Der Herr hat sein Volk getröstet und erbarmt sich seiner Elenden Jesaja 49, 13-16
Liebe Gemeinde, liebe Hörerin, lieber Hörer, ich lese uns den Predigttext für den ersten Sonntag nach Weihnachten.
Er steht im Buch des Propheten Jesaja, Kapitel 49, die Verse 13-16:
Jauchzet, ihr Himmel; freue dich, Erde!
Lobet, ihr Berge, mit Jauchzen!
Denn der Herr hat sein Volk getröstet
und erbarmt sich seiner Elenden.
Zion aber sprach: der Herr hat mich verlassen,
der Herr hat meiner vergessen.
Kann auch ein Weib ihres Kindleins vergessen, dass sie sich nicht erbarme über den Sohn ihres Leibes? Und ob sie seiner vergäße, so will ich doch deiner
nicht vergessen. Siehe, in die Hände habe ich dich gezeichnet; deine Mauern sind immerdar vor mir.
Kann auch ein Weib ihres Kindleins vergessen? Normalerweise nicht. Mütter denken immer an ihre Kinder. Sogar, wenn es gar nicht nötig ist. Sie tun viel. Oft weit über ihre Kräfte hinaus. Sie geben ihr letztes Hemd, wenn es um ihre Kinder geht. Sie schaffen den anstrengenden Spagat zwischen Beruf und Kindererziehung. Sie sind immer ansprechbar. Stellen ihre eigenen Belange oft ganz weit zurück bis hin zur Selbstaufgabe. Und krank sind sie auch nicht. Selbst, wenn sie krank sind. Mütter wollen für ihr Kind das Beste! Sie machen und tun. Bis zum Umfallen.
Da ist Simon, ein Junge mit einer Lernbehinderung. Seine Mutter rennt bei den Behörden von Pontius bis Pilatus und setzt sich an der Schule solange für ihn ein, bis er genau die Förderung bekommt, die er braucht.
Sandra ist alleinerziehende Mutter und hat drei Kinder. Damit sie ihrer Ältesten das Studium mit finanzieren kann, nimmt sie noch einen zweiten Job an.
Marc ist 17 und von zuhause abgehauen. Zwei Tage später wird er von der Polizei völlig besoffen aufgegriffen. Jetzt steht die Streife mit dem Jugendlichen vor der Tür. Sein T-Shirt riecht kilometerweit nach Erbrochenem. Seine Mutter drückt ihn fest an sich und sagt nur: da bist du ja wieder.
Kann auch ein Weib ihres Kindleins vergessen? Nein. Eigentlich nicht. Ein starkes Bild, mit dem der Prophet Menschen trösten will, die sich verlassen fühlen.
Doch es gibt auch das:
Mutter lässt ihr Kind bei 40 Grad Hitze allein im Auto zurück! Lese ich in der Zeitung. Unmöglich, das kann doch nicht wahr sein - ist mein erster Gedanke. Dann lese ich weiter. Aufmerksame und beherzte Passanten auf dem Parkplatz vor dem Einkaufszentrum, haben gehört, wie das Kind im Auto schreit. Ein junger Mann lässt seine Einkaufstaschen einfach stehen und rennt in das Einkaufszentrum, weil er sein Handy nicht dabei hat! Der Notarzt kommt schnell. Das Kind kann gerettet werden. Ich habe eine Stinkwut auf diese Mutter. Aber bin auch erleichtert und getröstet.
Jauchzet, ihr Himmel; freue dich, Erde!
Lobet, ihr Berge, mit Jauchzen!
Denn der Herr hat sein Volk getröstet
und erbarmt sich seiner Elenden.
