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Vom aufreißenden Himmel
Das war die Nachtigall und nicht die Lerche. Ihr Gesang begrüßt das neue Jahr, das noch völlig unbeschrieben vor uns liegt. Welche Melodien, welche Sätze, welche
Gefühle wird es für uns bereithalten? Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer. Ich wünsche Ihnen ein Jahr voller Segen. Mein Name ist Kerstin Hanke. Ich bin evangelische Rundfunkbeauftragte.
Diese Nahtstelle zwischen den Jahren birgt viel Besonderes. Einerseits ist das alte noch da mit all seinen Gewohnheiten. Anderseits ist da auch die Chance alles zu verändern. Wo ich meine alten Lebensthemen neu singen kann. Gute Vorsätze helfen da. Und die Lust auch einmal zu improvisieren. Auszubrechen aus dem Gewohnten. Neues zu versuchen. Zu merken, dass sich der Himmel öffnet.
Silvester und Neujahr. Das ist für mich ein Moment zwischen Tradition und Improvisation. Das Alte mit dem Neuen versprechen. Genau das ist im Leben Erhard Ufermanns an der Tagesordnung. Seine Musik ist der Jazz und das bedeutet für ihn:
Oton Erhard Ufermann Dass man möglichst perfekt versucht, mit einer eigenen Interpretation zugegebenermaßen versucht, altes wieder neu zu spielen. Das ist so das normale, was man in der klassischen Musik versucht. Und mit der Improvisation ist etwas anderes. Vielleicht dass man ein Thema hat und versucht dieses Thema dann ganz neu zu gestalten.
Autorin: Erhard Ufermann ist Theologe und Musiker. Lange Zeit war er Gefängnisseelsorger. Seit einigen Jahren lebt er nun von der freien Musik und diversen künstlerischen Projekten. Sein Instrument ist das Klavier und die eigene Stimme. Damit improvisiert er, geht neue musikalische Wege. Das führt ihn zu anderen Einsichten, das bedeutet auch Gefahren, Umwege in Kauf zu nehmen und zum Eigentlichen des Lebens zurückzufinden. Ufermann formuliert das so: Fly away to your roots
Flieg davon zu deinen Wurzeln und begegne dir neu am Ende der Welt.
Musikeinspielung: CD ufermann Memoria al futuro. Track 1 Fly away
Autorin: Die Band ufermann gibt es seit 1989. Musikalisch ist sie auf vielen Feldern heimisch. Behutsam schälen die Musiker aber auch christliche Choräle aus ihren bekannten Melodien. Jedes Stück wird zunächst auf die Harmonietechnik reduziert. Dann wird es neu angereichert. Und da ist es ganz gut, dass die Musiker unbefangen an die alten Melodien herangehen. Klänge wachsen hinzu. Und so wird Altvertrautes zu einem neuen Hörerlebnis.
Autorin: Wie zum Beispiel der Choral O Heiland reiß die Himmel auf. Da atmet es, stöhnt, wispert, klopft und vibriert es am Anfang, dass der Zuhörende gar nicht weiß, was ihn erwarten mag.
Musikunterlegung: CD ecce vita, Track 1 O Heiland reiss die Himmel auf.
Oton Erhard Ufermann
O Heiland reiß die Himmel auf. Das hat auch mit meinen früheren Beruf zu tun Reiß ab, wo Schloss und Riegel für sind. Es gibt nicht so finde ich persönlich so furchtbar viele Choräle, die man heutzutage noch textlich ruhigen Gewissens singen kann. Bei diesem Lied geht das noch. Das andere Kriterium ist, dass es auch eine sehr klare Melodieführung hat und dass es uns gelungen ist mit einer völlig verrückten Instrumentierung zu arrangieren mit einem Daxophon. Das ist ein Instrument, dass nur wenige Leute in der ganzen Welt spielen können. Das ist quasi so ein Intro, was klingt wie Digeridoo oder was wie stöhnende Menschenstimmen klingen kann.
Musikeinspielung frei: CD ecce vita, Track 1 O Heiland reiss die Himmel auf
Autorin: In diese unbestimmten Töne schiebt sich allmählich und unmerklich die Melodie. Und im Kopf formen sich langsam die Worte: O Heiland, reiß die Himmel auf, herab, herab, vom Himmel lauf! Reiß ab vom Himmel Tor und Tür. Reiß ab, wo Schloss und Riegel für!
Musikeinspielung frei: CD ecce vita, Track 1 O Heiland reiss die Himmel auf.
Oton Erhard Ufermann Also, wenn ich mir wünsche, dass Gott die Himmel aufreißt, damit ein neues zwischen uns und für uns erkennbar entsteht, vielleicht auch etwas neues mit mir passiert oder für mein Leben austrägt. Dann passiert manchmal mit Dingen, so ist das meine Lebens- und Glaubenserfahrung, dann passiert das über Dinge, die ich überhaupt nicht voraus berechne. Also, es passiert. Es fällt in mein Leben hinein, und durch Begegnungen, die ich nicht erwartet habe. So wie ich Gott vielleicht häufig auf der Zelle getroffen habe und nicht in der Kirche.
