einer Stelle zum Vorschein, von der man nach seinen Vorstellungen nichts erwarten würde.

Sprecherin: Die Kriegsleute der Aramäer waren ausgezogen und hatten ein junges Mädchen weggeführt aus dem Lande Israel; die war als Kriegsbeute im Dienst der Frau des Naamans.
Die sprach zu ihrer Herrin: Ach, dass mein Herr wäre bei dem Propheten in Israel! Der könnte ihn von seinem Aussatz befreien.

Ausgerechnet ein armseliges Opfer der militärischen Überlegenheit der Aramäer gibt den ersten Hinweis; eine Kriegsgefangene, die bei der Frau des Naaman als Sklavin arbeitet. Sie leidet mit unter der Not, die auf dem Haus lastet. Ihr Stoßseufzer ist es, der Bewegung in dieses lähmende Schicksal bringt: „Ach, wäre doch mein Herr bei dem Propheten in Israel!“
Ich denke an Familien, die im 2. Weltkrieg auch solche jungen Menschen aus dem Land der Kriegsgegner bei sich hatten. Man kann nicht davon absehen, dass sie als Zwangsarbeiter, als Sklaven sozusagen, zugeteilt wurden. Aber dennoch gab es in manchen Familien engen und guten Kontakt zu ihnen. Ebenso wie auch einige deutsche Soldaten als Kriegsgefangene in anderen Ländern Mitleid und Versöhnung erfahren haben.

Sprecherin: Da ging Naaman hinein zu seinem Herrn und sagte es ihm an und sprach: So und so hat das Mädchen aus dem Lande Israel geredet. Der König von Aram sprach: So zieh hin, ich will dem König von Israel einen Brief schreiben. Und er zog hin und nahm mit sich zehn Zentner Silber und sechstausend Goldgulden und zehn Feierkleider.

Ja, was hat die kleine Sklavin da alles in Bewegung gebracht! Auf ihre Bemerkung hin spricht der General bei seinem König vor. Und der schaltet seine Autorität ein. Er denkt: Jetzt kann der unterworfene König von Israel sich einmal nützlich erweisen. Zusätzlich bietet Naaman Riesengeschenke auf. Denn eine solch ungewöhnliche Hilfe will er natürlich nicht ohne Gegenleistungen. Und schon ist aus der kleinen Szene in Naamans Haus eine große diplomatische Staatsaktion geworden. Doch wie wir das ja auch manchmal kennen: kaum mischen die Großen mit, da droht die Sache auch schon zu scheitern:

Sprecherin: Naaman brachte den Brief dem König von Israel; der lautete: Wenn dieser Brief zu dir kommt, so wisse, ich habe meinen Knecht Naaman zu dir gesandt, damit du ihn von seinem Aussatz befreist.
Und als der König von Israel den Brief las, zerriss er seine Kleider und sprach: Bin ich denn Gott, dass ich töten und lebendig machen könnte, dass er zu mir schickt, ich solle den Mann von seinem Aussatz befreien? Merkt und seht, wie er Streit mit mir sucht!

Für den aramäischen König ist es selbstverständlich, wenn einer Heilungskräfte in Israel hat, dann kann es nur der König sein. Aber für den Israeliten steht fest: Heilung, die Entscheidung über Leben und Tod, das steht alles allein in Gottes Hand. In Israel wusste man damals schon wie heute, dass kein Arzt über den Erfolg seiner Therapie verfügt. Zuletzt, im tiefsten Grund, ist Heilung immer Sache Gottes. Auf diesem Hintergrund versteht man erst die Bestürzung des israelitischen Königs. Er kann nur glauben, dass der aramäische König einen Vorwand für einen neuerlichen Krieg sucht und er hat den Tod vieler seiner Soldaten vor Augen.
So droht nun an den Großen zu scheitern, was bei den Kleinen so
hoffnungsvoll begann.

MUSIK: CELLO, QUERFLÖTE, ORGEL

Sprecherin: Als Elisa, der Mann Gottes, hörte, dass der König von Israel seine Kleider zerrissen hatte, sandte er zu ihm und ließ ihm sagen: Warum hast du deine Kleider zerrissen? Lass ihn zu mir kommen, damit er innewerde, dass ein Prophet in Israel ist.

Der Weg des Naaman scheint zu Ende noch bevor er richtig begonnen hat. Aber selbst, wo wir uns in Sackgassen manövrieren, da öffnet Gott doch noch eine Tür. Der Prophet Elisa meldet sich. Er meldet sich zu Wort, von sich aus, ohne gefragt zu sein – so wenig wie vorher die israelitische Sklavin gefragt war. Ohne Naamans oder des Königs Zutun gibt es wieder Hoffnung.

