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Der Wettlauf
Eine Fackel geht von Hand zu Hand. In diesem Moment ist sie in Piacenza unterwegs, in Norditalien. Ende der Woche werden die Fackelläufer sie schon nach Österreich
getragen haben. Und in weniger als einem Monat wird mit ihr die Olympische Flamme in Turin angezündet. Sogar den Segen des Papstes hat sie bekommen: Diese Flamme möge alle an die Werte des Friedens und der Brüderlichkeit erinnern, die die Basis der Olympischen Spiele sind. Das war der Wunsch von Benedikt XVI.
Bei Großereignissen wie den olympischen Winterspielen steht der Sport im Mittelpunkt der Medien. Daneben fallen Veranstaltungen für Freizeitsportler jedoch kaum auf. Heute zum Beispiel findet in Duisburg ein Halbmarathon statt. In Pulheim wird trotz des Winters ein Marathonlauf veranstaltet.
Mein Name ist Sven Keppler, ich bin evangelischer Pfarrer in Lünen. Ich selbst bin noch nie einen Marathon gelaufen. Ein Trainingsplan verspricht mir jedoch, dass ich es innerhalb eines halben Jahres schaffen könnte. Über 42 Kilometer. Ich müsste allerdings in dieser Zeit hart trainieren und pro Woche 30 bis 80 Kilometer laufen. Außerdem Radfahren und Schwimmen für die Ausdauer und Krafttraining. Dazu kommt die Zeit fürs Entspannen: Sauna, Dampfbäder und Massagen. Gesunde Ernährung versteht sich von selbst: keine Zigaretten, am besten auch kein Alkohol. Ich könnte den Marathonlauf in einer Zeit zwischen 3 und 4 Stunden schaffen aber mein Leben müsste sich von Grund auf verändern.
Dass man Erfolge im Sport nicht umsonst bekommt, war auch Paulus klar. Er war einer der ersten christlichen Missionare. Einige Jahre nach dem Tod von Jesus Christus wanderte er durch die heutige Türkei und Griechenland. Dabei kam er auch für längere Zeit nach Korinth. Dort fanden alle zwei Jahre die Isthmischen Spiele statt: Wettkämpfe wie die Olympiaden. Im Heiligtum des Poseidon gab es Pferderennen, Wettläufe und andere sportliche Disziplinen wie Ringkampf und Diskuswerfen. Auch die besten Dichter und Sänger wurden ermittelt. Die Sieger bekamen einen Kranz aus Fichte oder aus Sellerie.
Paulus entdeckt am Sport etwas, das für das gesamte Leben gilt. In seinem ersten Brief an die Gemeinde in Korinth schreibt er:
Sprecher: Wisst ihr nicht, dass die, die in der Kampfbahn laufen, die laufen alle, aber einer empfängt den Siegespreis? Lauft so, dass ihr ihn erlangt. Jeder aber, der kämpft, enthält sich aller Dinge; jene nun, damit sie einen vergänglichen Kranz empfangen, wir aber einen unvergänglichen. Ich aber laufe nicht wie ins Ungewisse. Ich kämpfe mit der Faust, nicht wie einer, der in die Luft schlägt, sondern ich bezwinge meinen Leib und zähme ihn.
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Autor: In der Bibel ist nur selten vom Sport die Rede. Paulus kommt auf dieses Thema zu sprechen, weil er zwei Dinge daran verdeutlichen kann: Ein Sportler muss sein Ziel fest vor Augen haben, und der Weg zu diesem Ziel ist nicht gleichgültig. Ein Sportler hat ein Ziel vor Augen. Manchmal ist es furchtbar weit entfernt, wie beim Marathonlauf. Ein halbes Jahr lang trainieren. Immer wieder den eigenen Schweinehund überwinden, Tag für Tag. Und beim Beginn des Wettkampfs ist das Ziel noch 42 Kilometer entfernt. Eine Strecke, für die gute Wanderer 2 Tage unterwegs sind.
