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Bewußt verzichten
Noch halten die Vorsätze, noch werden gute Wünsche getauscht. Ob sie in Erfüllung gehen, weiß keiner. Keiner kann voraussagen, wo wir am Ende des Jahres stehen
werden. Wir wüssten es gerne, um uns darauf einzustellen. Doch keiner kann in die Zukunft sehen. Oder?
Die alten Geschichten im ersten Mosebuch erzählen von einem, der das konnte: Josef, der die Träume des Pharao deutete. Der erzählt: Im Traum stand ich am Nil und sah, wie sieben fette Kühe aus dem Wasser stiegen und an Land auf fetter Weide grasten. Doch dann stiegen sieben magere Kühe aus dem Wasser, die fraßen die sieben fetten auf. Und als sie sie gefressen hatten waren sie dürr wie zuvor. Josef antwortet: Sieben fette Kühe, das sind sieben fette Jahre. Sind die vorüber, schickt Gott sieben Jahre des Hungers, der das ganze Land verzehren wird.
Das vorauszusagen ist auch für uns keine große Kunst. Reicher werden wir in diesem Jahr nicht. Einige vielleicht. Aber aufs ganze gesehen werden wir abbauen. Löhne und Gehälter werden knapper, die Steuern steigen, das ist längst beschlossen, Öl und Gas werden noch teurer, die Arbeitsplätze weniger, die Belastung am Arbeitsplatz dagegen höher. Die Asphaltdecken unserer Autobahnen werden holpriger, in den Heimen werden die Alten immer billiger weggepflegt. In den Kliniken wird um jeden Cent gefuchst, die Listen für notwendige Operationen werden länger. Die fetten Jahre sind vorbei. Was tun?
Josef verordnet dem Pharao ein rigoroses Sparprogramm. Sieben Jahre werden auf jedes Korn, jedes Stück Vieh, jede Geldmünze horrende Steuern erhoben. Das war zwar ärgerlich, aber wirklich geschadet hat es niemandem. Müssen wir uns in ähnlichem Maß einschränken? Immerhin haben wir noch einigen Spielraum: Die Regale der Ramschfilialen bersten vor Plunder, unsere Prestigekarossen verschleudern Treibstoff, Zeit ist auch noch genug vorhanden, vier Stunden verbringt der Durchschnittdeutsche vor dem Fernseher, das heißt jedes Kind, jedes Baby, jeder Greis. Muss man sich wirklich jede Soap-Opera und jedes Länderspiel ansehen?
Bewusst verzichten vielleicht ist das die Parole, mit der wir den Herausforderungen des Jahres 2006 angemessen begegnen können.
Was könnte ich kaufen, aber ich tue es nicht? Was könnte ich kriegen, aber ich bemühe mich nicht darum, weil ich mich damit nicht belasten will? Welches Musical könnte ich mir ansehen, welches Outlet-Center könnte ich besuchen, bei welchem Event könnte ich dabei sein, aber ich gehe nicht hin. Weil der Verzicht darauf womöglich den größeren Genuss darstellt. Ein Mehr an innerer Ruhe, Langsamkeit, wirklichen Begegnungen. Ein Mehr an Selbstbewusstsein und innerer Stärke. Weniger Druck, das Gekaufte nun auch wirklich auszuprobieren, weniger Sorgen, die ich mir darum mache, wie ich das, was ich besitze, auch behalte.
Die sieben fetten Jahre sind vorbei. Aber die kommenden Jahre, die mageren können vielleicht die schöneren werden.
Bewußt verzichten
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