Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

27.10.13; Pfarrerin Sabine Haupt-Scherer

Ein Selbsthilfeprogramm zur Traumaheilung als spirituelle Friedensmission

Sprecherin: Es fällt wie eine Bombe in dein Leben – und plötzlich ist nichts mehr wie es war.

Es verschlägt dir die Sprache. Den Boden unter den Füßen verloren: Die Welt ist plötzlich kein guter Ort mehr zu leben, alles fremd und bedrohlich, erstarrt vor Angst. Auf nichts und niemand ist mehr Verlass – auf dich selbst schon gar nicht! Mal bist du in Panik, zitterst am ganzen Körper, mal fühlst du dich taub wie ein eingeschlafener Fuß.

(Musik)

Sprecher: Mein Herz ängstigt sich in meinem Leibe, und Todesfurcht ist auf mich gefallen. Furcht und Zittern sind über mich gekommen, und Grauen hat mich überfallen. (Ps 55,5f.)

(Musik)

Autorin: So sprechen Menschen, die eine weltumstürzende Erfahrung gemacht haben. Seit Beginn der Menschheit gibt es das: Einem Feuer knapp entronnen. In der Flut Hab und Gut verloren. Im Krieg im Keller verschüttet. Von einem Auto angefahren und nur mit bleibenden Einschränkungen überlebt. Den geliebtesten Menschen plötzlich verloren. Vom Onkel missbraucht. In der Schule von Mitschülern gemobbt oder von einer Lehrerin immer wieder bloßgestellt. Eine plötzliche Diagnose einer bedrohlichen Krankheit. Das Leben mutet uns viel zu. Und mitten im Leid kommen die Zweifel: an Gott und den Menschen. Was ist das für eine Welt, in der ich so ungeschützt bin? Wieso geschieht mir das? Was ist das für ein Gott, der zulässt, dass mir das zustößt? Wer oder was kann jetzt helfen – das ist für viele eine Überlebensfrage.

2. Musik

Autorin: Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer. Mein Name ist Sabine Haupt-Scherer, ich bin Pfarrerin im LWL-Bildungszentrum Jugendhof Vlotho und bilde Fachkräfte fort, die Menschen begleiten, die belastende - traumatische Erfahrungen gemacht haben: Seelsorger und Seelsorgerinnen, Erzieher und Lehrerinnen, Mitarbeitende in Jugendämtern und Pflegefamilien. Trauma, so nennt man heute solche einschneidenden Ohnmachtserfahrungen, wie wir sie gerade gehört haben.

Ein Angriff auf Leben oder körperliche Unversehrtheit und schwerste Demütigung kann in jedem Lebensalter zum Trauma werden. Wo Menschen von unerträglichem Geschehen überwältigt werden, sich ausgeliefert fühlen - machtlos und hilflos - und weder fliehen noch dagegen kämpfen können, da erstarrt der Körper. Die Wahrnehmung ist vernebelt, Gefühle und Gedanken sind wie betäubt und abgeschaltet. Im absoluten Grauen, wenn nichts mehr geht, ist genau das die Rettung: nicht mehr fühlen müssen, nicht mehr denken, nichts mehr spüren: die Angst nicht, die Verzweiflung nicht und Schmerz nicht. Für die Betroffenen ist die Taubheit der Sinne und Gefühle in diesem Moment sehr barmherzig.

Aber später gibt es dafür einen Preis zu zahlen. Das Gehirn kann die traumatische Erfahrung nicht speichern. Es spaltet sie ab. Verbannt sie phasenweise sogar ganz aus dem Gedächtnis. So kann sie nicht Erinnerung werden. Und wenn sie wieder auftaucht, fühlt sie sich wieder wie Gegenwart an. Immer wieder neu. Diese Wunden heilt die Zeit nicht.

Ein Grund dafür ist, dass diese schmerzlichen belastenden Erfahrungen im Körpergedächtnis gespeichert bleiben und so verhindern, dass der Betroffene in einen entspannten Zustand zurückkehren kann. Der Therapeut Heiner Steckel beschreibt das so:

O-Ton 1: Wir kommen also tatsächlich in so einen Kreislauf, der sagt: „Ich fühl mich von etwas bedroht“, dadurch spanne ich mich an. Mein Körper schützt sich also – ein ganz wunderbarer Reflex, mit dem wir ausgerüstet sind – ganz vernünftig. Dummerweise kann ich dann manchmal aus der Schutzhaltung nicht heraus, bleibe verspannt und dadurch sende ich an meine Schaltzentrale, das Gehirn wieder die Botschaft: „Ich bin ja immer noch bedroht!“. Und dann sagt die: „Also Bedrohung wieder da, also noch mehr anspannen!“ Also das ist einer dieser blöden Kreisläufe, in denen man dann immer festhängt.

3. Musik

Autorin: Einer, der nach Wegen aus diesem Teufelskreis des Traumas gesucht hat, ist Dr. David Berceli. Begonnen hatte er als Missionar in Krisengebieten der Erde. Erfahrungen im Krieg brachten ihn auf die Spur körperlicher Traumaphänomene und ihrer Heilung.

Er beobachtete, dass in allen Kulturen Menschen zusammenzucken und sich krümmen, wenn eine Granate einschlägt. Daraus schloss er: Die Kontraktion der Muskeln ist der zentrale körperliche Schutzmechanismus. Durch ihn wird der empfindliche Bauch geschützt. Und noch etwas war Berceli aufgefallen: Während er im Bunker ein zitterndes Kind auf dem Schoß hatte, bemerkte er, dass er selbst auch zittern wollte. Aber er unterdrückte das, um dem Kind Sicherheit zu geben. Vielen anderen Erwachsenen ging es ähnlich. Doch die Menschen, die das Zittern unterdrückt hatten, erholten sich schwerer vom Trauma.

Wenn diese Körperspannung nicht abgebaut wird, erkannte Berceli, ist das ein Grund dafür, warum Aufregung, Panik und Starre über die traumatische Situation hinaus andauern, manchmal ein Leben lang.

David Berceli ließ sich später zum Physio- und Körpertherapeuten ausbilden. Er entwickelte eine Übungsreihe, mit der Menschen dieses Zittern aus der traumatischen Situation reaktivieren können. Der Name dieser Reihe: TRE: Trauma Releasing Exercise - übersetzt:

Trauma-Entspannungsübungen. TRE soll ein Selbsthilfeprogramm sein gerade für Menschen, die in Krisengebieten arbeiten, oder für Betroffene, die keinen Therapeuten zur Verfügung haben. Bei diesen Übungen geht es darum, Anspannungen, Stress oder damals unterdrücktes Zittern wiederzubeleben und sich so von alten Anspannungen des Lebens zu befreien. Dabei arbeitet nur der Körper, so dass das schlimme Ereignis nicht noch einmal durchlebt werden muss.

Der körperliche Zittermechanismus arbeitet unwillkürlich und ohne, dass die Gedanken und Gefühle beteiligt sein müssen. Dr. David Berceli beschreibt das so:

O-Ton 2: Essentially it looks for any unresolved stresses …
Sprecher: Er, der Zittermechanismus, sucht nach irgendwelchem ungelösten Stress, Traumata oder Anspannung, die sich im Körper gesammelt haben, und versucht, sie einfach zu lösen, um den Körper wieder in einen gelösten Zustand zu bringen. Dann ist er am flexibelsten und am widerstandsfähigsten für die Erfahrungen des Lebens und muss nicht die alten Anspannungen der Vergangenheit mitschleppen.

Autorin: Inzwischen ist David Berceli wieder in Krisengebieten der Welt unterwegs. Seine Mission heute: Er lehrt Trauma-Entspannungsübungen in 18 Ländern der Welt: ausgehend von den USA und Europa auch in Brasilien, Südafrika, China und Japan.
Nach Deutschland sind diese Trauma-Entspannungsübungen über den Bioenergetiker Heiner Steckel gekommen. 2006 lernte er David Berceli und seine Übungsreihe in Amerika kennen.

O-Ton 3: An diesen TRE-Übungen hat mich von Anfang an fasziniert, dass sie sehr einfach sind, sehr einfach zu erlernen sind, dass sie eine wirklich phantastische Möglichkeit darstellen, traumatisierten Menschen zu helfen, so etwas wie Selbstregulation wieder zu erlernen, also damit Selbstwirksamkeit auch wieder herzustellen.

Autorin: Selbstregulation, das meint eine Art Selbsthilfeprogramm, um die Selbstheilungskräfte des Körpers anzustoßen und zu unterstützen und damit den unguten Teufelskreis von immer neuer Anspannung zu durchbrechen.

Die Trauma-Entspannungsübungen dehnen und ermüden die Haltemuskulatur so, dass sich in der tiefer liegenden Muskulatur das unwillkürliche Zittern wieder einen Weg bahnen kann. Jeder, der in dieser Übungsreihe unterrichtet worden ist, kann das für sich selber tun – auch allein.

