Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

19.01.06, 5.56 Uhr, Eva Zoske-Dernóczi

In den Tiefen des Meeres

Kürzlich ist es mir mal wieder passiert. Gottlob kommt es nicht so oft vor. Also: Ich habe einen Termin übersehen und somit eine wichtige Verabredung nicht eingehalten.

Die Person, die sich auf mich verlassen hatte, war dann zu Recht gekränkt.  Ich hab einen Fehler gemacht - so etwas brennt sich ins Gedächtnis ein. In meins und in das des Betroffenen. Wie gehen Sie mit Fehlern um? Kehren Sie den begangenen Fehler unter den Teppich? Schieben Sie es auf andere oder die widrigen Umstände? Ich kenne alle diese Varianten, weil ich sie alle schon durchhab’. Weil es so wahnsinnig unangenehm ist einen Fehler begangen zu haben. Da will ich doch nicht noch im „vollen“ Umfang schuldig sein.

Da rutscht es mir wie selbstverständlich bei der Entschuldigung auch heraus, wie widrig die Umstände waren, wie viel Stress ich hatte usw.

Ich möchte gar nicht wissen, wie schwer es wäre, mal einen richtig großen Fehler zu begehen. Wenn z.B. durch einen Fehler das Leben von Menschen gefährdet wäre. Wenn ich z.B. durch eine Unachtsamkeit beim Autofahren schuldig geworden wäre am Leben anderer. Nicht auszudenken, was da für eine Lawine an Gefühlen  - wahrscheinlich sogar über Jahre hinweg - über mich hinweg rollte.

Aber wie wir es auch drehen und wenden. Fehlerlos werden wir nicht durch unser Leben kommen. Unvermeidlich werden wir an uns und anderen Menschen schuldig werden.  Mit der Schuld einigermaßen weiterleben zu können, wird dann zu einer wichtigen Aufgabe werden. Diese Aufgabe heißt: die Schuld nicht verschleiern, sondern sich ihr stellen, sie irgendwann akzeptieren, nicht mehr vor ihr davon laufen. 

Und mit „nicht mehr davon laufen“ meine ich nicht in erster Linie das Schuldeingeständnis und die Entschuldigung beim anderen. Das ist natürlich wichtig und notwendig. Aber auch etwas anderes ist ebenso wichtig: dann auch sich selbst verzeihen. Nicht wieder und wieder über alles grübeln. „Hätte ich doch bloß aufgepasst!“ - „Warum war ich so unachtsam?!“ Die innere Stimme, die mich immer wieder anklagt, die muss ich zum Schweigen bringen. Nach dem Motto: „Fehler passieren, ich werde zu ihnen stehen, aber sie werden nicht mein Leben bestimmen!“

Vielleicht versuchen wir deshalb auch unsere Fehler zu vertuschen, zu verkleinern oder uns selbst zu rechtfertigen weil wir von Kindes Beinen an darauf getrimmt sind, keine Fehler machen zu dürfen. Weil wir bestraft wurden oder Liebesentzug hinnehmen mussten. Und wenn wir Pech hatten, dann wurden uns unsere Fehler ja auch wirklich noch Jahrelang nachgetragen und immer und immer wieder unter die Nase gerieben. Das ist ja sogar verständlich, weil Verletzungen eben nicht so schnell heilen.

Aber das Schlimmste ist das eigene schlechte Gewissen, das Nagen der Schuld, das Grübeln. Es gibt ein Prophetenwort, das uns Mut machen will,  Fehler einzugestehen und das Grübeln „abzugeben“, an einen, der die Last der Schuld besser aushalten kann als wir. Einen, der weiß, wohin man die Schuld werfen kann. Das Prophetenwort lautet: „Gott wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld wieder unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen“.

Dieses Bild tut so gut. Gott wirft meine Schuld in die Tiefen des Meeres. Dorthin, wo sie keiner mehr finden kann. Wenn Gott vergibt, dann ist es wirklich vergeben. Er listet sie wirklich nicht noch Jahre später wieder auf. Das ist befreiend und tut gut. 

Audiobeitrag In den Tiefen des Meeres


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