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Ev. Sendung zum Reformationstag - Wie im richtigen Leben Familie neu buchstabiert
1. Musik: Peter Fox Haus am See - Und am Ende der Straße steht ein Haus am See Orangenbaumblätter liegen auf dem Weg. Ich hab 20 Kinder, meine Frau ist schön.
Alle komm'n vorbei, ich brauch nie rauszugehen.......
Autorin: Familienidylle wie in alten Zeiten! Ein nostalgischer Song, der wie eine altmodische Ballade daher kommt, dabei ist er gerade erst fünf Jahre alt. Innerhalb kürzester Zeit hat er die Charts gestürmt und den Künstler Peter Fox zum Popstar gemacht. Denn der damals 37-Jährige hat mit diesem Lied über das Haus am See genau das beschrieben, wonach viele sich sehnen: Eine heile Familie, ein schönes Zuhause und Menschen, die zu einem gehören egal was geschieht.
1. Musik: Peter Fox Haus am See
Hier bin ich gebor'n, hier werd ich begraben.
Hab taube Ohr'n, 'nen weißen Bart und sitz im Garten.
Meine 100 Enkel spielen Cricket auf'm Rasen.
Wenn ich so daran denke, kann ich's eigentlich kaum erwarten ...
Autorin: 20 Kinder, 100 Enkel, das ist ein bisschen dick aufgetragen und doch heile Welt wie aus dem Bilderbuch .... Oder wie im Haus des Reformators Martin Luther vielleicht? Vor rund 500 Jahren wirkte er zusammen mit seiner Frau Katharina von Bora in Wittenberg und begründete das Bild des evangelischen Pfarrhauses ein Jahrhunderte lang hochgehaltenes Ideal der Familie.
Auch das ist ein Thema für den heutigen Reformationstag, denn die Familie ist in der Diskussion, vor allem die Kleinfamilie: Ist sie ein Erfolgsmodell oder ein Auslaufmodell? Es gibt so viele Lebensformen, welche ist die richtige?
Eine Idylle wie im Haus am See jedenfalls kennen nur wenige. Stattdessen hält das Leben für viele Menschen ein eher grobes Strickmuster bereit, mit fallenden Maschen und klaffenden Löchern. Mit getrennten Eltern und Kindern, die sich in zerrissenen Familien zurechtfinden müssen.
1. O-Ton, Sarah Vecera: Also als Teenager hab ich mir oft gewünscht, ne ganz normale Familie zu haben. Da kann ich mich ganz genau dran erinnern, dass ich im Alter zwischen 12 und 17 wirklich oft auch abends auf meiner Bettkante saß und es auch Abende gab, wo ich bitterlich geweint hab, wo ich mir nichts mehr gewünscht habe als so eine Familie zu haben wie meine beste Freundin und Nachbarin Katrin. Die einfach Mama, Papa Kind hatte, mit denen zusammen Urlaub gemacht hat und alles in Ordnung war.
Autorin: Aber bei Sarah war Unordnung, auch wenn die Fassade in der Bergarbeiterkolonie am Rande von Oberhausen nach Kräften aufrechterhalten wurde. Was sollen denn die Nachbarn denken, war einer der Sätze, die sich ihr tief eingeprägt haben. Ebenso wie die Sehnsucht nach der Normalität einer traditionellen Kleinfamilie. Die schmerzlichen Erfahrungen von damals sind für Sarah Vecera noch immer präsent. Aber heute geht die 30-Jährige, deren Markenzeichen auch ihre exotische Schönheit und ihr Temperament sind, gelassen damit um. Sie hat Sozialpädagogik studiert und arbeitet in Essen in einem kirchlichen Jugendhaus. Etliche der Jugendlichen dort kommen aus ebenso zerrissenen Familien wie sie selbst. Ihre Mutter war alkoholkrank, ihr pakistanischer Vater landete wegen Drogen im Gefängnis.
2. O-Ton, Sarah Vecera: Ich war circa fünf Jahre und lebte ja schon bei meinen Großeltern und hab das soziale Leben meiner Eltern eigentlich gar nicht mehr so richtig wahrgenommen. Ich kann mich dran erinnern, dass plötzlich ein anderer Mann im Leben meiner Mutter war, ein Mann aus Sri Lanka. Und dass mein Vater plötzlich irgendwie nicht mehr da war. Und irgendwann war meine Mutter schwanger und zwar von diesem neuen Mann mit meinen Brüdern, die Zwillinge sind. Und dieser andere Mann, mit dem lebte meine Mutter zusammen, und ich weiß noch: Der hat mir nie was Böses getan, aber den konnte ich nicht leiden. Meine Mutter war beschäftigt mit ihrem Alkohol, die war damals auch noch berufstätig als Altenpflegerin und mit ihren Männergeschichten und, und, und ...
