Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

16.01.06, 5.56 Uhr, Eva Zoske-Dernóczi

Ablenker und Überwacher

Was tun Sie, wenn plötzlich und unerwartet eine große Aufgabe auf Sie zukommt? Eine Aufgabe, die nicht alltäglich ist. Die auf Sie bedrohlich wirkt, Sie ängstigt?

Was machen Sie da? Sind Sie eher ein „Ablenker“?  Gehen Sie dem Problem aus dem Weg? Tun Sie so, als sei alles in Ordnung? Tief innen drin sitzt dann natürlich trotzdem die Angst und kommt immer wieder hoch. Früher oder später müssten sie sich doch mit ihr auseinandersetzen.

Vielleicht gehören Sie aber auch wie ich zu den „Überwachern“. Ich würde mir gleich drei Bücher zum Problem kaufen, um genaustens informiert zu sein. Binnen kürzester Zeit würde ich zur Expertin meines Problems werden. Allerdings, im tiefsten Innern würde auch bei mir die Angst lauern und hätte mich fest im Griff. Sie würde mir den Schlaf rauben, trotz der vermeintlichen Kontrolle, die ich durch all meine Informationsansammlungen zu haben glaube.

Angst bestimmt unser tägliches Leben und dabei ist es egal, ob es eine reale oder nur eingebildete Angst ist. Besser wäre es sicher, meine Angst nicht als Bedrohung sondern als Herausforderung anzusehen. Aber wie mache ich das?
Ein Psychologinnenteam verglich Bewältigungsstile der Angst an 120 Studenten. Alle Studenten wurden stark geängstigt. Dann wurde eine erste Gruppe aufgefordert, sich so wie ein klassischer „Ablenker“ zu verhalten. Sie sollten sich mit dem Lesen von Texten ablenken. Eine zweite Gruppe wurde zum Grübeln veranlasst und übernahm damit den Bewältigungsstil der „Überwacher“. Aber: es gab noch eine dritte Gruppe.

Diese sollte sich weder ablenken noch grübeln, sondern aktiv etwas tun. In dieser Studie war es das Erlernen von neuen Tanzschritten. Ob „Ablenker“ oder „Überwacher“: beide Bewältigungsstile verleiten zu Passivität. Der eine lenkt sich ab und will nicht hinschauen, der andere schaut zwar dem Problem ins Gesicht, starrt aber förmlich hin wie vom Blitz getroffen und kann an nichts anderes mehr denken. Daher verwundert das Ergebnis der Studie nicht: nur die dritte Gruppe hatte ihre Ängstlichkeit am besten überwunden.

Und so hat sich bestätigt, dass die Menschen, die es schaffen, Bedrohungen aktiv entgegenzutreten und sie als Herausforderungen des Lebens anzusehen, am Besten mit ihrer Angst umgehen können. Das klingt alles sehr einleuchtend. Aber wie kann ich es schaffen, auch zu dieser dritten Gruppe dazu zu gehören?

Das Erlernen von Tanzschritten ist sicher nicht die Patentlösung gegen alle berechtigten und unberechtigten Ängste. Der Propheten Sacharja sagt einmal: „Fürchtet Euch nicht und stärket Eure Hände“. Diese Formulierung: „stärket Eure Hände“, geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Sie ist für mich eine Antwort. Ich soll meine Hände stärken. Im Hebräischen meint die Hand die ganze Person. „Mich“. Ich soll „mich“ stärken. Mit allem was mir gut tut. Statt wegschauen oder Schicksalsergeben hinstarren soll ich lieber entschlossen sein.

Entschlossen, mein Leben „in die Hand“ zu nehmen. Mein Leben. Sacharja erinnert mich daran, dass ich vielleicht mehr Bewältigungskraft in mir habe, als ich denke. Und meine „Hände stärken“ kann dann auch noch ein anderer. Gott, dem ich meine Hände entgegenstrecken kann, um Kraft zu tanken, wenn meine dann doch nicht ganz reichen sollte.

Audiobeitrag Ablenker und Überwacher


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