Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

04.01.06, 5.56 Uhr, Ulrich Haag

In die Zukunft sehen

Tach Frau Hinz sag ich. Tach, sagt se, immer noch so früh unterwegs? Wat machen Sie denn da am Briefkasten? Ich wart auf Post, sag ich.Morgens um sechs? Sagt se.

Is eigentlich Quatsch, sag ich, aber ich hab mich beworben, und jetz kann ich et kaum aushalten und guck jedesma, ob die Antwort schon da is.
Wat, sagt se, sie wollen wo anders hin?
Hier wohnen bleiben will ich schon, sag ich, aber ich bin jetz 10 Jahre auf der alten Stelle, da wird et Zeit, dat ich ma wat anderes mach.

Wat anderes? sagt se. Pfarrer is doch Pfarrer.
Aber dat is nich nur die Kirchengemeinde, wo se als Pfarrer arbeiten können. Ich hab mich bei de Stadtakademie beworben, als stellvertretender Leiter.
Und, fragt se, wat hammse fürn Gefühl?
Keine Ahnung, sag ich. Manchmal würd ich am liebsten inne Zukunft gucken können. Dann könnt ich mich drauf einstellen, wat kommt.
Nützen würd ihnen dat aber nix, sagt se.
Wieso, sag ich, wenn ich jetz schon wüsste, dat ich die Stelle sowieso nich kriege, könnt ich mir dat Briefkasten-Rennen sparen. Oder wenn ich zum Beispiel weiß, dat ich dat Jahresende nich mehr erleb, weil ich am 14.September untern Lastwagen komm, dann fahr ich im September nach Baltrum, da is autofreie Zone.

Wie soll dat gehen, sagt se, wat passieren soll, dat passiert, dan könnense nix mehr dran machen.
Dat wär ma ne intressante Frage, sag ich, wenn ich in die Zukunft guck und weiß wat kommt, kann ich da noch wat dran ändern oder nich?
Ich mein nich, sagt se, sons isset ne andere Zukunft, als die, die se geguckt haben, die falsche.
Die falsche Zukunft, sag ich, obbet sowat gibt? Na, eins is auf jeden Fall sicher: Wenn ich weiß wat kommt, kann ich mich drauf einstellen und mein Leben umstellen.

Wat würdense denn anders machen, wenn se wüssten, dat im September der Laster auf sie wartet?
Na, sag ich, mehr genießen, mir mehr rausnehmen bevor et soweit is.
Mehr genießen, sagt se, wenn se dat Gefühl haben, dat se wat verpassen im Leben, dann müssense da sowieso wat dran ändern. Dafür brauchense nich in die Zunkunft gucken. Der Farrer Klinkhammer hat in seine Neujahrspredigt gesagt, du muß jeden Tag so Leben, dat du am Abend getrost vor dein Herrgott stehen kanns. Dat heiß, datte mit deinem Leben anfängs, wat möglich is. Datte genießt, wat Gott dir schenkt und datte wat für die tust, die Gott dir schickt, datte ihnen hilfs.

Und, sag ich, sind sie denn mit ihrem Leben so zufrieden, dat se heute sterben könnten?
Auch nich immer, sagt se, je älter se werden, desto mehr Reste bleiben übrig. Aber wennse älter werden, weinense denen auch nich mehr so hinterher.
Dat hört sich gut an, sag ich, aber so alt bin ich noch nich.

Tun se wat se können und nehmense, wat kommt, sagt se, damit binnich immer gut gefahren.
Dann geh ich jetz ma joggen, sag ich, et wird Zeit für meine Runde im Park.
Tschüss dann, sagt se, und Glück auf, wenn se‘t nächste mal in‘n Briefkasten gucken.
Danke, sag ich, tschüss zusammen.

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