Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

02.11.13; Pfarrer Titus Reinmuth

Apfelbäumchen

„Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich noch heute ein Apfelbäumchen pflanzen“. Das soll Martin Luther gesagt haben. Vor etwa 500 Jahren.

Der gelehrte Mönch wollte seine Kirche verändern. Er kämpfte gegen die Autoritäten und für Reformen. Eine ganze Bewegung hat er angestoßen. Martin Luther gilt als Begründer der Evangelischen Kirche. Bestimmt kam ihm manchmal alles festgefahren und ausweglos vor. Dann war er ein Freund klarer Worte und starker Bilder. So wie dem von dem Apfelbäumchen. Noch einen Baum pflanzen, wenn schon klar ist: Morgen ist alles vorbei? Ein starkes Bild. Denn wer weiß schon, was morgen wirklich kommt? Soll ich mich von irgendeiner Angst bestimmen lassen? Warum eigentlich? Dann lieber hoffen. Dann lieber etwas tun. Einen Baum pflanzen. Noch heute.

Wenn ich die Worte „noch heute“ bei google eingebe, spuckt die Internetsuchmaschine erstaunliche Funde aus: Ich kann „noch heute“ eine Frau treffen, „noch heute“ einen Kredit bekommen, und soll unbedingt „noch heute“ einen Termin vereinbaren. Das klingt, als gäbe es ganz schön viel Hoffnung für Kurzentschlossene. Oder Verzweifelte?

Die eigene, kleine Welt kann ja wirklich ins Wanken geraten. Man muss ja nicht gleich an einen Börsenkrach oder eine Naturkatastrophe denken. Weltuntergang, das geht auch kleiner. Was, wenn die Firma, in der mein Freund arbeitet, wirklich von dem neuen Investor übernommen wird? Der würde vieles anders machen. Wäre dann noch Platz für den Computerfachmann, Anfang 50? Das eigene Leben kann ganz schnell erschüttert werden. Was ist mit den Nachbarn, deren kleine Tochter den schweren Unfall hatte? Plötzlich ist alles ganz anders. Hoffen und Bangen, mühsam wieder auf die Beine kommen. „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich noch heute ein Apfelbäumchen pflanzen.“ Der Satz stellt sich gegen alles, was das Leben erschüttern kann. Wer noch heute einen Baum pflanzt, der glaubt, dass morgen schon alles anders werden kann.

Kürzlich sah ich in den Nachrichten Bilder aus Japan. In einem Ort an der Küste, etwa 70 Kilometer von Fukushima entfernt, pflanzten die Anwohner 20.000 kleine Bäumchen in die Erde. In zehn Jahren sollen sie zehn Meter hoch sein. Eine junge Frau sagt in die Kamera: „Ich habe diese Bäumchen gepflanzt, damit alle Menschen hier vor einem Tsunami geschützt sind“. Der Tsunami vor zweieinhalb Jahren hat das Leben der Menschen erschüttert. Viele haben Freunde und Angehörige verloren. Heute pflanzen sie diese kleinen Bäumchen, gerade mal einen halben Meter hoch. Ein trotziges Zeichen. Morgen schon soll alles anders sein.

Ob Luther den Spruch mit dem Apfelbäumchen wirklich gesagt hat, weiß man nicht. Das erste Mal belegt findet man ihn 1944. Mitten in den Wirren des zweiten Weltkrieges. Wahrscheinlich wurde dieser starke Satz Luther einfach in den Mund gelegt. Wenn das stimmt, haben das wohl Menschen gemacht, die verzweifelt waren, aber auf keinen Fall die Hoffnung aufgeben wollten.

In Wittenberg, wo Martin Luther gelebt und gewirkt hat, wird man am 31. Oktober 2017 ein großes Fest feiern: 500 Jahre Reformation. Bis dahin werden dort 500 Bäume gepflanzt. Kirchen aus aller Welt sind eingeladen, die Patenschaft für einen der 500 Bäume zu übernehmen und parallel dazu einen Baum im Bereich ihrer Heimatkirche zu pflanzen. In Wittenberg entsteht so ein wachsendes und lebendiges Denkmal. Unter den Bäumen können Menschen spazieren gehen und nachdenken, was Hoffnung gibt. Oder was sie – trotz allem - heute noch tun wollen!

 

Audiobeitrag Apfelbäumchen


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