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Leben verpasst (Life-Hanger)
Ich erinnere mich noch gut an ein Phänomen im Sommerurlaub. Die Sonne schien prall und warm vom Himmel, doch der Strand war auffällig leer.
Bei diesem Wetter hätten sich die friesischen Badenixen eigentlich gegenseitig auf die Füße treten müssen. Bei einer zufälligen Begegnung in der Ferienhausnachbarschaft fragte ich, warum sie bei dem schönen Wetter nicht am Strand gewesen seien. Ich bekam zur Antwort, sie hätten den Tag anders verplant, weil ihnen ihre Wetter-App nicht so gutes Wetter vorhersagt hätte. Der Blick auf den Bildschirm war entscheidender als der Blick nach Draußen. Wir vertrauen Wetter-Apps mehr als dem Blick zum Himmel?!
Es mehren sich auch die Berichte über Menschen, die ihrem Navigationsgerät im Auto mehr vertrauen als ihrem Orientierungssinn, wie z.B. eine 67-Jährige Frau aus Belgien. Eigentlich wollte sie nur zum Bahnhof, um eine Freundin abzuholen. Doch statt die 40 Km zum Bahnhof nach Brüssel zu fahren, durchquerte sie halb Europa. Erst in Kroatien bemerkte sie ihren Irrtum. Obwohl sie mehrere Landesgrenzen passierte und dabei an Ortsschildern wie Köln, Aachen und Frankfurt vorbei kam, fuhr sie einfach weiter. Das Vertrauen in den kleinen Bildschirm, hatte ihren Orientierungssinn und ihre Beobachtungen überstimmt. Wir schätzen eben klare Ansagen einer neutralen Autorität, denen wir uns unterwerfen können.
Ein Journalist schrieb von der neuen Kultur des gesenkten Blickes. Das ständige Starren auf unsere Handys, Smartphones, Tabletts macht uns blind für unser richtiges Leben. Es scheint immer wichtiger zu werden, den Moment einzufangen, als ihn zu erleben. Eine junge Frau stellte vor ein paar Wochen ein Video ins Internet, das mittlerweile 25 Millionen Mal abgerufen wurde. Ich vergaß mein Handy (Original "I forgot my phone) lautet der Titel dieses fast lautlosen Videos. Filmemacherin Charlene zeigt einen Kurzdurchlauf durch ihren Tag, der nur aus Situationen besteht, in denen ihr Partner, ihre Freundinnen oder andere Mitmenschen mit ihren Handys beschäftigt sind, während sie die gelebten Augenblicke mit Charlene verpassen.
Wir erleben nicht mehr das Konzert und saugen die Atmosphäre um uns herum auf, sondern recken und strecken uns, um den Auftritt der Band zu filmen, die Taufe des Patenkindes bekommen wir nur am Rande mit, weil wir damit beschäftigt sind, ein paar gute Fotos zu schießen. Für eine frisch reingekommene SMS unterbrechen wir das Gespräch mit unserem Gegenüber, weil uns der Bildschirm mehr fesselt als der Mensch am Tisch.
Es gibt einen Rhythmus zwischen den Blick senken und den Blick heben. Wir müssen den Blick immer wieder senken, um zu arbeiten oder Dinge zu verarbeiten. Aber wir sind aus dem Takt geraten. Den richtigen Wechsel zwischen Aufsehen/den anderen anschauen und dem gesenkten Kopf müssen wir neu einüben. Mit einem häufig gesenkten Blick verpassen wir unser Leben und das Leben der anderen erst Recht.
Der HERR hebe sein Angesicht auf dich heißt es im 4. Buch Mose, im Alten Testament. Gott sieht uns an. Er schaut nicht runter, schaut nicht weg. Gott hat seinen Blick erhoben. Und dieser erhobene Blick bedeutet, dass Gott uns im Auge hat und nicht aus dem Blick verliert. Ein tolles Gefühl, wenn uns jemand mit liebevollem Blick im Auge behält. Geben wir dieses gute Gefühl an andere weiter. Lassen wir unsere Handys sinken und heben wieder häufiger den Blick.
Leben verpasst (Life-Hanger)
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