Autorin: Abweisend und mit sich selbst beschäftigt, so erlebte Sarah ihre Mutter. Ich hätte dich lieber abtreiben sollen, bekam das kleine Mädchen von ihr zu hören, das kaum wusste, was eine Abtreibung war. Was kann man Schlimmeres sagen? Sie war ungewollt! Und doch hat Sarah Vecera ein Wunder erlebt, denn die Großeltern waren für sie da. Und der Glaube, der die Großeltern trug, gab auch ihrem Leben einen Sinn. Ich weiß nicht, ob ich das damals schlimm fand oder nicht - ich kannte Familienleben ja nur so! sagt sie rückblickend.
3. O-Ton, Sara Vecera: Bei meinen Großeltern war immer der christliche Glaube spielte `ne große Rolle. Das ist für mich ein riesengroßer Segen, dass ich da sehr geborgen und wertgeschätzt groß geworden bin. Dass ich bei meinen Großeltern einen festen Pol und ein festes Zuhause hatte, obwohl draußen der Sturm tobte sozusagen war ich doch sehr behütet, weil ich habe von den beiden von klein auf immer das Gefühl bekommen: Du bist gewollt, du bist geliebt und das bedingungslos. Das ist ein großer Schatz, den ich trotz allem noch mitbekommen habe auf den Weg.
Autorin: Und noch einen weiteren Schatz nahm sie von zu Hause mit:
4. O-Ton, Sara Vecera: Es gab für mich keine Zeit in meinem Leben, wo ich an der Existenz Gottes gezweifelt hätte. Seitdem ich denken kann weiß ich, dass mein Opa immer abends an meinem Bett saß, wir immer aus der Kinderbibel gelesen haben, wir ein Gutenachtgebet gesprochen haben. Das war für mich immer selbstverständlich, dass Gott da ist und dass Gott mich liebt und dass ich gewollt bin.
2. Musik, Wolf Codera Jesu meine Freude CD: Codera goes Choral, Creative Kirche 2003, Track 2, LC 11724,
Sprecher: Kinder sind das lieblichste Pfand in der Ehe. Sie binden und erhalten das Band der Liebe.
Autorin: ... so hat es der Reformator Martin Luther gesagt. Gleichzeitig hat er ein neues Eheverständnis formuliert: Sie sei kein Sakrament wie bei den Katholiken, sondern ein weltlich Ding, das in Treue und Verantwortung füreinander gestaltet wird.
In modernen Zeiten allerdings sind Kinder kein Garant mehr für die Ehe. Die Familie ist im Wandel und bietet reichlich Diskussionsstoff. Denn neben der traditionellen Familie haben sich viele andere Formen etabliert: Patchwork Familien, die sich nach Scheidung und Trennung neu formiert haben, Alleinerziehende oder Wohngemeinschaften etwa.
Ich bin sicher, Luther würde heute kräftig mitmischen: Was sagt die Bibel dazu? Welche neuen Maßstäbe gibt es? Und was müssen Kirche und Gemeinde tun, damit sich die Menschen überhaupt noch angesprochen fühlen?
Diese Fragen beschäftigen seit 2012 auch die Evangelische Kirche von Westfalen und die Lippische Landeskirche. Sie haben ein Impulspapier Familien heute verfasst, das in allen Kirchenkreisen diskutiert wird:
5. O-Ton, Albert Henz: Wir haben bisher herausgefunden, dass unsere üblichen Gemeinden noch wenig wahrgenommen haben, welch tiefgehender Wandel sich in den Familienformen und Aufgaben zurzeit vollzieht. Und umgekehrt, dass die Familienformen, die nicht der klassisch bürgerlichen Kleinfamilie entsprechen, auch noch gar nicht das Gefühl haben, dass sie willkommen sind in unserer Kirche. Diese beiden Vermittlungsprozesse stehen ganz im Vordergrund unseres Prozesses.
