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Lehrstunden
Man sagt uns Deutschen ja nach, wir seien Spendenweltmeister. Jährlich geben wir Millionen von Euro, damit irgendwo in der Welt Not gelindert werden kann. In letzter Zeit
habe ich den Eindruck, dass es dauernd neue Organisationen gibt, die mich zum Spenden auffordern, meistens mit dem Bild eines Prominenten im Briefkopf und im Text die gutformulierte Aufforderung, unbedingt dieses Projekt zu unterstützen.
Fünf Einrichtungen erhalten regelmäßig Geld von mir. Ich dachte, das sei genug gespendet und warf alle anderen Auforderungsbriefe zum Altpapier.
Letztes Jahr Anfang Dezember allerdings bekam ich dafür einen gewaltigen Rüffel, so jedenfalls habe ich es verstanden. Ich war mit diesem und jenem beschäftigt, dachte über Geschenke und Auftritte nach und die Bestellung der Weihnachtsgans. Währenddessen stand ich vor dem Geldautomaten, schob meine Karte hinein und gab die Geheimzahl ein. Den Hinweis, die Zahlen mit der Hand abzudecken, las ich, aber vor wem hätte ich etwas verstecken sollen, wo doch weit und breit niemand hinter oder neben mir stand. Auszahlung und den Betrag hatte ich bestätigt, und als meine Scheckkarte heraussprang steckte ich sie ordentlich zurück in mein Portemonnaie.
Als ich dieses jedoch an der Kasse beim Supermarkt wieder öffnete, fehlte nicht nur das neue Geld darin, sondern auch im Kopf die Erinnerung daran, jene bestellten Scheine am Automat überhaupt in die Hand und mitgenommen zu haben. Ich rannte die Strasse zurück zum Bankomat, der weiter seine Dienste anbot, noch immer oder schon wieder außer mir keiner in Sichtweite, aber auch kein Geld mehr im Schlitz.
Es wird wieder eingezogen worden sein, tröstete ich mich und wenn nicht, dann hat es jemand mitgenommen, um es am nächsten Tag an den Schalter zu bringen. Bitte, lieber Gott, lass es so sein. Merkwürdigerweise spürte ich keine Ruhe, wie sonst, wenn ich Gott um Beistand bitte. Diesmal bot er mir keine Hilfe an, schenkte mir keine Gedankenblitze, gab mir nicht mal die sonstige Gelassenheit. Ich wusste gleich, das Geld ist futsch. Und so war es auch. Die Scheine würden gar nicht mehr eingezogen, erfuhr ich tags drauf am Bankschalter, und abgegeben wurde das Geld auch nicht.
Mit dem vergessenen Betrag hätte ich einige Organisationen zusätzlich unterstützen können. Hatte Gott vielleicht mein Geld auf diese Weise weitergeleitet, vielleicht an jemanden, dessen Lage aussichtslos schien, einer, der morgens um Hilfe gebetet hatte, und der diese heraus steckenden Scheine als Gebetserhörung empfand? Ja, das will ich glauben, und das vergessene Geld nicht als Verlust empfinden sondern als die Spende, die ich eigentlich einsparen wollte.
Lehrstunden
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