Sprecherin: So kam Naaman mit Rossen und Wagen und hielt vor der Tür am Hause Elisas.

Was für eine Schau, wie diese Kolonne vorfährt! Als habe er viel mehr zu bieten als zu erbitten. Der Aussätzige ist eben doch immer noch ein großer Mann. Wie wird Elisa jetzt springen! Wahrscheinlich steht er schon mit gebeugtem Rücken und gesenktem Haupt vor seiner Hütte.
Oder?

Sprecherin: Da sandte Elisa seinen Hausdiener zu Naaman und ließ ihm sagen: Geh hin und wasche dich siebenmal im Jordan, so wird dir dein Fleisch wieder heil und du wirst gesund werden.

Da steht nun dieser großartige Wagenkonvoi mit Gold und Silber und darin der General in all seiner Pracht und Macht. Aber Elisa lässt sich nicht einmal sehen. Das Ganze entbehrt nicht einer gewissen Komik. Nur ein namenloser Hausdiener kommt heraus. Und der gibt die Anweisung weiterzufahren und das Rezept, sieben
Mal im Jordan zu baden. Höflich ist das gerade nicht und auch nicht gastfreundlich.

Sprecherin: Da wurde Naaman zornig und zog weg und sprach: Ich meinte, es wäre nicht zu viel verlangt, dass der Prophet sollte zu mir herauskommen und hertreten und den Namen des HERRN, seines Gottes, anrufen und seine Hand hin zum Heiligtum erheben und mich so von dem Aussatz befreien.
Sind nicht die Flüsse von Damaskus, Abana und Parpar, besser als alle Wasser in Israel?! Wieso sollte ich mich nicht in ihnen waschen und dadurch rein werden können? Und er wandte sich und zog weg im Zorn.

Der große Mann, so hilfsbedürftig er ist, ist beleidigt, ja, empört. Er kam mit ganz anderen Vorstellungen: „Ich meinte…“ Ja, was meinte er? Er möchte behandelt werden und nicht selber handeln müssen. Er möchte religiös behandelt werden, ein magisches Tun erleben, das man in Damaskus nicht kennt. Naaman hatte sich absonderliche sakral-medizinische Operationen vorgestellt. Nichts davon kriegt er geboten. Sein „Ich meinte aber…“ versperrt ihm den Weg. Unsere vorgefassten Meinungen, unsere Vor-Stellungen, sind uns oft das größte Hindernis. Wir stellen sie gleichsam vor uns hin – und sie verstellen uns den Blick auf das Eigentliche. So übersehen wir das Unscheinbare, lassen es nicht an uns heran. Gott aber offenbart sich jenseits unserer Vorstellungen. Der Glaube ist der Weg, auf dem das Unscheinbare für uns zu leuchten beginnt. Auch in den Menschen, die uns nahe stehen, und in denen, die uns in ihrer Fremdheit zum Nächsten werden sollen.
So melden sich in dieser Glaubensgeschichte wieder unaufgefordert kleine Leute zu Wort.

Sprecherin: Da machten sich seine Diener an ihn heran, redeten mit ihm und sprachen: Lieber Vater, wenn dir der Prophet etwas Großes geboten hätte, hättest du es nicht getan? Wie viel mehr, wenn er zu dir sagt: Wasche dich, so wirst du rein?
Da stieg er hinab und tauchte unter im Jordan siebenmal, wie der Mann Gottes geboten hatte. Und sein Fleisch wurde wieder heil wie das Fleisch eines jungen Knaben, und er wurde gesund.

Es ist oft leichter, schwere Aufgaben zu erfüllen, die einen gewissen Heroismus erfordern, als in kleinen Dingen gehorsam sein. Naaman muss sich unter dem Gott Israels auf andere Strukturen einlassen als auf die der großen Militärpolitik. Die Menschen mit der geringsten Macht geben die wichtigsten Anstöße. Die Großen stehen mit ihrer Größe eher der Sache Gottes im Wege.
Das Wort des Mannes Gottes ist einfach, zu einfach, wie Naaman findet. Es verlangt keine heroische Selbstüberwindung. Man muss sich nur darauf einlassen: Probier’s doch einfach mal! Trau dem, was dir als Nächstliegendes gewiesen ist! Und Naaman steigt ab, steigt hinunter zum Jordan und taucht unter. Ja, Glauben hat mit dem Hinabsteigen zu tun in das unscheinbar Geringe. Auch das Leben Jesu ist ein Hinabsteigen – von seiner ärmlichen Geburt bis zum Verbrechertod am Kreuz. Und dort, in der tiefsten Tiefe menschlicher Existenz, schafft Gott neues Leben, Auferstehung und Heil. Der Gott Israels, der Vater Jesu Christi, lässt auch Naaman, den heidnischen General heil werden, wie neu geboren.

