Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

01.11.13; Dr. Henning Theurich

(K)ein Bilderbuch von Himmel und Hölle

Autor: Als Kind habe ich ein Bilderbuch geliebt, das heißt: „Hans Wundersam. Ein Wintermärchen“. Es handelt von einem Wandergesellen mit Namen Hans Wundersam.

Einsam stapft er durch den verschneiten Winterwald. Plötzlich sieht er auf seinem Weg einen Engel liegen. Er sieht aus wie ein kleines Mädchen im langen weißen Hemd. Aber es ist ein Engel, denn er hat zwei Flügel aus Federn. Der Engel ist abgestürzt auf die Erde und einer seiner Flügel ist verletzt. Von alleine kann er nicht mehr zurück in den Himmel. Hans Wundersam hat ein gutes Herz. Er hebt den Engel auf und trägt ihn auf seinen Armen zur Himmelsleiter. Der Engel hat sie ihm gezeigt. Nun steigt er mit dem Engel treppauf und - oben angekommen - darf er sich zur Belohnung im Himmel umsehen. Viele andere Engel sind da. Angeleitet durch Petrus arbeiten sie in Werkstätten fleißig daran, die Wünsche der Kinder rechtzeitig zu erfüllen. Schließlich ist ja bald Weihnachten. Aber Hans Wundersam darf nicht nur den Himmel sehen, sondern er darf auch einen Blick in die Hölle werfen. Der wachsame Petrus erlaubt es ihm. Da sitzt „im feurigen Höllenpfuhl, der Teufel auf dem Höllenstuhl“ – mit Hörnern, Schweif und Dreizack – und mit einem teuflischem Grinsen im Gesicht, als wollte er sagen: “Na, warte Bursche! Dich kriege ich noch.“ Hans Wundersam schaudert. Er ist froh, dass zwischen Himmel und Hölle eine große Kluft ist. So besteht für ihn keine Gefahr.

Musik 1: Chorale Arrangements after Johann Sebastian Bach for Piano Duet: No. 4 Ich ruf zu Dir, Herr Jesu Christ (after Choral Prelude BWV 639), Interpreten: Yaara Tal & Andreas Groethuysen,

Autor: Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer. Ich bin Henning Theurich, von der evangelischen Kirche. Diese Bilder von Himmel und Hölle haben mich als Vierjährigen sehr beeindruckt. Wahrscheinlich haben sie mein religiöses Weltbild auf lange Zeit geprägt. Heute weiß man ja, dass die religiöse Prägung von Kindern im Vorschulalter fast schon abgeschlossen ist. Was später kommt sind lediglich Korrekturen an der religiösen Grundausstattung.
Als Grundschulkind habe ich dann an St. Martin nach dem Laternen-Umzug zusammen mit den Nachbarskindern an jedermanns Haustür geklingelt. Mit den Laternen in der Hand haben wir gesungen:

„Hier wohnt ein reicher Mann, der uns vieles geben kann,
vieles soll er geben, lange soll er leben,
selig soll er sterben, das Himmelreich erwerben.“

In diesem Bettellied ist es für den reichen Mann keine Katastrophe, dass er reich ist. Im Gegenteil. Der Himmel wartet auf ihn. Anders in der Geschichte vom reichen Mann und vom armen Lazarus. Die habe ich erst später aus der Bibel kennen gelernt. Und sie beginnt auch fast wie ein Märchen: „Es war einmal…“

Sprecherin: Es war aber ein reicher Mann, der kleidete sich in Purpur und kostbares Leinen und lebte alle Tage herrlich und in Freuden. Es war aber ein Armer mit Namen Lazarus, der lag vor seiner Tür voll von Geschwüren und begehrte, sich zu sättigen mit dem, was von des Reichen Tisch fiel; dazu kamen auch die Hunde und leckten seine Geschwüre.

Es begab sich aber, dass der Arme starb, und er wurde von den Engeln getragen in Abrahams Schoß. Der Reiche aber starb auch und wurde begraben. Als er nun in der Hölle war, hob er seine Augen auf in seiner Qual und sah Abraham von ferne und Lazarus in seinem Schoß. Und er rief: Vater Abraham, erbarme dich meiner und sende Lazarus, damit er die Spitze seines Fingers ins Wasser tauche und mir die Zunge kühle; denn ich leide Pein in diesen Flammen.

Abraham aber sprach: Gedenke, Sohn, dass du dein Gutes empfangen hast in deinem Leben, Lazarus dagegen hat Böses empfangen; nun wird er hier getröstet, und du wirst gepeinigt. Und überdies besteht zwischen uns und euch eine große Kluft, dass niemand, der von hier zu euch hinüber will, dorthin kommen kann und auch niemand von dort zu uns herüber.