Was trägt einen Läufer durch all die Strapazen? Ich glaube, es ist vor allem die Aussicht auf das Ziel. Die Platzierung ist letztlich ziemlich egal. Was zählt, ist anzukommen. Zu wissen: Ich habe es geschafft, die Mühe hat sich gelohnt. Ich war in der Lage, etwas zu leisten, was ich vor einem halben Jahr noch nicht für möglich gehalten habe. Wie oft wollte ich aufgeben! Hätte ich auf einen der vorderen Plätze geschielt, wäre mir wahrscheinlich irgendwann der Mut vergangen. Nicht im letzten Drittel zu landen, dieser Ehrgeiz muss reichen.
Ein solches Ziel ist es, das Paulus seinen Leserinnen und Lesern ans Herz legt. Lebt nicht einfach in den Tag hinein. Verbraucht nicht planlos heute hierfür, morgen dafür eure Kraft. Sicher, die Sorgen des Alltags fordern ihre Aufmerksamkeit. Aber ich soll nicht übersehen, dass mein Leben eine Richtung hat. Ein Ziel, auf das es hinausläuft.
Dieses Ziel ist nicht der Tod auch wenn es so aussieht, als würde letztlich alles auf ihn hinauslaufen. Das Ziel des Lebens liegt noch hinter dem Tod. Bildlich gesprochen: Wir laufen nicht nur bis zur Ziellinie, sondern über sie hinaus in die Freiheit. Dort wird es ein Leben geben, das das Sterben hinter sich gelassen hat. Gott hält es für uns bereit. Das meint Paulus, wenn er sagt: Die Wettkämpfer werden einen vergänglichen Kranz empfangen, wir aber einen unvergänglichen.
Zweitens will Paulus am Sport verdeutlichen, dass der Weg zum Ziel nicht gleichgültig ist. Der Weg ist nicht schon das Ziel, aber er muss dem Ziel entsprechen. Im Sport ist das eindeutig: Es gibt einen Trainingsplan, und während des Wettkampfes herrschen klare Regeln. Für einen Boxer, der nur in die Luft schlägt, wird der Kampf schnell zu Ende sein.
Was aber könnte sozusagen ein Trainingsplan für ein christliches Leben sein? Wie sieht der ideale evangelische Lebens-Lauf aus? Von Anfang an hat es für einen solchen Lebens-Lauf einen Namen gegeben: die Nachfolge. Was damit gemeint ist, lässt sich an einer anderen Sportart verdeutlichen. Die Paralympics sind die olympischen Wettkämpfe für Sportlerinnen und Sportler mit Behinderungen. Auch dort gibt es Laufwettbewerbe. Mir hat sich ein Wettlauf blinder Frauen ins Gedächtnis geprägt. Alleine können sie den Verlauf der Rundbahn nicht erkennen. Deshalb laufen sie mit einem Führer. Eine Art Riemen verbindet jede Läuferin mit ihrem Laufpartner. Der muss ihr immer ein Stück voraus sein. Er muss genau wissen, welches Tempo er zu wählen hat, damit er mit der blinden Läuferin in Kontakt bleibt. Und die Geführte muss sich auf ihn verlassen können. Das Zusammenspiel der beiden ist ein beeindruckender Anblick.
Hätte es solche Wettbewerbe auch schon in der Antike gegeben, vielleicht hätte Paulus sie zum Bild für die christliche Nachfolge genommen. Schließlich war er bei seiner Bekehrung vor Damaskus selbst erblindet. Drei Tage konnte er nichts sehen und musste an der Hand in die Stadt geführt werden. Als er dann wieder sehen konnte, wurde ihm klar, dass er viel länger als drei Tage blind gewesen war. Im Grunde hatte er sein ganzes bisheriges Leben in Dunkelheit verbraucht: als er die christliche Gemeinde verfolgte; als er meinte, fromm zu sein und Gott dennoch nicht erkannte.
Diese Blindheit ist einem Menschen in gewisser Weise angeboren. Wie ein von Gott gewolltes Leben wirklich aussieht, kann ich nicht von mir aus erkennen. Zu viele Phantasien führen mich in die Irre. Dazu gehört auch die Vorstellung, dass sich alle abstrampeln oder gegeneinander boxen, bis zum Schluss einer übrig bleibt. Das hat wenig zu tun mit dem, was Gott mit uns vorhat.