Autorin: Selbstkritische Gedanken, die der westfälische Oberkirchenrat Albert Henz aus Bielefeld hier formuliert. Er ist zuständig für das Großprojekt Familien heute und kennt den Gemeindealltag. Viele Eltern zögern ihre Kinder zur Taufe oder Konfirmation anzumelden. Etwa wenn sie getrennt leben, alleinerziehend oder homosexuell sind. Auch hier das Gefühl: Was sollen denn die Leute denken? Wir sind ja keine richtige Familie.
Manche Gemeinden veranstalten deshalb keine traditionellen Familiengottesdienste mehr, bei ihnen gibt es jetzt Gottesdienste Für Groß und Klein.Ganz im Sinne Luthers wird die Bibel wieder einmal neu interpretiert:
6. O-Ton, Albert Henz: Sie ist nicht auf eine bestimmte Form und schon gar nicht auf diese Kleinfamilienform festgelegt. Wenns die gibt und sie funktioniert, ist das wunderbar. Aber es gibt auch anderes und das ist auch wunderbar.
Sprecher: Aus dem westfälischen Impulspapier Familie heute (S. 29): Im Alten Testament fällt zuerst der Wechsel verschiedener Familienformen auf. Das Wort Familie findet sich im Alten Testament nicht, wohl aber spricht die Bibel vom Vaterhaus. Im Wechsel zwischen nomadisch lebenden Familienverbänden zu den sesshaft gewordenen bäuerlichen Gruppen ist Familie nach heutigem Verständnis immer Großfamilie. Sie ist nicht nur die Familie von Müttern und Vätern mit ihren Kindern, sondern umfasst mehrere Generationen.
7. O-Ton, Albert Henz: Das ist vielleicht tatsächlich ne kleine Revolution, die da gerade passiert, weil in der Tat wir ja auch gerade im Protestantismus mit dem Pfarrhausideal und so weiter diese klassisch kleinbürgerliche, an sich geschichtlich betrachtet relativ junge Familienform sehr hoch gehalten haben, dass wir aber biblisch-theologisch feststellen: Nein, das ist weiter, das ist offener, was da alles als Familie gesehen wird. Bis hin, dass ja Jesus das radikal weitet im Sinne der geistlichen Familie und Paulus alle Schranken sogar zwischen Mann und Frau da aufhebt.
Sprecher: Der Apostel Paulus schreibt im Brief an die Galater (Galater 3, 27 f.):Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen.
Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid alle eins in Christus.
3. Musik, Sister Sledge We are family CD: Best of Sister Sledge, Atlantic (Warner) 1994, Track 6. LC 00121.
Autorin: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei (1. Mose 2, 18), heißt es gleich zu Beginn der Bibel in der Schöpfungsgeschichte. Überall auf der Welt leben Menschen traditionell in Gemeinschaft: in Familien, in Clans, in Dorfgemeinschaften. Die Kleinfamilie dagegen, die heute bei uns als normal gilt, entwickelte sich erst im 19. Jahrhundert parallel zur Industrialisierung. Damals zunächst als Privileg der bürgerlichen Gesellschaft: Der Mann ging arbeiten, die Frau versorgte den Haushalt. Meine Frau muss nicht arbeiten, dieser Satz beschreibt bis in die 60er-Jahre des vorigen Jahrhunderts hinein die strikte Rollenteilung und das Familienmodell.
3. Musik, Sister Sledge: We are family
Autorin: Aber dann wurde alles anders! Mit der 68er-Generation wurde nicht nur an den Universitäten der Muff aus 1000 Jahren unter den Talaren vertrieben, sondern alle Institutionen wurden in Frage gestellt - auch die Familie. Die Soziologie spricht von einer Pluralisierung der Lebensformen Vielfalt statt Einheitlichkeit, alles ist möglich. Eine Entwicklung, die bis heute anhält. Auch Wohngemeinschaften sind längst nicht mehr nur Studenten - WGs. Der SPD-Politiker Henning Scherf in Bremen etwa hat das Konzept Kleinfamilie für sich schon lange ad acta gelegt:
8. O-Ton, Henning Scherf: Wir wohnen jetzt 25 Jahre zusammen. Für mich ist das so, dass das hier ein Nest ist, in dem ich meine Altersbiografie annehmen kann und leben kann. Und alles, was ich so an Anregungen bei meinen vielen Reisen und so erlebe und einfange, das kann ich hier verbinden. Und ich merke, dass unsere Kinder das auch voll erfasst hat. Und das ist eine wunderbare Erfahrung, dass wir unsere Kinder über dieses Projekt nicht verloren haben, sondern eher ne neue Attraktion für sie sind. Denen gehts natürlich auch gut, weil sie wissen: Wir achten hier aufeinander. Sie müssen sich nicht Sorgen machen.
