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Sei gesegnet jedenTag
Sei gesegnet jeden Tag die alte Dame, die ich im Altenheim besuche liest den Spruch vor, leise, aber gut verständlich. Der Spruch steht auf der Titelseite eines kleinen
Heftchens. Ich hatte es der Dame mitgebracht als kleinen Gruß von ihrer Kirchengemeinde. Sie streicht mit ihrem Finger über die rote Rose, die dort abgebildet ist. Ich lächle, denke, dass das Heft ihr gefällt und sie sich vielleicht freut, von mir besucht zu werden. Sie liest den Titel noch mal vor: Sei gesegnet jeden Tag
Und dann weint sie.
Offensichtlich hat sie ihr Leben nicht als gesegnet empfunden, denke ich. Und während ich noch überlege, was ich jetzt sagen könnte, fängt sie sich wieder und erzählt mir aus ihrem Leben. Ihrem Leben, das nicht immer leicht war. Ihr Mann verstarb früh, sie musste die drei Kinder alleine groß ziehen, hat aber stets in ihrem eigenen kleinen Haus gelebt, in Schwaben, wo sie so sehr den Garten und die Gartenarbeit genoss. Jetzt ist sie hier, in einem Altenheim. Völlig entwurzelt, weit weg von ihrem geliebten Haus. Aber was soll man machen?
Ihre Kinder wohnen in Düsseldorf. So ist das eben. Aber, so betont sie, sie besuchen mich, so oft es geht. Auch die Enkel, zu denen sie ein gutes Verhältnis hat. Nur ihren Garten, den vermisse sie. Ihren Garten, ihr eigenes kleines Reich. Sie kommt ins Schwärmen. Was sie alles in ihrem Garten angebaut habe und wie schön es gewesen sei, daraus etwas Leckeres zu kochen. Und all die Blumen, die sie gehegt und gepflegt habe. Vor allem ihre Rosen, auf die war sie immer besonders stolz. Die haben auch ihre Nachbarn immer bewundert.
Aber jetzt könne sie nicht mehr in ihrem kleinen Haus leben. Sie sei in letzter Zeit immer öfter gestürzt, einfach so. Sie verstehe es selbst nicht. Plötzlich hätten die Beine versagt. Sie sei sogar zweimal von der Treppe gestürzt, jedes Mal musste sie ins Krankenhaus und für ihre Kinder war es immer mit viel Anstrengung verbunden, sie dort zu besuchen. Der Weg sei einfach zu weit gewesen. Jetzt lebe sie also hier in einem Altenheim. Sie sieht ein bisschen traurig aus, als sie wieder auf das Heft schaut. Sie streicht mit ihrem Finger wieder über die Rose, sagt nichts mehr.
Ich denke, dass sie unglücklich ist, jetzt im Altenheim leben zu müssen. So weit weg von allem, was mal Heimat war und gut tat.
Aber sie verneint. Natürlich sei es manchmal schade so weit weg zu sein und das Haus und den Garten nicht mehr sehen zu können. Aber die Pflegerinnen der Station seien sehr nett und eine würde ihr sogar manchmal Blumen ins Zimmer stellen. Mit ihrem Gehwagen ginge sie auch öfter in den Garten des Altenheimes. Nein, unglücklich sei sie nicht. Sie hält das Heft immer noch fest in den Händen und liest den Titel noch mal laut vor: Sei gesegnet jeden Tag!
Sie wirkt nicht mehr traurig. Irgendetwas hat der Spruch in ihr bewirkt. So, als ob er sie auf eine inneren Reise mitgenommen hätte. An die Orte, wo sie Segen in ihrem Leben erfahren hat und wo sie heute auch noch Segen erlebt. Auf dem Nachhauseweg nehme ich mir vor, mich öfter als bisher an die Tage und Zeiten zu erinnern, an denen ich und mein Leben gesegnet war.
Sei gesegnet jedenTag
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