Da sprach [der Reiche] (…): So bitte ich dich, Vater, dass du [Lazarus](…) sendest in meines Vaters Haus; denn ich habe noch fünf Brüder, die soll er warnen, damit sie nicht auch kommen an diesen Ort der Qual.

Musik 2: Johann Sebastian Bach, Choralvorspiel Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ BWV 639

Autor: Wie das Bilderbuch mit dem Wintermärchen von Hans Wundersam, so ist auch die Geschichte vom „reichen Mann und vom armen Lazarus“ ausgestattet mit Bildern von Himmel und Hölle und – ganz wichtig! – mit der großen Kluft zwischen beiden, „so dass niemand, der von hier hinüber will, dorthin kommen kann und auch niemand von dort herüber“. Aber so fest gefügt das Weltbild und so groß die Kluft auch ist, es gibt doch den Blick hinüber und herüber. Sozusagen eine Kommunikation durch Blickkontakt zwischen Himmel und Hölle:

„Als er nun in der Hölle war, hob er seine Augen auf in seiner Qual und sah Abraham von ferne und Lazarus in seinem Schoß.“ Und kaum dass er ihn sieht, ertönt schon der Ruf aus der Hölle: „Vater Abraham, erbarme dich meiner!“ Aber darauf kommt nur die gnadenlose Antwort von Vater Abraham, gleichsam unisono vom himmlischen Stammtisch: „Gedenke, Sohn, dass du dein Gutes empfangen hast in deinem Leben, Lazarus dagegen hat Böses empfangen, nun wird er hier getröstet, und du wirst gepeinigt.“
Nach dieser biblischen Geschichte gibt es also nicht nur Himmel und Hölle, sondern es gibt anscheinend auch eine ausgleichende Gerechtigkeit im Jenseits. Auch dieses Bild gehört zur religiösen Grundausstattung. Und das ist den drei monotheistischen Weltreligionen gemeinsam: Judentum, Christentum und Islam. Sind sie doch durch Abraham, den „Vater des Glaubens“ miteinander verbunden.

Aber gibt es sie wirklich, die ausgleichende Gerechtigkeit? Das biblische Bilderbuch von Himmel und Hölle will sie uns glauben machen. Dabei kommt der reiche Mann allerdings von vornherein schlecht weg. Er hat ja noch nicht einmal einen Namen. Der Arme dagegen hat einen Namen, wenigstens das: „Lazarus“, auf Deutsch: „Gott hat geholfen“ oder einfach: „Gotthilf“. Der Name ist Programm. Heute sind meistens die Armen anonym. Sie sind es, die anonym bestattet werden, weil sie kein Geld für ein Begräbnis haben. Vom armen Lazarus aber heißt es in der Bibel: „Es begab sich aber, dass der Arme starb, und er wurde von den Engeln getragen in Abrahams Schoß.“

Musik 3: J. S. Bach, Schluss - Choral der Johannespassion Ach, Herr, lass dein lieb Engelein

Autor: „Von den Engeln getragen in Abrahams Schoߓ wird der arme Gotthilf - Lazarus. Ganz anders der reiche Mann. Von ihm heißt es: „Der Reiche aber starb auch und wurde begraben.“ Punkt! Aus! Nichts mehr! „… und wurde begraben“. Viele sagen: „Das ist die einzige Gerechtigkeit, die es gibt, nämlich dass alle sterben müssen.“ Drastisch heißt es in der Bibel:

Sprecherin: Denn es geht dem Menschen wie dem Vieh: wie dies stirbt, so stirbt auch er … Es fährt alles an einen Ort. Es ist alles aus Staub geworden und wird wieder zu Staub … denn es ist alles eitel. (Prediger Salomo 3, 19f.)

Autor: Ja, wenn da nicht die Bilder wären von Himmel und Hölle und von der ausgleichenden Gerechtigkeit jenseits des Todes. Man kann ja nicht wissen. Vielleicht ist ja doch was dran an diesen Bildern, die uns von Kindesbeinen an eingeprägt sind.

Wenn es doch jemanden gäbe, der uns darüber verbindlich Auskunft geben könnte! Zwar heißt es, es ist noch niemand zurückgekehrt von dort. Aber der reiche Mann an seinem Ort der Qual denkt an Umkehr – nicht für sich, für ihn ist es zu spät, aber für seine fünf Brüder, die noch am Leben sind. „Schick doch den Lazarus zu meinen Brüdern, er soll sie warnen!“ Doch Abraham antwortet ihm:

Sprecherin: Sie haben Mose und die Propheten, die sollen sie hören. [Der Reiche] (…) aber sprach: Nein, Vater Abraham, sondern wenn einer von den Toten zu ihnen ginge, so würden sie Buße tun. [Abraham] (…) sprach: Hören sie Mose und die Propheten nicht, so werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn jemand von den Toten auferstünde.