Autorin: Er gilt als Vertreter von Deutschlands berühmtester Senioren-WG: Henning Scherf, 75, Jurist und langjähriger Bürgermeister von Bremen, der seinerzeit auch für seine morgendlichen Radtouren ins Rathaus etwa bekannt war.
Jetzt hat der engagierte Christ mehrere Bücher über das Alter und neue Lebensformen geschrieben. Er ist ein gefragter Redner und Interviewpartner, denn was er sagt, hat mit seinen eigenen Erfahrungen zu tun. Und davon erzählt der hagere Zwei-Meter-Mann gerne, wie jetzt etwa am Küchentisch in der WG. Für seinen Gast kocht er Tee, während er selbst wie immer ein großes Glas heißes Wasser trinkt.
9. O-Ton, Henning Scherf: Es differenziert ständig aus! Und bestimmt wird das auch von der Berufstätigkeit. Die Frauen wollen zu recht den Beruf nicht aufgeben für die Familie, alles richtig, meine Töchter auch, habe ich alles gelernt mit denen, wie wichtig das ist, das ist völlig neu, früher gehörte die Frau nach Hause und die musste den Haushalt machen und so das differenziert sich, das ist das Auslaufmodell....
Autorin: ... ein tragfähiges, neues Modell allerdings ist noch nicht in Sicht. Viele junge Frauen fühlen sich zerrissen zwischen dem Wunsch nach Familie und Beruf, zwischen Kindern und Karriere. Wie entkommt man der Einsamkeit im Alter, was hilft stressgeplagten berufstätigen Eltern? Der experimentierfreudige Henning Scherf sieht vielfältige Chancen für Mehrgenerationen-Projekte:
10. O-Ton, Henning Scherf: Da kommen sie mit ihren Kindern nur klar, wenn sie in einer Struktur leben, wo immer auch Leute sind, die Zeit haben. Da ist es gut, wenn da so Typen sind wie ich, die Rentner sind, die Zeit haben ein Segen! Und da muss man nicht verwandt sein, da kann man Leih-Omi und Leih-Opa sein, das ist ein Segen, wenn solche berufstätigen Eltern, wenn die solche Leute finden. Die dann sagen: Wir machen das. Wir kochen bei euch zu Hause und wenn die Kinder nach Hause kommen aus der Schule, dann ist da nicht alles leer, so mit Schlüssel um den Hals, sondern da steht dann Essen auf dem Tisch. So was, das ist viel, viel spannender als zu sagen: Liebe Mutter, bleib zu Hause, du bist die Einzige. Das sind neue Formen, da entwickelt sich was.
4. Musik: Michael Bublé Home CD: Michael Bublé, Home, Reprise Records (Warner) 2005, Track 5. LC 00322
Sprecherin:
Große Mütter von Christina Brudereck
Ich habe viele Großmütter.
Die beiden echten. Gläubige, beeindruckende Frauen.
Dazu Fräulein Wrede und Fräulein Lützenburger,
zwei ältere Damen aus dem Dorf,
die am Nikolaustag Süßigkeiten-Säcke an die Tür hängten
oder mir ein Fünf-Mark-Stück zusteckten, für Eis oder was Schönes.
Das macht schon vier für mich.
Und außerdem Mutter Teresa, die ältere Schwester,
die immer eine große Mutter für mich war.
Macht fünf.
Und die alte New Yorker Rabbinerin Margaret Wenig,
die erzählte, Gott, dieses große Geheimnis,
Gott stelle sie sich manchmal so vor wie ihre Großmutter ....
Macht insgesamt sechs.
Und so lebe ich mit den großen Müttern,
den Vorfahrinnen, den stolzen, großzügigen Frauen.
Ich lebe in ihrem Geist die Kraft, die von Gott kommt.
Das macht sieben.
Sieben Großmütter für mich.
Und sieben ist viel und ist heilig.