Musikeinspielung frei: CD ecce vita, Track 1 O Heiland reiss die Himmel auf.
Oton Erhard Ufermann Man trifft im Gefängnis ganz spannende Menschen. Die Menschen, die durch alle Netze unsere Gesellschaft hindurchgerauscht sind und auf dem Betonboden des Gefängnisse aufgeschlagen sind. Und das sind oft Menschen, die oft sehr interessant sind. Oft interessante Biografien haben. Natürlich ist das eine verzweifelte Situation, in der man sie antrifft. Aber eben auch eine Situation in der Menschen aufgrund der katastrophalen Rahmenbedingungen auch noch mal ganz neu offen sind für eine sinnvolle menschliche Begegnung.
Musikeinspielung frei: CD ecce vita, Track 1 O Heiland reiss die Himmel auf.
Oton Erhard Ufermann Ich habe wesentlich im Untersuchungshaft gearbeitet die vielen Jahren. Es ist egal, ob man als Eierdieb reinkommt, als Schwarzfahrer oder als kranker Mensch, bei Suchtkranken oder ob man mit einem Kapitaldelikt reinkommt, es ist jedes Mal eine katastrophale Situation, wo man aus seinen alten Bezügen rausgerissen ist und wo man ganz neue Fragen stellt. Also, die Frage: Macht es nicht mehr Sinn, sich diese Nacht einen Strick zu nehmen. Die kriegt man fast täglich gestellt. So oder anders formuliert.
Musikeinspielung frei: CD ecce vita, Track 1 O Heiland reiss die Himmel auf.
Oton Erhard Ufermann Ich weiß zuviel über meine eigene dunklen Seiten als das ich erst mal danach frage, was der andere gemacht.
Musikeinspielung frei: CD ecce vita, Track 1 O Heiland reiss die Himmel auf.
Oton Erhard Ufermann Das ist der große Freiraum, den wir in der Seelsorge haben. Genau das. Also, der Psychologe geht zu den Inhaftieren mit einem bestimmten Auftrag, nicht nur mit einer bestimmten inneren Haltung, sondern mit einem bestimmten Auftrag. Und die Zwecklosigkeit des seelsorgerlichen Auftrages, einfach die menschliche Nähe, anderen das Gefühl zu geben, dass er noch Mensch ist, dass ist außerordentlich wichtig.
Autorin: Für manche öffnen sich Schloss und Riegel, wenn sie im Gefängnis auf Menschen treffen, die ihnen zuhören. Ohne Urteile. Ohne vorgefertigte Schuldzuweisungen.
Oton Erhard Ufermann Zum Beispiel: Gefängnisse sind Räume, die eine Begegnung erst einmal überhaupt nicht fördern. Und es ist dann für viele Kolleginnen und Kollegen eine Kunst, Räume zu öffnen, sei es das kleine acht qm2 Büro, oder sei es der Kirchraum, oder sei es ein furchtbar hässlicher Gruppenraum, wo es einem gelingen muss, eine Atmosphäre zu schaffen, einen Raum zu schaffen, wo man sich als Mensch noch begegnen kann.
Autorin: Es kann gelingen. Gott in der Zelle zu begegnen. Das hat Erhard Ufermann mehr als einmal in seinem Alltag als Gefängnisseelsorger erlebt. Und.. er hat auch die Zweifel der Welt daran erlebt.
Oton Erhard Ufermann Da wurde ich angesprochen von Vollzugsbeamten am nächsten Tag und die haben dann zynisch gesagt: Den habe ich hier noch nicht gesehen! Das tat mir dann leid. Aber ich habe Geschichten erlebt, wo ich wirklich dachte, das lässt sich nur so erklären, dass sich Gott zwischen uns ereignet hat. Das sind oft keine ganz großen Dinge. Aber sind schon manchmal große Dinge dabei gewesen. Dass jemand sprachfähig, der bis dahin vielleicht überhaupt nicht reden konnte. Über sich, und über das was, was er getan hatte. Oder dass sich nach der Entlassung trotz der langen Zeit der Inhaftierung plötzlich Menschen sich so entwickelten, das sie draußen einigermaßen klar kamen. Und das kann man erst man eigentlich nicht erwarten. Wenn man jahrelang den deutschen Strafvollzug durchlaufen hat, kann man nicht automatisch erwarten, dass die Menschen draußen klarkommen. Im Gegenteil. Wenn Leute dann draußen klarkommen in unserer Gesellschaft, muss man schon sagen, sie kommen trotzdem klar. Trotz der Inhaftierung. Da ereignen sich schon kleine Wunder.
Autorin: Doch der Raum für die kleinen Wunder wurde knapper. Es waren die großen Änderungen, die Erhard Ufermann bewegten, die Gefängnisseelsorge an den Nagel zu hängen. Als mehr und mehr von den Politikern Geld in weitere Gitter und Sicherheitssysteme investiert wurde. Das Geld für das beratende und helfende Gespräch gleichzeitig aber immer knapper wurde. Und seine Proteste nichts nutzten. Erhard Ufermann zog die Konsequenzen. Er brach mit den Sicherheiten seines Berufes und wählte die Unsicherheit einer freien Musikerexistenz. D.h. das alte Leben neu improvisieren, darauf zu vertrauen, dass es gelingt.
Oton Erhard Ufermann Die Formulierung auf den aufreißenden Himmel warten, gefällt mir sehr gut. Dass ist ja nicht so, dass ich mich hinsetze und warte, dass jetzt mir etwas in den Schoß fällt. Sondern dass sind ja bereits Dinge, die zwischenmenschlich passieren. In der Begegnung mit anderen Menschen passieren. Und dazu gehört dann, sich darauf verlassen können, vertrauen können, dass etwas passiert. Dass lässt einem manchmal auf die Stuhlkante rücken, als dass etwas in den Schoß fällt und man sich zurücklehnt.
Autorin: Aufbrechen, unterwegs sein. Das macht für Ehrhard Ufermann bis heute seinen Glauben aus. Oton Erhard Ufermann Ich glaube auch, dass der Mittelpunkt christlichen Glauben am Rand liegt. Ich habe nicht so ein zentralisiertes Verständnis, dass um Jesus scharen. Wenn Jesus, der Nazarener unterwegs ist, ein Wanderprediger ist. Dann können wir uns nicht zentralisieren und um den Mittelpunkt scharen. Sondern dann ist der Mittelpunkt am Rand. Dann öffnet sich das ganze Bild schon. Und in dem unterwegs sein und gleichzeitig unterwegs sein und gleichzeitig offen sein dafür, wo der Himmel aufreißt und die Wolke vielleicht den Weg zeigt, oder das Licht den Weg zeigt, da finde ich so was man Glauben nennt.
Autorin: Wie drückt sich das aus? Jeder hat doch sein eigenes Tempo, seine eigene Lebensmelodie. Wie es gelingt? Ein Beispiel dafür mag das Lied Maria durch ein Dornwald ging sein. Das barocke Weihnachtslied wird in der letzten Strophe durch einen kanonartigen Gesang verändert. Und das Besondere daran ist: Während der erste Sänger die Strophe singt, singt der zweite sie in doppelter Geschwindigkeit. Nur ein Ton weicht ab. Und dennoch kommen beide zu einem gemeinsamen Ende.
Musik frei: CD ufermann Memoria al futuro. Track 3, Maria durch ein Dornwald
Oton Erhard Ufermann Vielleicht ist die Zusammenfassung am Ende der letzten Strophe: Da haben die Dornen Rosen getragen. Also, das was einem im Leben vielleicht schwer wird so drückt dieses Lied aus - kann vielleicht noch dazu wachsen. dass äh Rosen aufblühen. Also, dass etwas ganz neues im Leben entsteht, was man vielleicht erst mal auf einem dornenreichen Weg gar nicht erwartet.
Autorin: Dornenreiche Wege, die mag auch das neue Jahr für uns bereithalten. Was wünscht sich Erhard Ufermann an Anfang des neuen Jahres?
Oton Erhard Ufermann Frieden.. natürlich. Für die Welt genauso für die einzelnen kleinen Systeme, die Familien, die Gesellschaften, für das individuelle Leben. Aber Frieden im Sinne von Langeweile, sondern von Verständnis, von Spannung, von Traurigkeit von Sinnlichkeit, von Lust, von umfassenden Leben.
Autorin: Von daher wundert es vielleicht nicht, dass Erhard Ufermann als Schlusslied seiner neuen Cd eine Variante des alten Lutherliedes gestellt hat. Verleih´ uns Frieden gnädiglich, Herr Gott, zu unser´n Zeiten. Es ist ja doch kein Andrer´ nicht, der für uns könnte streiten. Muss für Frieden immer gestritten werden?
Oton Erhard Ufermann Natürlich muss man für den Frieden streiten. Das ist ja kein Wattebauschfrieden. Dass ist etwas, was in harter Auseinandersetzung erst erreicht werden. Dass kennt man aus jedem Beziehungsleben und in der Politik funktioniert das genauso. Dass Frieden nur erstritten werden kann. Auch dass was man im christlichen Sinne unter Friede versteht, ist oft völlig mutiert zu einer Wattebauschtheologie. Sondern wir müssen ganz anders auch unsere Aggressionen mit einbringen und Aggressionen heißt ja Lust leben und darauf zu bestehen: Dass ich doch recht habe! Und dass ich versuche auch meine Meinung durchzubringen. Und dass man nachher auch einen erstrittenen Kompromiss leben kann.
Autorin: Dann reißt der Himmel auf. In diesem Sinne wünsche ich ihnen ein Jahr voller Lust zu neuen Aufbrüchen. Ein friedvolles 2006 ohne faule Kompromisse. Ein Jahr, in dem Sie ihre Lebensthemen variieren und improvisieren können. Am Mikrophon verabschiedet sich Kerstin Hanke, evangelische Pfarrerin aus Bochum.
Musik: CD ufermann Memoria al futuro. Track 10, Verleih uns Frieden gnädiglich
Vom aufreißenden Himmel
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