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Sonnenschein
Dem Volk auf´s Maul schauen, das war Martin Luthers Devise. Ende Oktober 1517, soll der Reformator seine Thesen an die Wittenberger Schlosskirche geschlagen haben.
Der Mönch und Pfarrer wurde zum Begründer der Evangelischen Kirche. Luther stach durch eine Gabe besonders hervor: Er redete nicht um den heißen Brei und nicht über die Köpfe der Menschen hinweg. Seine Botschaft sollte verstanden werden, deswegen bediente er sich auch bestimmter Worte und Redewendungen. Dabei durfte es auch schon mal etwas derber zu gehen.
Martin Luther war es leid, dass die christliche Botschaft die Menschen nicht mehr erreichte. Latein, die damalige Kirchensprache, verstanden die wenigsten. Es gab viele Rituale, aber wenige biblische Sätze, die in den Knochen hängen blieben. Der Weg zum Glauben blieb vielen Menschen versperrt.
Heute erleben es viele wieder so. Die Sprache in den Gottesdiensten erreicht oft nur noch die Eingeweihten. Viele Predigten und Ansprachen sind reine Anstrengung für die Zuhörer. Was wir brauchen, sind schlanke Sätze ohne geistliches Schabbelfett, würzig und farbig. Nach dem Motto: Stell dir vor, du gehst in die Kirche und verstehst jedes Wort. Das wäre doch mal was
Ich mag es, wenn ein Prediger verständlich redet. Es darf auch mal provokant sein. Und es müssen Themen sein, die mir etwas bedeuten. Manchmal höre ich noch die großen alten Worte: Gnade, Erbarmen, Seligkeit. Dann wünsche ich mir, dass das Gestrüpp der frommen Sprache mal zurückgeschnitten wird.
Bei Luther war das so. Deswegen hält der bekannte Sprachpurist und Sprachkritiker Wolf Schneider so viel von dem Reformator. Der Sprachstillehrer hält Luthers Bibelübersetzung angehenden Journalisten als Vorbild vor.
Deshalb übersetze ich anlässlich des morgen anstehenden Reformationstages einen Bibelvers im Luther-Stil, indem ich uns auf´s Maul schaue. Die Bibel sagt: Du bist gesegnet und wirst ein Segen sein. Doch was soll das eigentlich heißen: Segen? Mich erinnert es an die Redewendung: Jemandem scheint die Sonne aus dem Arsch. Zugegeben, etwas derb, aber so etwas so stelle ich mir vor wäre typisch Luther. Wenn man über jemanden sagt, dem scheint die Sonne aus dem Hintern, dann meint man damit, dass dieser Mensch so glücklich ist, dass jeder es sehen kann. Vielleicht singt er vor Freude oder kichert, auf jeden Fall strahlt er über alle vier Backen.
Die Umweltorganisation Greenpeace nahm diese Redewendung für einen skurrilen Werbespot wörtlich. Zum Song You are my sunshine sieht man ungewöhnliche Lichtquellenlieferanten. Beim Zahnarzt, als Lampe auf dem Fahrrad, zur Beleuchtung einer Baustelle lassen Menschen ihre Hose runter und leuchten auf höchst originelle Weise wichtige Orte aus. Also wünsche ich Ihnen heute Morgen, dass Ihnen die Sonne aus dem Herz und aus dem Allerwertesten scheinen soll.
Wenn wir Sonne im Herzen haben, überglücklich sind, vielleicht verliebt sind (uns auf jeden Fall geliebt fühlen) oder stolz auf uns selbst sind, wenn uns dann sogar die Sonne aus dem Hintern scheint, dann teilen wir unser Glück automatisch mit den anderen. Wir lachen sie an, sind großzügiger, gelassener, liebevoller. Nicht weil wir müssen, sondern weil wir nicht anders können.
Dir soll die Sonne in dein Herz scheinen und aus deinem Allerwertesten! Vielleicht ist das eine moderne Luther-Übersetzung für den Bibelvers Du bist gesegnet und wirst ein Segen sein. Sicher bin ich mir nicht, ich bin ja nicht Luther. Aber ein Versuch wars mir wert.
Sonnenschein
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