Im Fernsehen sehe ich eine Reportage über Mütter, die ihre Kinder an Verbrecher verkaufen. Aus finanzieller Not, angeblich. Unvorstellbar! Aber die Reportage ist damit noch nicht zu Ende. Gott sei Dank! Ich erfahre: es gibt eine Hilfsorganisation, die sich um die Rettung solcher Kinder kümmert. In enger Kooperation mit der Polizei gelingt es, das eine oder andere Kind aus den Händen der Verbrecher zu befreien. Ich bin wütend und habe zugleich ein ohnmächtiges Gefühl. Aber ich bin auch ein kleines bisschen getröstet.
Jauchzet, ihr Himmel; freue dich, Erde!
Lobet, ihr Berge, mit Jauchzen!
Denn der Herr hat sein Volk getröstet
und erbarmt sich seiner Elenden.
Eine junge Frau, Anfang 30, kommt zur Behandlung in die Klinik. Als Jugendliche wurde sie über Jahre von ihrem Stiefvater sexuell missbraucht. Ihre eigene Mutter wusste das und sie duldete es. Sie hatte Angst, dass sie ihren Mann verliert, wenn sie ihm etwas entgegensetzt. Das kann doch nicht wahr sein. Bevor die junge Frau entlassen wird, kommt sie zum Klinikgottesdienst. Sie habe in der Behandlung gelernt, mit ihrem Trauma besser fertig zu werden, erzählt sie. Klar: dem Stiefvater wüsche ich im Stillen noch immer die Pest an den Hals. Aber es tröstet mich schon ein wenig, dass diese junge Frau offenbar eine Chance auf Heilung hat.
Jauchzet, ihr Himmel; freue dich, Erde!
Lobet, ihr Berge, mit Jauchzen!
Denn der Herr hat sein Volk getröstet
und erbarmt sich seiner Elenden.
Kann auch ein Weib ihres Kindleins vergessen, dass sie sich nicht erbarme über den Sohn ihres Leibes?! Klar: das war bloß eine rhetorische Frage! Jesaja rechnet fest damit, dass die Menschen verstehen: Nein, eine Frau vergisst ihr Kind nicht. Wenn doch, ist es eine riesen Ausnahme.
Die Menschen haben sich damals beklagt über Gott! Und das war es ja offenbar auch, was den Propheten herausgefordert hat. Ja, die Menschen haben sich bei ihm über Gott beschwert. Sie sagten: Der Herr hat uns verlassen, der Herr hat uns vergessen. So beklagten sie sich über Gott. Kann ich verstehen! Mir ist auch danach, ein paar Fragen zu stellen!
Wo bist du Gott, wenn eine Mutter ihr Kind bei sengender Hitze im Auto sitzen lässt?
Wo bist du Gott, wenn Mütter ihre Kinder an Verbrecher verkaufen, die mit ihnen machen können, was sie wollen?
Wo bist du Gott, wenn Mütter tatenlos zuschauen, wie ihre eigenen Kinder benutzt und missbraucht werden?
Hast du diese wehrlosen Kinder vergessen? Kinder brauchen doch Geborgenheit und Zuwendung! Aber keine Gewalt. Das stinkt doch zum Himmel! Und was ist mit uns? Nicht immer geht es gleich um Gewalt. Da ist manch eine Angst, die hochkommt. Was ist zum Beispiel mit unserer eigenen Angst davor, verlassen zu werden, vergessen zu werden, aus der Geborgenheit heraus zu fallen? Wo bist du, Gott, in unserer Angst?
Musikalisches Zwischenspiel
Sometimes I feel like a motherless child, a long way from home
Manchmal, da fühle ich mich wie ein Kind ohne Mutter, ganz weit weg von zuhause. So heißt der Text eines bekannten Spirituals. In ihm kann ich mich wiederfinden. Ich kenne dieses Gefühl auch, mutterseelen-allein zu sein.
Ja, die Angst ist auch da. Die Angst, verlassen zu werden. Von Menschen. Und von Gott.
Nicole zum Beispiel hat ständig Angst, dass ihr Partner sie verlässt. Wenn er sagt, er will seinen alten Freund in der Nachbarstadt besuchen, lässt sie sich zwar nichts anmerken. Aber sie ruft dann doch mal bei dem Freund an, um zu checken, dass ihr Freund auch wirklich da ist.