Aus: Christina Brudereck/Miriam Gamper: FrauenVertrauen. SCM Collection, Witten 2011
4. Musik: Michael Bublé: Home
Autorin: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei, dieser biblische Horizont ist weiter als nur Vater, Mutter, Kind. Familie ist mehr als man denkt, mehr als das Schönwetter-Klischee von der Kleinfamilie, das allgegenwärtig ist: im Werbespot, im Kino und sogar bei der heiligen Familie in der Weihnachtsdekoration.
Was Familie heute ist, darüber wird derzeit in der ganzen EKD, der Evangelischen Kirche in Deutschland, viel diskutiert. Sie hat im Juni eine Orientierungshilfe veröffentlicht. Darin heißt es:
Sprecher: Ein normatives Verständnis der Ehe als göttliche Stiftung und eine Herleitung der traditionellen Geschlechterrollen aus der Schöpfungsordnung entsprechen nicht der Breite des biblischen Zeugnisses. Wohl aber kommt bereits in der Schöpfungsgeschichte zum Ausdruck, dass Menschen auf ein Gegenüber angewiesen sind, an dem sich die eigene Identität entwickelt. In diesem Sinne ist die Ehe eine gute Gabe Gottes, die aber, wie das Neue Testament zeigt, nicht als einzige Lebensform gelten kann.
Aus: EKD-Orientierungshilfe Zwischen Autonomie und Angewiesenheit (2013), S.13
Autorin: Zwischen Autonomie und Angewiesenheit, lautet der Titel dieser Orientierungshilfe der EKD. Darin fordert sie dazu auf, die vielschichtige Realität zu akzeptieren und alle (!) Familienformen anzuerkennen und zu stärken, auch bunt zusammen gewürfelte Patchwork-Familien oder homosexuelle Partnerschaften.
Seitdem hagelt es Kritik von allen Seiten: Das sei ein Kniefall vor dem Zeitgeist, eine Relativierung von Ehe und Familie, Bis dass der Tod euch scheidet. Keine Sorge, das ist nicht länger ernst gemeint, so heißt es.
Ein radikaler Kurswechsel also in Sachen Familie bei der Evangelischen Kirche? Nein, kontert der Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider im Interview mit der Berliner Zeitung: kein Kurswechsel, sondern ein Perspektivwechsel.
Sprecher: Wir haben gefragt, was konstituiert die Ehe, was ist ihr Inhalt? Liebe, Treue, Verbindlichkeit wie können wir diese Inhalte im Sinne einer Werteethik auf neue Lebensformen übertragen? Das Leitbild Ehe soll ja bleiben. Die Institution soll ja nicht abgewertet werden und das Zusammenleben in der Normalfamilie ebenso wenig ....
Wir erkennen die Realität an. Menschen sind fehlbare Wesen. Es kommt auch bei der Partnerwahl zu Fehlern. Manchmal ist es gut, wenn Menschen auseinandergehen und mit dem Segen Gottes eine neue Partnerschaft gestalten können. Aus: Interview in der Berliner Zeitung, 22. August 2013
Autorin: Familie wird neu buchstabiert - meiner Ansicht nach ist das ein überfälliger Perspektivwechsel, den die evangelische Kirche zurzeit vollzieht, indem sie nicht weiter an einem starren Familienbild festhält. Denn immer weniger Menschen leben in einer Kleinfamilie oder Ehe auf Lebenszeit, so sehr sie sich auch danach sehnen. Nach wie vor wünschen sich zwar mehr als 80 Prozent aller Jugendlichen Kind und Partner, ganz traditionell - aber das Leben schreibt andere Geschichten. 25
5. Musik: Lee Ritenour: Mizrab CD: Lee Ritenour, Rits House, Verve Records 2002, Track 3, LC 00383
Autorin: Auch die Bibel ist voll von abenteuerlichen Biografien: Abraham, Sarah und Hagar mit ihren Kindern bildeten eine echte Patchwork-Familie, Maria und Martha lebten als Geschwister zusammen, der Apostel Paulus taufte die wohlhabende Lydia und ihr Haus, von einem Mann ist nicht die Rede. Es ist gut, diese Geschichten neu zu interpretieren und aus ihnen zu lernen. Denn noch immer machen manche Menschen bittere Erfahrungen, wenn ihre Ehe scheitert. Gerlint Frisch etwa, die in einer konservativen Kirchengemeinde im Rheinland war.
