Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

04.01.06, 19-20 Uhr, Gernot Hoersch

Nationalsozialismus

Gestern habe ich gesehen, wie Nationalsozialismus funktioniert. Mein Zug stand auf dem Gleisen fest wegen irgendwelche Gleisarbeiten. Am Bahnhof standen vier Kinder.

zehn, elf Jahre alt. Ein Junge fiel besonders auf. Er war etwas kleiner aber kräftiger als die anderen, und begann, einen der vier, einen hageren blassen Jungen mit Baseballcap zu schubsen. Der blasse Junge wehrte sich nicht, sondern ließ das mit sich machen. Allmählich wurde der Dicke aggressiver – begann den anderen zu treten. Der machte ein paar Schritte zurück. Die beiden anderen Jungs ignorierten das alles und griffen nicht ein.

Der Dicke fing, den blassen Jungen zu boxen. Der lief  weg, der Dicke hinterher, konnte ihn aber nicht einholen.

Der Dicke war zu langsam. Der blasse Junge stoppte, drehte sich um und stellte sich wieder zu seinen „Freunden“. Nun schnappte sich der Dicke die Mütze des blassen Jungen und warf sie zu den anderen beiden. Die hatten sich die ganze Zeit nicht für das Treiben interessiert, hatten weg gesehen. Doch nun wurden sie vom dem dicken Jungen mit ein bezogen und machten mit. Drei gegen einen. Sie warfen seine Mütze hin und her. Schweinchen in der Mitte.

Da war er also vor mir, der Gruppenzwang, wenn einer sich ein Opfer ausgeguckt hat. Die schweigende Masse, die in der Überzahl ist und eingreifen könnte – sich dann aber Anstecken lässt und mitmacht.

Der Außenseiter bekommt die Wut der Mehrheit ab. Denn zu Mehrheit gehört jeder gern. Weil der jeder Einzelne innerlich dankbar ist, nicht selbst das Schweinchen in der Mitte zu sein.
     
Sprecher: Michael Birgden

Audiobeitrag Nationalsozialismus


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