Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

20.12.05, 07-08 Uhr, Matthias Köhler

Erst 60 Jahre

60 Jahre Kriegsende - das war in diesem Jahr ein Dauerthema. Wie gut, dass das alles schon 60 Jahre her und fast nicht mehr wahr ist...Schnee von gestern.

Wenn ich an den zweiten Weltkrieg denke, dann denke ich an meinen Opa Helmut . Er war Soldat, in Russland und in Ungarn. Er war nicht freiwillig im Krieg. Meine Oma erzählt, dass er mit Leib und Seele Landwirt war, das Leben auf dem Land, auf dem Hof liebte. Die wenigen Photos von ihm zeigen einen freundlichen jungen Mann mit melancholischen Augen.

Im November 1944 war er verletzt, hatte Fieber, hoffte dem Krieg entgehen zu können. „Hoffentlich bekomme ich den Schein vom Lazarett, dass ich mich noch verlegen lassen kann, das wäre es doch schön!“ schrieb er an meine Oma Elfriede.
Daraus wurde nichts.

Seinen letzten Brief schrieb er am18. Dezember 1944.
„Nun ist bald Weihnachten und ihr werdet es wieder alleine feiern müssen. Hoffentlich können wir das nächste Weihnachtsfest zusammen feiern ,ohne die Schatten und Härte des Krieges. Es ist sehr schlimm, was man hier sieht, wenn doch bald der Krieg zuende ginge, so viel Leid und zerstörtes Glück. Ich bin nur froh, dass Elfriede und die Kleine gesund sind. Ach, wenn ich es doch mal sehen könnte, mein Kind.

Nun muss ich für heute schließen es geht weiter.
Vielmals grüßt Euch alle
Euer Helmut. – Pappi“

Er hat seine Tochter nie gesehen.

Mein Opa, Helmut Stirnagel, ist zwei Tage später, am 20. Dezember 1944 bei Pazmand in der Nähe von Budapest getötet worden. Für Führer und Vaterland steht auf der zerknitterten Pappkarte. Er war 26 Jahre alt.

Und dass das erst 60 Jahre her ist, merke ich daran, dass meine Oma immer noch weinen muss, wenn wir ihr seine Briefe vorlesen.

Audiobeitrag Erst 60 Jahre


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