Sprecherin: Und Naaman kehrte zurück zu dem Mann Gottes mit allen seinen Leuten. Und als er hinkam, trat er vor ihn und sprach: Siehe, nun weiß ich, dass kein Gott ist in allen Landen, außer in Israel; so nimm nun eine Segensgabe von deinem Knecht.

Jetzt „meint“ Naaman nicht mehr, jetzt „weiߓ er. Diesem Gott des besiegten Israel, der die unscheinbaren Menschen zu seinen wichtigsten Boten macht, dem sind keine Grenzen gesetzt.
Und nun will er danken. Aber wie? „Eine Segensgabe“ nennt er jetzt ganz schlicht den Wagen voll Silber, Gold und Prachtgewändern. Der vorherige Halt vor Elisas Haus endete noch mit schneller, empörter Abfahrt. Jetzt aber soll die riesige Geschenkfuhre eine würdige Entsprechung sein zu dem empfangenen Segen.

Sprecherin: Elisa aber sprach: ich nehme es nicht. Und Naaman nötigte ihn, dass er es nehme; aber Elisa wollte nicht.

Was ist das denn: ein Mann Gottes, der kein Honorar nimmt, der eine große Spende ausschlägt?! Was soll Naaman denn sonst tun? Nun, statt ‚was man tut’, überlegt er, was er selbst braucht.

Sprecherin: Da sprach Naaman: Wenn du schon nichts willst, so könnte mir doch gegeben werden von dieser Erde eine Last, soviel zwei Maultiere tragen! Denn dein Knecht will nicht mehr andern Göttern opfern und Brandopfer darbringen, sondern allein deinem Gott.

Naaman hat gemerkt, dass er es hier gar nicht mit Elisa zu tun hat, sondern dass der „Mann Gottes“ ihn nur an seinen Gott verwiesen hat; und da ist nichts zu geben, sondern allenfalls mitzunehmen. Darum bittet Naaman um etwas so Konkretes wie zwei Sack israelitischer Erde. Er ist anscheinend voller Sorge, wie der Glaube draußen weiter lebendig bleiben kann. Vielleicht braucht da jeder und jede von uns zwei Sack von dem Mutterboden, auf dem lebendiger Glaube gewachsen ist – sagen wir Bibel und Gesangbuch, in denen man immer wieder lesen kann; betretbare Räume, wie diese Kirche hier; und vor allem, andere Mitchristinnen und Mitchristen, die auch zwei Sack Mutterboden des Glaubens bei sich haben.
So spricht Naaman die Bitte aus:

Sprecherin:Nur darin wolle Gott mir gnädig sein: wenn mein König in den Tempel Rimmons geht, um ihn dort anzubeten, und sich dabei auf meinen Arm stützt und auch ich dann im Tempel Rimmons niederfalle, wenn er daselbst niederfällt, so möge Gott doch mir in dieser Sache vergeben.

Naaman ist Realist. Er sieht in seiner Heimat von Berufs wegen schwere Konflikte auf sich zukommen. Sein König verehrt einen Götzen. Da fürchtet er, kein großer Bekenner zu sein. Sein Glaube wird nicht nur äußerer Stützen bedürfen. Er wird vor allem einen gnädigen Gott brauchen. Er weiß: Ungeschoren kommt keiner von uns durchs Leben. Wir werden Kompromisse schließen müssen und manche Kröte schlucken. Es wird Zeiten in einem jeden Leben geben, in denen wir schwach sind, in denen wir verraten, was uns heilig ist oder doch wenigstens hintanstellen. Da können wir uns alle nichts auf uns und unsere Glaubensstärke einbilden. Naaman ist ehrlich zu sich und macht sich nichts vor. Und er vertraut dem Gott Israels, den er als einen helfenden und vergebenden erfahren hat.

Sprecherin:Elisa sprach zu Naaman: Zieh hin in Frieden!

Dieser segnende Abschiedsgruß ist sicher nicht die große Lösung, die alles ins Reine bringt. Vielmehr befiehlt Elisa den Naaman und seinen Glauben der Führung Gottes an, in dessen Dienst zu bleiben er versprochen hatte. Der Führung des Gottes, der hinabgestiegen ist in das Geringe und der – dessen bin ich gewiss – den unscheinbaren kleinen Glauben in unserem alltäglichen Leben zum Leuchten bringt. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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