Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

6.12.05, 5.56 Uhr, Elke Rudloff

Der kleine Nikolaus

Als Kind konnte man mich mit den Nikolaus jagen. Das lag an seinem Begleiter, dem eisernen Heinrich. Der rasselte so bedrohlich mit den Ketten, dass ich die freundlichen

vom Nikolaus nicht richtig hören konnte.
Auch später, als ich die vielen schönen Legenden vom Heiligen Nikolaus kennen lernte, haftete an ihm in meinen Augen immer noch der Schatten des Kinderschrecks. Der löste sich einfach nicht auf, obwohl ich begriff , dass der Heilige Nikolaus ein beeindruckender Mann gewesen sein muss. Immerhin hatte er mit Zivilcourage die Kinder seiner Stadt vor den Ketten der Sklaverei gerettet, indem er den Kirchenschatz für sie hergab.

Seine andere Hilfsaktionen zeigen ebenfalls immer nur sein weites Herz. Da ist keine Rede von Begleitern, die eine Rute tragen oder mit einer Kette rasseln. Auch lautes Herumbrüllen oder harsches Auftreten sind nicht sein Stil.
Nein, als Erziehungsgehilfe eignet sich der Heilige Nikolaus nicht .

Doch wissen heißt nicht fühlen. Und manchmal muss man eben etwas neu und anders erleben, bevor man seine Meinung wirklich ändern kann. Das geschah auf einer Nikolausparty. Zuerst war alles, wie ich es selbst als Kind erlebt hatte:

Mit tiefem „Ho Ho Ho“ stiefelte der Nikolaus in den Raum. Die kleinen Mädchen und Jungen fingen an zu schreien und rannten zu ihren Müttern.

Doch dann kam alles anders: Einen Moment lang sah sich der Nikolaus diese Szene schweigend an. Dann trat er den Rückzug an und ging wieder raus. Die Mütter waren ratlos. So hatten sie sich ihre Party nicht vorgestellt. Doch dann kam der Nikolaus wieder rein und setzte sich mitten auf den Boden. Von da unten fing er an, mit einer Piepsstimme zu sprechen. Die Kinder guckten hinter dem Rücken ihre Mütter hervor, weil sie wissen wollten, woher diese komische Stimme kam. Sie entdeckten einen winzigen Nikolaus, der neben dem großen lustig hin- und her sprang.
Mit etwas Watte als Bart, einem roten Papierhütchen und einem gemalten Gesicht hatte der große Nikolaus seinen linken Daumen draußen schnell in seinen kleinen Bruder verwandelt. Vor dem hatten die Kinder keine Angst mehr. Ja, sie vergaßen sogar, dass der große Nikolaus daneben saß. Zutraulich rückten sie näher und fragten ihn, was er ihnen denn mitgebracht hätte.

Darum meine Bitte an Sie, liebe Väter, Onkel oder Nachbarn, die Sie vielleicht heute in ein Nikolauskostüm schlüpfen: Lassen Sie Ihren Begleiter still die Geschenke tragen. Konzentrieren Sie sich ganz auf Ihre Stimme . Es sollte die Stimme der Liebe und Zuneigung sein. Die ist leise und voller Güte. Sie erklingt auf Augen-, Herz- und Ohrenhöhe der Kinder. Und sie kommt ganz ohne bedrohliche Untertöne aus. Denn laut und mit Machtgebärden ist der Nikolaus beim besten willen nicht zu verstehen.

 

Audiobeitrag Der kleine Nikolaus


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