Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

29.10.13; Andreas Duderstedt

Trotz allem: Gottes geliebtes Kind

Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer. Niklas ist fünf Jahre alt. Dauernd hört er: „Du bist aber ein lieber kleiner Junge.“ Neulich jedoch, da war er ganz böse.

Furchtbar wütend war er. So wütend, dass er in den Garten ging und die Blumen von Mamas Beet abrupfte. Er riss sie heraus und trampelte auf ihnen herum. Dabei wusste er ganz genau, dass er jetzt etwas Schlimmes tat. Er wusste, dass das Blumenbeet seiner Mama viel bedeutete. Zusammen mit ihr hatte er doch die Samenkörner in die Erde gesteckt, zusammen mit ihr hatte er später die zarten Keime entdeckt und das Wachstum beobachtet. Und nun das.

Die Mutter war auch wütend, als sie sah, was ihr Sohn angerichtet hatte. Das zeigte sie ihm deutlich. Gleichzeitig aber versuchte sie, ihrem Niklas klarzumachen: Was du da getan hast, ist hässlich – und trotzdem hab ich dich lieb.

Das ist ganz schön schwer: zu unterscheiden zwischen der Tat eines Menschen und dem Menschen selbst, der sie getan hat. Das ist eigentlich paradox. Es scheint manchmal ganz unmöglich, so zu trennen zwischen der Tat und dem Menschen. Denn beides gehört ja zusammen. Und doch ist das ein guter Weg wie man mit ärgerlichen, schlimmen, bösen Dingen konstruktiv umgehen kann: unterscheiden zwischen dem, was einer tut, und dem, was einer ist.

Das gilt im Kleinen wie im Großen. Bei einem Kind wie Niklas, der Blumen abgerupft hat. Und bei schlimmeren Vergehen. Einem Verbrechen ist Einhalt zu gebieten. Eine Gewalttat muss, notfalls mit Gewalt, verhindert werden. Sie ist zu verurteilen. Doch der Mensch, der sie verübt, bleibt – auch wenn mir das schwer über die Lippen geht – er bleibt ein geliebtes Kind Gottes.

Ich weiß, dass ich das auch bin. Und ich weiß selbst am besten, was ich schon alles falsch gemacht habe. Ich weiß, dass mich auch manchmal der Teufel reitet. Dass ich andere verletze und Schaden anrichte. Und anderen fällt es sicher ebenso schwer, bei mir zu unterscheiden – zwischen dem, was ich tue, und dem, was ich bin.

Gott macht diese Unterscheidung. Er liebt mich, davon bin ich überzeugt. Aber was ich tue, gefällt ihm gewiss nicht immer. Mir fällt es schwer, bei besonders widerlichen Verbrechen im Täter immer noch Gottes geliebtes Kind zu sehen. Bei Nazis, die sich auf die Demonstrationsfreiheit berufen, um eben diese Freiheit zu beseitigen. Bei Schlägern, die mit den Füßen auf ihr Opfer treten, das schon leblos am Boden liegt…

Nein, wer dergleichen tut, dem kann ich keine Liebe entgegenbringen. Das schaffe ich nicht. Nicht einmal Sympathie und auch kein Verständnis. Ich kann nicht immer zwischen der Tat und dem Menschen unterscheiden. Aber Gott kann es.

Unbegreiflich. Ich bin dankbar, dass Gottes Liebe zu den Menschen größer ist, als unsere menschliche, begrenzte Liebe. Dass er das Böse verurteilt und doch uns Menschen nicht verdammt. Sondern mit seiner Liebe zu einem besseren Leben gewinnen will.

Ob es die Mutter von Niklas geschafft hat, ihm zu zeigen: Du bist mein geliebtes Kind, auch wenn du etwas Böses getan hast? Ich weiß es nicht. Aber ich glaube: Gott schafft es. Auch bei mir. Das macht mich frei und gelassen. Diese Gelassenheit wünsche ich Ihnen heute. Ihr Andreas Duderstedt aus Bielefeld

 

Audiobeitrag Trotz allem: Gottes geliebtes Kind


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