Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

03.01.06, 13-14 Uhr, Gernot Hoersch

Auf den ersten Blick

Ich wartete auf meine Straßenbahn. Ewas gelangweilt habe ich die Leute betrachtet, die mit mir am Bahnsteig standen. Auf der gegenüberliegenden Seite

kamen zwei Gestalten  in strammem Tempo Richtung Haltestelle auf mich zu.

Beides waren Skinheads, breite Schränke, in Bomberjacke, Tarnhosen und Springerstiefeln. Sie schauten sehr grimmig drein und kamen schnell näher. Ich schaute mich auf dem Bahnsteig um – ein wenig wirkte es so, als hätten die beiden hier eine bestimmte Person als Ziel ausgemacht. Besorgt suchten meine Augen den Bahnsteig ab, um vielleicht einen Punk oder Ausländer zu sehen, der in wenigen Sekunden ein Problem bekommen würde. Und überlegte, wie ich mich dann verhalte.

Aber es war nichts Eindeutiges zu sehen. Inzwischen waren die beiden Skins vor der letzten Ampel. Finster blickten sie zu mir herüber. Doch während sie die letzten Schritte zur Haltestelle machten, sah ich, das die beiden Männer Händchen hielten. Und als sie dicht an mir vorbeigingen, bemerkte ich dass sie beide Ohrringe trugen.

Ich habe selten ein so widersprüchliches und gleichzeitig beruhigendes Bild gesehen. Allein das Händchenhalten – eine so simple Geste - relativierte den militanten Ausdruck, den Skins und insbesondere die rechte Szene nach Außen gerne zeigen. Diese beiden Skins, waren nicht rechts, sondern vielleicht einfach nur schlecht gelaunt. Irren kann manchmal einfach nur erleichternd sein.
  
  Sprecher: Michael Birgden

Audiobeitrag Auf den ersten Blick


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