Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

05.01.06, 6.56 Uhr, Christoph Neumann

„Vorläufig lebe ich hier“

„Vorläufig lebe ich hier“. Harald ist 35 und arbeitet in der Computerbranche. Seit ein paar Wochen hat er einen Job in unserer Stadt. Deshalb ist er hergezogen.

Lange wird er wohl hier nicht bleiben. Sein Chef hat ihm gesagt, er müsse damit rechnen, bald ins Ausland zu gehen. Ich werde diesen Plan als single ohne Familie nicht  ablehnen können. Also richte ich mich hier nur vorläufig ein. Ich habe es mir so gemütlich wie möglich gemacht. Alles, was ich nicht unbedingt brauche, ist noch in den Kartons nebenan. Und bleibt zunächst auch dort.

So ist das heute. Viele Menschen müssen sich in einer Zeit der Globalisierung darauf einstellen, immer wieder einmal umzuziehen. Da hat man endlich Arbeit gefunden. Und nach ein paar Jahren macht das Unternehmen pleite und man muß sich einen neuen Job suchen. Woanders in einer anderen Stadt. Und man ist froh, wenn man dort etwas gefunden hat. Oder aber man muß flexibel sein wie Harald, und dazu gehören eben auch Auslandsaufenthalte.

Auch ich bin mit meiner Familie schon mehrmals umgezogen. Das war zum Teil sehr schwierig. Die Kinder mussten sich an die neue Umgebung gewöhnen. In der Schule und in der Nachbarschaft neue Freunde finden. Sich auf neue Lehrer einstellen. Und je nachdem, wo man hinkommt, können die Menschen ja auch ganz unterschiedliche Mentalitäten haben. Und dennoch. Sich nicht zu stark an einem Ort zu verwurzeln, sondern offen zu sein für Veränderungen, das kann auch positive Seiten haben.

Bei unserem letzten Umzug haben wir z.B: gemerkt, wie viel sich im Laufe von ein paar Jahren ansammeln kann an Zeugs, was wir eigentlich nicht mehr brauchen. Da ist so ein Umzug ein guter Anlass, mich davon zu trennen. Das können Möbelstücke und Bücher sein. Oder Bilder, die wir uns Leid gesehen haben. Das können aber auch ganz andere Dinge sein. Bilder, etwa, die wir in unseren Köpfen haben. Bilder, zum Beispiel, die sich andere Menschen von uns gemacht haben. Oder, die Bilder, die wir uns von anderen gemacht haben. Dann sagen wir: Der ist halt so! Der war schon immer so!

Und irgendwann  ist man nicht mehr offen für neue Erfahrungen mit sich selbst und mit den anderen.
Deshalb kann ein Ortswechsel auch eine Chance sein, um mich nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich neu einzurichten.

Als Jesus lebte, gab es noch keine Globalisierung. Jesus ist über die Grenzen seines Landes nicht hinausgekommen. Und trotzdem war er mit seinen Leuten oft unterwegs. Als er nach einiger Zeit noch einmal zurück kam in sein Dorf, waren die Leute ziemlich ärgerlich, weil er nicht mehr in das Bild eines braven Dorfjungen und Zimmermannsohnes passte, das man noch von ihm hatte.

Jesus aber hatte die Freiheit gewonnen, sich davon zu lösen, weil es in seinem Leben neue Herausforderungen gab. Deshalb hat sich auch Jesus nur vorläufig eingerichtet.

Also: wenn bei Ihnen im neuen Jahr größere Veränderungen ins Haus stehen, lassen Sie sie zu und mit Gottes Hilfe werden Sie sie meistern.

Audiobeitrag „Vorläufig lebe ich hier“


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