11. O-Ton, Gerlint Frisch: Die Gemeinde hat stark irritiert reagiert. Der Pfarrer der Gemeinde und seine Frau haben mir sehr klar signalisiert, dass meine Mitarbeit unter diesen Bedingungen nicht mehr gewünscht ist. Verstehen kann ich, dass die natürlich nicht wollten, dass ich nach frischer Trennung vorne einen Gästegottesdienst moderiere, aber das war halt nicht besonders schonend, wie man mir das beigebracht hat. Ich hätte halt jemanden gebraucht, der seine Flügel über mich breitet und nicht jemanden, der mich tritt. Und genau das habe ich erlebt. Ich bin dann gegangen. Ich habe mich rausgeschmissen gefühlt.
Dieser Gedanke, man muss auf jeden Fall zusammen bleiben, auch wenn dunkle Dinge passieren, wird in der Kirche - also zumindest da, wo ich gewesen bin - wurde das eingefordert. Ich hätte jetzt neben dem Alkoholiker weiterleben müssen.
Autorin: Diese Ereignisse liegen gut acht Jahre zurück und andere Gemeinden gehen längst anders mit Eheproblemen um. Trotzdem fühlen sich Geschiedene oder Alleinerziehende wie Gerlint Frisch oft ausgegrenzt, einfach weil sie der Norm nicht entsprechen.
Heute ist die 44-Jährige stolz darauf, sich eine neue Existenz im Gesundheitswesen aufgebaut zu haben, und sie lebt gerne alleine mit ihrem 17-Jährigen Sohn in einer hellen Dachgeschosswohnung mit weitem Blick über die Stadt. Lange Zeit ist sie sonntags nicht in den Gottesdienst gegangen und hat für sich allein in der Bibel gelesen. Vor kurzem jedoch hat sie wieder eine neue Gemeinde gefunden.
12. O-Ton, Gerlint Frisch: Bei meinem Sohn und mir nehme ich wahr, dass viele Leute sagen: Ihr seid ja ein starkes Team. So empfinde ich das auch. Aber es ist einfach so, dass ich schon merke, viele Leute sortieren einen gar nicht als Familie ein.
Autorin: Und das, obwohl Alleinerziehende statistisch sehr wohl als Familie gelten - zwei Generationen unter einem Dach. Die Krisen haben mich stärker gemacht, sagt Gerlint Frisch heute, obwohl sie sich nur schwer von der eigenen Prägung gelöst hat.
13. O-Ton, Gerlint Frisch: Ich denke mal 25 Jahre zurück, ich hätte mir alles für mein Leben vorstellen können, nur nicht als alleinerziehende Mutter zu leben. Es war noch nicht mal ein Schreckgespenst, ich habe noch niemals so weit gedacht! Für mich war vollkommen klar, dass ich auf jeden Fall heiraten würde, mehrere Kinder haben würde und als Mutter und Hausfrau mein Leben gestalten würde. Das war für mich so klar wie das Amen in der Kirche.
Autorin: Gerlint Frisch hat Frieden mit ihrer Geschichte gemacht, weil Freunde und Familie sie unterstützt haben, auch wenn sie sich von der Kirche verlassen fühlte. Das soll anders werden, so das Anliegen der Evangelischen Kirche. Die Gemeinde soll Heimat in Krisenzeiten und der Glaube Quelle des Trostes für Familien im Umbruch sein.
Ich bin sicher: An dieser Reformation hätte auch Martin Luther gerne mitgewirkt. Die Menschen sollen nicht blind glauben, sondern selbst urteilen, nicht nur Gebot und Tradition hochhalten, sondern auch die Freiheit des Glaubens entdecken, das war sein Vision.
In Sachen Familie ist der Erneuerungsprozess auf einem guten Weg, die heftigen Diskussionen zeigen es. Familien sind kein Auslaufmodell, sie sind im Wandel. Was ist Heimat für Sie?, darauf haben kürzlich 91 Prozent der Befragten gesagt: Familie. Der Sehnsuchtsort, das Haus am See, so scheint es, hat einen Namen.
Damit verabschiede ich mich von Ihnen, Bettina von Clausewitz aus Essen.
5. Musik: Lee Ritenour Mizrab
Buchtipp:
Die Interviews von Sarah Vecera, Henning Scherf und Gerlint Frisch wurden folgendem Buch entnommen:
Bettina von Clausewitz: Wie im richtigen Leben. Familienporträts
von A wie Alleinerziehend bis W wie Wohngemeinschaft. Neukirchener Verlag 2013,
180 S. 14.90 Euro.
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