Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

20.01.06, 5.56 Uhr, Eva Zoske-Dernóczi

Eine Klage vor Gott

Sie war hübsch und sie lachte immer so laut und mitreißend. Niemand konnte diesem ansteckenden Lachen widerstehen. Ihre Augen leuchteten, wenn sie einen verschmitzt

ansah. Und jetzt? Jetzt ist sie tot.

Meine Freundin ist tot und ich kann sie nicht mehr fragen, ob ich ihr hätte helfen können. Wochenlang hat sie nicht nur ihr Verlobter gesucht. Freunde, Bekannte, Verwandte, alle halfen bei der Suche mit, so gut sie konnten.
 
Flugblätter wurden gedruckt, Taxifahrer angesprochen, Wege abgeklappert. Alles vergebens. Auch die Polizei tappte im Dunkeln. Wir alle tappten im Dunkeln. War sie Opfer eines Gewaltverbrechens? War sie Hals über Kopf irgendwo hingereist? Die Antwort brach dann über uns hinein, als endlich ihre Leiche gefunden wurde: sie hat sich umgebracht. Kein Abschiedsbrief, kein Wort zu niemandem. Es war ihr wohl sehr ernst gewesen.

Ich saß da und wusste nicht, ob und was ich hätte tun sollen, um das zu verhindern. Ich suchte nach Anhaltspunkten in der Vergangenheit und Gegenwart, nach Gründen, um zu begreifen, was passiert ist. Vielleicht hing es mit ihrer Krankheit zusammen, mit der sie nicht leben konnte und wollte.

Das Schlimme an solchen Situationen ist, dass man keine adäquate Antwort hat. Auch als Christin nicht. Gerne hätte ich eine Antwort von Gott: „Gott, warum musste das geschehen? Gab es wirklich keinen anderen Ausweg?“ Wird er mir antworten und was? Schnell gibt es da Menschen, die mir sagen: „Irgendwann wirst Du die Antwort erkennen“. Möglich, aber in solchen Augenblicken hilft es mir gar nicht.

Sicher -  ich glaube schon, dass Gott mit meinem persönlichen Leben etwas zu tun hat, dass er nicht fern von uns irgendwo sitzt und die Welt nur beobachtet. Aber ist es so, dass er wirklich Menschen oder Dinge in Bewegung bringt, um mich in meiner Entscheidungsfreiheit zu beeinflussen? Ist das so? Wie leicht sage ich, dass Gott es ist, der mir meine große Liebe geschickt hat. „Dich hat der Himmel geschickt!“ Aber was, wenn sie tot ist, die große Liebe? Ist es dann der Himmel, der sie mir wieder genommen hat? Beeinflusst Gott so stark mein Leben? „Gott, greifst Du ein in die Dinge, die mich umgeben?“

Es gibt Tage, da will ich es so sehr glauben. Da passt alles zusammen. Alles greift ineinander. Da treffe ich einen Menschen zur rechten Zeit, ein Projekt ist geglückt, eine Krankheit wird abgewendet. Wie kleine Puzzel-Teilchen fügt sich plötzlich alles klar und deutlich vor meinem inneren Auge zu einem großen, sinnvollen  Ganzen zusammen. Aber dann gibt es Tage, da verschwimmt alles. Da kann ich mir nicht vorstellen, warum Gott in das Leben von uns Menschen eingreifen sollte. Warum hat er es nicht bei meiner Freundin getan? Hat ihr Tröstliches widerfahren lassen, damit sie Hoffnung und Perspektiven zum Leben erhält, statt nur den Weg zu sehen, sterben zu wollen. Ich verstehe es nicht.

An Tagen wie diesen schlage ich die Bibel auf. Und bete einen Psalm: „Aus der Tiefe meiner Not schreie ich zu dir. Herr, höre mich doch! Sei nicht taub für meinen Hilferuf! Wenn du Vergehen anrechnen wolltest, Herr, wer könnte vor dir bestehen? Ich setze meine ganze Hoffnung auf den Herrn, ich warte auf sein helfendes Wort.

Audiobeitrag Eine Klage vor Gott


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