Manche tun sich schwer damit, so ein Zittern zuzulassen. Denn es wird in unserer Gesellschaft eher als Schwäche angesehen. Das war zu biblischen Zeiten noch anders. Der Psalmbeter kann ganz selbstverständlich davon sprechen: „Furcht und Zittern sind über mich gekommen“, heißt es in einem Psalm.

Es wäre schön, wenn wir sagen könnten: „Okay, ich zittere. Gut, dass mein Körper weiß, wie er sich von der starken Anspannung befreien kann.“

4. Musik

Autorin: Ich selbst habe TRE als Traumapädagogin und Seelsorgerin über Heiner Steckel und in Seminaren von David Berceli kennengelernt. Die Übungen haben mir geholfen, mit eigenen körperlichen Spannungen umzugehen, ob sie nun aus meiner eigenen Biographie kamen oder der Arbeit mit sehr belasteten Klienten. Und TRE hat mir geholfen, wenn ich mit Gott und der Welt gehadert habe und mich gefragt habe: Warum müssen Menschen so schlimme Dinge erleben? Denn ich habe gespürt: Wir Menschen sind mit Mechanismen ausgestattet, die uns überleben helfen. Wir können Hilfe suchen, fliehen, kämpfen. Und - wo das nicht möglich ist - schaltet unser Körper ab und schützt uns vor den unterträglichen Wahrnehmungen. Unser Körper ist es auch, der uns durch das Zittern hilft, wieder zu befreitem und entspanntem Leben zu kommen. Und manchmal stellen wir verwundert fest, dass Menschen dadurch gewachsen sind, Fähigkeiten erworben haben, die sie zuvor nicht hatten. Traumatisches Wachstum nennen wir das. Das alles erinnert mich an Worte aus Psalm 68: „Gott legt uns eine Last auf, aber hilft uns auch.“ (Ps 68,20)

David Berceli geht da noch einen Schritt weiter:

O-Ton 4: When you feel tense or contracted or tied…
Overvoice: Sprecher: Wenn du dich angespannt oder zusammengezogen oder gebunden fühlst, ist es schwierig, die Gegenwart Gottes in dir zu spüren. Der Zittermechanismus erlaubt es dir, zu entspannen, erlaubt es dir, deinen Körper als Tempel Gottes zu spüren, wie es die Schrift sagt. Und wenn ich Gott in mir spüre, ist es einfacher, mit den Menschen friedvoll umzugehen.

Autorin: Ausgehend vom Krieg im Libanon sind die Trauma-Entspannungsübungen für Berceli zu einer Mission geworden, zu einer Friedensmission für die Menschen, motiviert durch seine Beziehung zu Gott.

O-Ton 5: So in a sense it is not my mission, but the mission of all of us to become peaceful. Overvoice: Sprecher: So in dem Sinn: Es ist nicht wirklich meine Mission allein, sondern ein Auftrag für uns alle, friedvoll zu werden.

Autorin: Gott im Herzen Raum schaffen dadurch, dass ich meine Anspannungen löse und mich von alten Belastungen befreie. Mit Gott im Herzen friedvoller sein, friedvoller mit anderen umgehen und so Gewalt und Trauma in dieser Welt weniger Raum lassen. Damit sie nicht mein Leben vergiften. Das ist die Mission.
Liebe Hörerin, lieber Hörer, Ich wünsche Ihnen, einen friedvollen und entspannten Tag. Sabine Haupt-Scherer aus Bielefeld.

5. Musik

Weitere Informationen:
www.tre-deutschland.de

Ausbildungsinstitute für TRE:
NIBA (norddeutsches Institut für Bioenergetik) www.niba-ev.de
LWL-Bildungszentrum Jugendhof Vlotho www.lwl-bildungszentrum-jugendhof-vlotho.de

Musikinformationen:
Alle Musiken von CD Mare nostrum, Jan Lundgren (piano), Paolo Fresu (trumpet, fluegelhorn), Richard Galliano (accordion, bandoneon), The Act Company, LC-Nr. 07644, ACT Music.

Musikinformationen
Musik 1: Track 1 Mare nostrum, Komponist Jan Lundgren

Musik 2: Track 15 Varvindar Friska, trad./ Arrangement Jan Lundgren

Musik 3 und 4: Track 8 Chat Pitre, Komponist Richard Galliano

Musik 5: Track 2 Principessa, Komponist Richard Galliano

 


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