Unmittelbar vor dem Abschnitt über den Sport schreibt Paulus, wie er sein Leben führt: Wenn er bei den Juden missioniert hat, habe er wie ein Jude gelebt. Wenn er unter Nichtjuden war, habe er sich nicht dadurch abgesondert, dass er das jüdische Gesetzes beachtete. Unter Schwachen habe er seine eigenen Schwächen gezeigt, um sie zu gewinnen. Das war sein Weg der Nachfolge Christi: Zu den Menschen gehen. Ihnen von Gottes Gnade erzählen. Nicht auf das eigene Wohl achten, sondern die Anderen im Blick haben ein aufopferungsvolles, entbehrungsreiches Leben. Einen Blindenführer hätte er sich wohl nicht genannt. Er warb dafür, sich Jesus Christus anzuvertrauen und ihm zu folgen.
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Zwei gute Gründe hatte Paulus also für seinen sportlichen Vergleich: Christen leben auf ein Ziel hin, und der Weg dorthin ist auf dieses Ziel ausgerichtet. Aber dennoch gab es in allen Lagern Widerspruch: Auf katholischer Seite, auf evangelischer, und vor allem von Jesus selbst.
Die klassische katholische Position wäre: Es ist großartig, ein Spitzenläufer für Christus zu sein. Ein Leben, ganz dem Glauben gewidmet, voller Konzentration und Askese, das verdient den höchsten Lohn. Sich aller Dinge zu enthalten, den Leib zu bezwingen, ist aber nicht jedem gegeben. Also muss unterschieden werden zwischen einer rigorosen Regel und dem, was für die Mehrzahl gilt. Die Läufer auf der Rennbahn wären also Mönche, Nonnen und Priester Spitzensportler sozusagen, Profis. Für die anderen gelten die ermäßigten Anforderungen des Breitensports.
Der reformatorische Einwand ist: Ich kann mir Gottes Gnade nicht erlaufen. Je mehr ich renne, je stärker ich mich bezwingen will, umso mehr laufe ich doch nur im Kreis. Wie die Rennbahn nach 400 Metern doch immer nur an den gleichen Punkt führt. Die Vorstellung von einem Wettlauf führt in die Irre. Der Einwand Jesu lautet: Gottes Gnade sprengt alle Vorstellungen, die wir von gerechtem Siegespreis haben. Bei Gott zählt nicht, wer am schnellsten, am meisten, am längsten gelaufen ist. Nicht einer gewinnt den ersten Preis, sondern alle, die sich auf den Weg gemacht haben, denn darauf kommt es an.
Was bleibt also von dem sportlichen Gleichnis des Paulus angesichts der Einwände aus Rom, aus Wittenberg und aus Jerusalem? Die Einwände zielen vor allem gegen das Siegenwollen. Gegen den Ehrgeiz nach der Goldmedaille. Dagegen hat Jesus gesagt: Wer unter euch der Erste sein will, der soll euer Diener sein. Das ist Nachfolge: Nicht voranstürmen und alle anderen möglichst hinter sich lassen. Sondern hinterherlaufen und darauf achten, ob jemand den Anschluss verliert. Die Fairplay-Medaille ist wertvoller als die Goldmedaille.
Der tiefsinnigste Gedanke des Paulus lässt sich erst entdecken, wenn man die Einwände aus Rom und Wittenberg ernst nimmt: Es ist ja richtig, dass Spitzensportler schneller sind als Freizeitläufer. Und dass letztlich nur einer gewinnen kann. In meinen Möglichkeiten liegt das jedenfalls nicht. Deshalb ist es wichtig, dass ein Anderer für mich läuft. Einer, der dann seinen Siegespreis mit mir teilen will. Paulus sagt, dass dieser Läufer schon vor zweitausend Jahren gelaufen ist. Es ist Jesus Christus.
Am Mikrofon verabschiedet sich Pfarrer Sven Keppler von der evangelischen Stadtkirche in Lünen.
Der Wettlauf
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