Autor: Das sitzt! Das ist strenge Kritik am Wunderglauben jeder Art. Das ist das Ende aller Bemühungen, Kontakt zu bekommen zum Jenseits. Oder umgekehrt von dort nach hier. Und mit einem Mal sind auch die Bilder von Himmel und Hölle, von der großen Kluft und von der ausgleichenden Gerechtigkeit im Jenseits wie weggewischt. Der Satz von Abraham ist ein Bilderstürmer: „Hören sie Mose und die Propheten nicht, so werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn jemand von den Toten auferstünde.“ Es braucht keinen Vermittler zwischen dem Reich der Toten – ob Himmel oder Hölle -, keinen Lazarus, der vom Himmel steigt, um die Lebenden zu warnen. Jetzt wird das Bilderbuch von Himmel und Hölle zugemacht und weg gelegt; denn jetzt geht es nicht mehr ums Sehen und Schauen wie im Märchen, sondern es geht ums Hören:

„Sch’ma Jisrael, Höre Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr allein.
Sie haben Mose und die Propheten, die sollen sie hören.“

Ja, und was gibt’s da zu hören?

Sprecherin: Lernet Gutes tun, trachtet nach Recht, helft den Unterdrückten. (Jesaja 1, 17)

Autor: So der Prophet Jesaja. Oder bei dem Propheten Micha:

Sprecherin: Es ist dir gesagt Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott. (Micha 6, 8)

Autor: Und alle zusammen, Mose und die Propheten, fasst Jesus in die so genannte „goldene Regel“:

Sprecherin: Alles was euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch. Das ist das Gesetz und die Propheten. (Matthäus 7, 12)

Autor: So einfach soll das sein? Ja, so einfach! Aber so einfach es klingt, so schwer ist es zu tun, aber auch so folgenreich. Denken wir nur, was geschieht, wenn zwischen dem reichen Mann und dem armen Gotthilf Lazarus diese „goldene Regel“ gilt. Dann geschieht nicht weniger als ein gerechter Ausgleich, und zwar nicht erst im Jenseits, sondern jetzt schon in diesem Leben – sozusagen vor unseren Füßen. Und mit dieser goldenen Regel im Ohr brauchen Erwachsene kein Bilderbuch von Himmel und Hölle – und sei es noch so eindrucksvoll wie das Wintermärchen mit Hans Wundersam. Und der hat sich schließlich mit seiner Hilfe für den Engel auch nur an die goldene Regel gehalten – an die Regel aller Heiligen. Ich wünsche Ihnen einen guten Feiertag. Mein Name ist Henning Theurich - von der evangelischen Kirche, aus Bonn.

Musik 4: Felix Mendelssohn Bartholdy Denn er hat seinen Engeln befohlen


Literatur: Adolf Holst und Ernst Kutzer: Hans Wundersam. Ein Wintermärchen, 1919.

Musikinformationen
Musik 1 CD-Name: Chorale Arrangements after Johann Sebastian Bach for Piano Duet
Track – Name / Nr.: Track 4 Ich ruf zu Dir, Herr Jesu Christ (after Choral Prelude BWV 639)
Interpret: Yaara Tal & Andreas Groethuysen
Komponist: Johann Sebastian Bach
Verlag: unbekannt
LC-Nr.: 06868
Label: Sony Classical - Copyright: (P) 2007 SONY BMG MUSIC ENTERTAINMENT (GERMANY) GmbH

Musik 2
CD-Name: Christoph Rueger - Wie im Himmel so auf Erden Track – Name / Nr.: Choralvorspiel Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ, Disc 2, Nr. 11
Interpret: Alfred Brendel
Komponist: Johann Sebastian Bach
Verlag: unbekannt
LC-Nr.: 0305
Label: Philips Ariston

Musik 3:
CD-Name: Christoph Rueger – Wie im Himmel so auf Erden
Track – Name / Nr.: Choral Ach Herr, lass dein lieb Engelein, Disc 2, Nr. 13
Interpret: Rundfunkchor Leipzig
Textdichter: Martin Schalling
Verlag: unbekannt
LC-Nr. 0305
Label: Philips Ariston

Musik 4
CD – Name: Felix Mendelssohn Bartholdy Denn er hat seinen Engeln befohlen
Track – Name / Nr.: Denn er hat seinen Engeln befohlen, Track 15
Interpret: Frieder Bernius, Kammerchor Stuttgart
Komponist: Felix Mendelssohn Bartholdy
Textdichter: Psalm 91
Verlag: unbekannt
LC-Nr.: 3989
Label: Carus

 


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