Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

31.10.13; Andreas Duderstedt

Buße

Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer! Gestern Abend bin ich mal wieder viel zu spät ins Bett gegangen. Dafür muss ich heute büßen:

Der Wecker hat unbarmherzig früh geklingelt, und im Lauf des Tages fallen mir bestimmt immer wieder die Augen zu. Neulich war ich in Eile und zu bequem, einen Parkplatz zu suchen. Mal schnell das Auto direkt vor dem Laden abgestellt. Der Einkauf zog sich aber länger hin. Dann: ein Zettelchen hinter dem Scheibenwischer. Wie ärgerlich. Zehn Euro Bußgeld fällig.

Da war einer fünf Jahre im Gefängnis. Nun hat er seine Strafe verbüßt und wird entlassen. Das Wort „Buße“ kommt heute fast nur noch in solchen Bedeutungen vor: Wer büßen muss, bezahlt für Fehlverhalten - individuell-persönlich oder bei allgemein gültigen Regeln und Gesetzen. So ist der übliche Sprachgebrauch: Wer Buße tut, muss die Folgen seines Handelns tragen - sei es im Kampf mit der Müdigkeit, weil er zu wenig geschlafen hat, sei es durch Geld oder Gefängnisstrafe. Ich tue was Falsches und bezahle dafür eins zu eins. Zu Martin Luthers Zeiten klang das anders:

Sprecherin: Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht: „Tut Buße“ [...], hat er gewollt, dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sein soll. (Mt 4,17)

Autor: So lautet die erste der 95 Thesen von Martin Luther. Ob er sie tatsächlich an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg angeschlagen hat, ist nicht verbürgt, aber durchaus möglich. Veröffentlicht hat er sie jedenfalls heute vor 496 Jahren, am 31. Oktober 1517. Am 31. Oktober feiert die evangelische Kirche den Beginn der Reformation. Denn darum ging es Luther: Er wollte seine Kirche reformieren, erneuern.

Das ganze Leben soll also Buße sein, so versteht Martin Luther den Aufruf, über den in der Bibel berichtet wird. Jesus fordert die Menschen auf: Kehrt um! Ändert euer Leben! Gebt ihm eine neue Richtung! Macht nicht so weiter wie bisher!

Ist das nicht mit moralischem Druck verbunden? Hat das nicht etwas Beklemmendes, gar Drohendes – wehe, wenn nicht...? Doch jetzt kommt etwas Neues. Etwas, das wir normalerweise nicht mit dem Wort „Buße“ verbinden. Buße heißt bei Jesus gerade nicht: Du musst ausbaden, was du falsch gemacht hast. Buße tun heißt hier: Gott bietet mir die Möglichkeit, das Falsche, das Böse hinter mir zu lassen. Gott lädt mich freundlich ein, meinem Leben eine neue Richtung zu geben. Und wenn ich dieser Einladung folge, empfängt er mich mit offenen Armen.

Dazu gehört, dass ich ehrlich zu mir selber bin. Ich weiß selbst am besten, was bei mir im Argen liegt. Das bleibt mir nicht erspart. Die Folgen meines Tuns lösen sich nicht einfach in Luft auf – ob ich nun zu spät ins Bett gehe oder falsch parke. Oder Schlimmeres. Ich weiß von meinen Abgründen, und ich weiß auch, dass ich für andere manchmal zum Ärgernis werde, sogar schwere Schuld auf mich lade.

Wenn ich mich darauf besinne, dann ist das kein einmaliger Akt, sondern eine Lebenseinstellung. Es ist auch kein Bußritual, nach dem Motto: Ein Vaterunser und ein Rosenkranz und alles ist wieder gut. Büßen, umkehren als Lebenshaltung ist eine Gelegenheit, mir immer wieder neu bewusst zu machen: Jederzeit, also auch jetzt, in diesem Moment, kann ich zurücklassen, was schief läuft, was mich und andere belastet. Das ist unglaublich befreiend.

Diese befreiende Erfahrung wünsche ich Ihnen heute - Ihr Andreas Duderstedt aus Bielefeld.

 

Audiobeitrag Buße


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen