Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

Fernsehgottesdienst vom 5.03.06, 11 Uhr, Friedrich Schophaus

Es geht kein Mensch über diese Erde, den Gott nicht liebt

"Es geht kein Mensch über diese Erde, den Gott nicht liebt" hat Pastor Friedrich von Bodelschwingh einmal gesagt.

Im Geist dieses Bodelschwingh Wortes feierte die Zionsgemeinde in Bielefeld/Bethel mit behinderten und nicht behinderten Menschen einen Festgottesdienst zum 175. Geburtstag des Namensgebers Bethels. Die Predigt im Gottesdienst hielt Bethels Vorstandsvorsitzender Pastor Friederich Schophaus. Musikalisch wirkten mit die Posaunenmission Bethel, das Choralensemble und der Zionschor der Gemeinde.

 

Predigt am 5. März 2006 - 11 Uhr – Zionskirche Bethel

Prediger: Pastor Friedrich Schophaus

Lieber Bruder von Bodelschwingh – da können Sie ganz beruhigt sein!
Das Evangelium von Jesus Christus gilt wie eh und je. Die Diakonie ist wie zu Ihrer Zeit „Evangelium mit den Händen“, und der Bethel-Geist ist immer noch und überall zu spüren.

So grüße ich Sie mit dem bekannten Wunsch:
Gnade sei mit uns und Friede von Gott, unserem Vater und dem Herrn, Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,
die Diakonie braucht keine Denkmäler, und doch denken wir gern an Personen, die mit ihrem Lebenswerk die Diakonie geprägt haben. Denn Diakonie lebt von der Begegnung von Menschen.

Solch ein Mensch war Friedrich von Bodelschwingh, fromm, ideenreich, Menschen zugewandt, dynamisch, zupackend und entscheidungsfreudig. An ihn erinnern wir uns gern, denn er machte Bethel zu dem, was noch heute alle Welt mit diesem Namen verbindet:

„Zur Stadt der Barmherzigkeit“.

Unter Barmherzigkeit versteht von Bodelschwingh:
Menschen, die sich in Not befinden, mit Entschlossenheit zu helfen und nicht nur so, wie sie es wünschen, sondern so, dass es ihnen am meisten nützt. In seiner Vorstellung hatte der Christ seine Gottesliebe immer wieder zu erneuern und zu bewähren in der tätigen Nächstenliebe, um sich des von Christus ererbten Heils würdig zu erweisen.
Jesus sagt im bekannten Gleichnis vom Weltgericht: „Was ihr getan habt einem meiner geringsten Brüder bzw. Schwestern, das habt ihr mir getan.“ Und so war für von Bodelschwingh klar, dass kein Mensch ausgesondert werden oder aus dieser Barmherzigkeit herausfallen durfte. Das macht er deutlich, wenn er sagt:

„Es geht kein Mensch über diese Erde, den Gott nicht liebt.“

Das hat ihn in seiner Arbeit bestimmt, das hat ihm zu einem innigen Verhältnis zu den Kranken, den Mühseligen und Beladenen geführt. Sein Geheimnis war, dass er einfach nicht wegsehen konnte und auch nicht wegsah. Darin gleicht er dem barmherzigen Samariter, der die Not des unter die Räuber Gefallenen sah und davon angerührt wurde. Darin bestand sein außerordentliches Engagement. Sein ganzes Leben hindurch hat er sich von der Begegnung mit menschlichem Elend existentiell berühren lassen. Mit leidenden Menschen konfrontiert, musste er einfach mit äußerster Entschlossenheit, ja mit Leidenschaft handeln. Tief bewegt, bewegte er sich und andere im Sinne des Wortes, das auf seinem Grabstein steht: „Nachdem uns Barmherzigkeit widerfahren ist, werden wir nicht müde“ (2. Kor 4, 1)

Alle Menschen sind Geschöpfe Gottes, sind von ihm in ihrer Verschiedenheit geliebt. Da wird niemand abgeschrieben – „Keiner ist ohne Gaben“ hat von Bodelschwingh gesagt – da gibt es kein unwertes Leben, weil Gott alle Menschen liebt. Da ist die Würde eines jeden Menschen unantastbar, weil sie ihm von Gott gegeben ist. So stürzte er sich in seine Aufgaben, in der Fürsorge für all die, die in Not geraten waren. Er sah nur die Not, und er tat etwas, ohne zu fragen, ob das ins System passte oder ob es politisch zu vertreten war, denn für ihn war klar:

„Es geht kein Mensch über diese Erde, den Gott nicht liebt“.

Schön und gut!
Aber das muss ja auch Konsequenzen haben!
Und wie könnte das aussehen?