Oliver hat eine ziemlich lange Haftstrafe vor sich. An manchen Tagen kriegt er große Angst, dass bald gar keiner mehr an ihn denkt und auch kein Besuch mehr kommt. Seine Brüder waren auch lange nicht mehr da. Obwohl sie sich immer gut mit Oliver verstanden haben. Aber jetzt, wo Oliver das gemacht hat?!
Ernst hat Krebs. Mehrere Operationen haben sein Gesicht verunstaltet. Er mag sich selbst nicht mehr sehen und hat Angst, dass sich immer mehr Menschen von ihm zurückziehen. Auch die so genannten Freunde. Neulich hat er gemerkt, wie ein alter Bekannter die Straßenseite gewechselt hat, bloß um ihm nicht zu begegnen.
Niemand hat gern Angst. Niemand fühlt sich gern verlassen. Aber die Angst hat auch etwas Gutes. Auch wenn wir sie am liebsten nicht haben wollen. Angst ist lebenswichtig. Sie ist ein Signal.
Denn: wenn eine ständig davor Angst hat, dass ihr Partner sie verlässt, dann ist das schon ein Hinweis darauf, dass da was nicht stimmt in dieser Partnerschaft.
Wenn ich Angst habe, hinter den Gefängnismauern vergessen zu werden, dann muss ich alles daran setzen, Verbindungen zu Menschen zu suchen, die mir gut tun.
Wenn ich Angst davor habe, krankheitsbedingt immer einsamer zu werden, dann weiß ich eines sicher: das waren wohl eher die falschen Freunde, auf die ich da gebaut hatte. Ich muss gucken, dass ich anderswo Zuflucht finde.
Kann denn auch ein Weib ihres Kindleins vergessen? Jesaja sagt: das ist kaum vorstellbar! Aber: selbst wenn, bei Gott ist es anders! Der verlässt keinen.
An anderer Stelle ist er vorsichtiger. Da lässt der Prophet Gott so sprechen: Nur für eine kleine Weile habe ich dich verlassen, Israel, doch mit großem Erbarmen hole ich dich heim. Na ja. Eine kleine Weile - die kann auch leicht mal eine gefühlte Ewigkeit sein!
So war das jedenfalls bei denen, die der Prophet trösten wollte. Es waren Menschen, die aus Israel weg mussten. Sie wurden von der Siegermacht deportiert, wurden nach Babylon verschleppt und sehnten sich nach ihrer Heimat. Tja, wer will schon in einem fremden Land leben, wenn er dazu gezwungen wird?! So was sucht man sich nicht aus.
Das Bedürfnis nach einem Zuhause, nach Geborgenheit, nach Schutz - jeder Mensch hat es in sich. Das Weihnachtsfest, wie es bei uns gefeiert wird, trägt diesem Bedürfnis ja auch Rechnung. Menschen kommen zusammen. Und wenn es gut geht, dann ist das Weihnachtsfest wie eine Tankstelle! Wir tanken Zuhause-Sein, Schutz und Geborgenheit. Wie gesagt: wenn es gut geht. Wenn das Fest gelingt. Es kann auch misslingen. Klar, wo es in menschlichen Beziehungen sowieso schwierig ist, da hilft auch kein Weihnachten mehr. Da kann es sogar passieren, dass es an Weihnachten so richtig kracht und der Haussegen erst recht schief hängt.
Zwischenspiel
Noch ist der Glanz von Weihnachten spürbar. Wie schön wäre es, wenn etwas davon bleiben könnte! Wenn wir etwas festhalten, hinüber retten könnten! Jetzt, wo wir zwischen den Jahren, auf der Schwelle zum neuen Jahr sind.
Was macht den Glanz aus? Was ist das, was uns so gut tut? Beieinander sein, feiern, den Alltag unterbrechen, miteinander sprechen, etwas vom anderen erfahren, miteinander singen, gut essen, genießen, zusammen spielen, einmal Zeit haben, einmal nichts tun, einander beschenken, nicht arbeiten müssen, sich zuhause fühlen, Geborgenheit tanken, Gott für all das danken. Das tut gut. Das macht stark.
Das Weihnachtsfest, wie wir es in den Familien feiern, kann so etwas wie ein Modell sein. Ein Modell dafür, wie Leben geht. Oder: wie es auch sein kann. Vorausgesetzt: das Fest gelingt. Ein gelungenes Fest, das ist dann wirklich Grund zu Freude und Dankbarkeit.
Jauchzet, ihr Himmel; freue dich, Erde!
Lobet, ihr Berge, mit Jauchzen!
Denn der Herr hat sein Volk getröstet
und erbarmt sich seiner Elenden.
Hier bei Jesaja wird nicht gejubelt, weil ein Fest gelungen ist. Auch nicht, weil die Welt drum herum in Ordnung ist. Gejubelt wird, weil es Trost gibt. Weil es Erbarmen gibt! Gott tröstet. Gott erbarmt sich seiner Elenden. Manchmal ganz unmittelbar, manchmal durch andere Menschen.
Da ist das Kind, das von seiner Mutter im Auto zurückgelassen wird. Und da sind die aufmerksamen Mitmenschen auf dem Parkplatz vor dem Einkaufzentrum, die sich kümmern und Hilfe holen. Gott sei Dank!
Da sind die Kinder, die von ihren Müttern an Verbrecher verkauft werden. Und da sind die, sie sich dieser Kinder annehmen, mutige Leute, die das nicht mit ansehen wollen. Gott sei Dank!
Da ist die Jugendliche, die vom Stiefvater missbraucht wird und die Mutter, die dagegen nichts unternimmt. Und da sind einfühlsame Therapeuten und Ärzte, die mit ihrer ganzen Kraft zur Heilung dieser Wunden beitragen wollen. Gott sei Dank!
Es gibt Trost in dieser Welt voller Widersprüche, Leid, Unrecht und Absurditäten. Und es gibt Erbarmen. Es gibt Menschen, denen ein anderer Mensch Leid tut. Es gibt Menschen, die sich von diesem starken Gefühl des Erbarmens leiten lassen und handeln.
Manchmal spüren Menschen die Liebe Gottes sehr unmittelbar. Wenn sie zu Gott beten, wenn sie ver-traute Lieder hören, wenn sie in eine Kirche hineingehen. Und manchmal spürt ein Mensch die Liebe Gottes in dem, was andere tun.
Wir alle leben landauf, landab davon, dass Menschen in Kirche und Gesellschaft ihre Zeit und ihre Kraft einsetzen und so das Gemeinwohl stärken. Auch im kommenden Jahr!
Uns hier in der evangelischen Kirchengemeinde Troisdorf liegt es am Herzen, nahe bei den Menschen zu sein. Wir sind dankbar, dass Gott uns im zurückliegenden Jahr hierzu seinen Segen gegeben hat. Viele Kirchengemeinden werden es so ähnlich erlebt haben. Gott sei Dank!
Weihnachten, so sagen wir, ist das Fest der Familie. Ich sage lieber: Weihnachten, das ist das Fest der großen Menschen-Familie. Denn:
Wer sich zuhause fühlt, kann anderen ein Zuhause geben. Wer es sich gut gehen lässt, der ist stark für andere. Wer beschenkt wurde, kann anderen etwas schenken. Wer genießt, kann anderen etwas gönnen. Wer Geborgenheit tankt, kann andere bergen.
Wo das geschieht, da wird heute unter uns wahr, was der Prophet seinen Leuten sagte. Die hatten kein Zuhause und fühlten sich mutterseelenallein. Doch: der Herr hat sein Volk getröstet und erbarmt sich seiner Elenden. AMEN
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