Soll doch jeder sehen, wie er damit zurechtkommt, weil jeder für sich selbst zu sorgen hat (Jeder ist seines Glückes Schmied). Der Ruf nach Selbstbestimmheit und Selbstsorge.
Oder: der liebe Gott wird’s schon richten. Soll ich meines Bruders oder meiner Schwester Hüter sein?
Oder: wie es von Bodelschwingh verstanden hat:
Jeder Mensch ist von Gott geliebt, darum müssen wir uns um diese „Geliebten Gottes“ (fürsorglich) kümmern.
„Lasst uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt.“
Das ist unsere Aufgabe!

Das aber kann man nicht in einer Zuschauerhaltung tun. Wir erleben es im Sport: Zuschauer (oder auch Reporter) im Stadion oder in der Sprecherkabine wissen alles besser! Sie wissen, wie die Spieler laufen müssten, wo sie stehen müssten, wann sie schießen müssten. Und in den Kommentaren, die nicht nur freundlich ausfallen, machen sie keinen Hehl daraus, dass eigentlich sie im Bilde sind. Zuschauer wissen alles besser! Aber: wenn sie dann selbst aufs Spielfeld müssten oder in die Laufbahn oder in die Loipe, dann wären sie die Gemaßregelten, oft die Beschimpften.  Denn: wer sich einsetzt, setzt sich aus. Wer sich einsetzt, setzt sich der Kritik aus, dem Hohn, der Besserwisserei.  Das erfahren wir oft auch in Kirche und Diakonie!

Unser Ausgangspunkt ist der Glaube an Gott, der alle Menschen liebt und an Jesus Christus, der den Menschen begegnet ist.  Ist dieser Gott ein Zuschauergott, der alles von außen beobachtet und alles besser weiß?
Oder ein Gott, der mitten im Geschehen ist, der die Kritik abbekommt, ausgeschimpft wird von denen, die alles besser wissen? Die Antwort ist klar:

Gott ist nicht auf der Zuschauertribüne geblieben, er hat sich aufs Spielfeld begeben, hat sich eingesetzt und zugleich ausgesetzt.  Er hat sich an die Seite der Leidenden, der Armen und Ausgegrenzten gestellt, so wie es in der chassidischen Weisheit zu lesen ist: „Wenn du einen Menschen aus Schlamm und Kot heben willst, wähne nicht, du könntest oben stehen bleiben und dich damit begnügen, ihm eine helfende Hand hinabzureichen. Ganz musst du hinab in Schlamm und Kot hinein. Da fasse ihn dann mit starken Händen und hole ihn und dich ans Licht.“

Gott hat sich so konkret eingesetzt in diesem Jesus von Nazareth, dass man diesem nach dem Leben trachtete und ihn schließlich tötete. Das hing damit zusammen, dass sein Einsatz den herrschenden Mustern nicht entsprach, dass er nicht nur dafür sorgte, dass jeder das Seine bekam, sondern dass er den Menschen mit Barmherzigkeit und Liebe begegnete – und die liegen bekannterweise oft quer zu den Gesetzen der Ökonomie und den Regelungen des Marktes und Wettbewerbs und erscheinen deswegen ungerecht. Das war der Ansporn für die Tätigkeit Friedrich von Bodelschwinghs: „Wenn Gott uns Menschen liebt, dann sollen auch wir einander lieben.“

Liebe Gemeinde,
wir brauchen keine Denkmäler, und so sind auch die Pläne, von Bodelschwingh ein Denkmal in Bethel zu setzen, nicht umgesetzt worden. Die v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel sind bleibendes Zeugnis seines Lebenswerkes.
Wir brauchen keine Denkmäler, aber wir brauchen auch heute Menschen, die neben den Geliebten Gottes stehen: 
die mit ihnen gehen, wenn sie zu stolpern drohen,
die ihnen helfen, wenn sie allein nicht zurechtkommen,
die ihnen assistieren, wenn sie Unterstützung brauchen,
die sie anwaltschaftlich vertreten, wenn sie kein Gehör finden.

Wir haben es in unserer Vision „Gemeinschaft verwirklichen“ genannt. Und damit verstehen wir Bethel weiterhin als Idee von der Integration von sozial benachteiligten Menschen und von Menschen mit Behinderungen und Erkrankungen an verschiedenen Orten in der Gesellschaft, und wir verstehen Bethel weiterhin als Modell von Ortschaften, in denen wir exemplarisch das Zusammenleben unterschiedlicher Menschen gestalten.

Jemand hat einmal gesagt: „In einer großen Liebe behütet einer die Einsamkeit und Not des anderen.“

Ich will es so formulieren: In einer großen Liebe sorgt einer für den anderen. In einer großen Liebe sorgen wir dafür, dass alle Menschen Teilhabe am Leben haben, damit sie spüren: Du bist nicht allein, du bist geliebt, denn:

„Es geht kein Mensch über diese Erde, den Gott nicht liebt.“

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen.

 


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